Stand: 08.03.2018 16:48 Uhr

"Der letzte Herr des Waldes": Expedition zum Amazonas

Ob Nahrung, Medizin oder Spiritualität: Das Leben der Tenharim ist tief im Amazonaswald verwurzelt. Doch ihr Lebensraum wird zunehmend von Holzfällern bedroht. Einst zählte das Volk der Tenharim 10.000 Angehörige, heute sind es nur noch 1.000.

Krieger.

Bedrohter Lebensraum Amazonasgebiet

Bücherjournal -

Thomas Fischermann hat bei seinen Reisen ins Amazonasgebiet das Vertrauen eines jungen Kriegers erlangt und seine Geschichte aufgeschrieben: "Der letzte Herr des Waldes".

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Der "Zeit"-Redakteur Thomas Fischermann pendelt als Korrespondent zwischen Rio de Janeiro und Hamburg. Auf mehreren langen Reisen in den Wald lernte er 2013 den jungen Tenharim-Krieger Madarejúwa kennen und gewann sein Vertrauen. Über Jahre hinweg reiste er immer wieder in das Gebiet des Stammes zurück und nahm am Leben der Tenharim teil. In seinem neuen Buch "Der letzte Herr des Waldes" hat er diese Geschichte aufgeschrieben - nicht aus seiner Perspektive, sondern aus der des jungen Kriegers.

Die Tenherim: Volk der Indianerkrieger am Amazonas

Herr Fischermann, Ihr Buch heißt "Der letzte Herr des Waldes". Wie sind Sie auf den Titel gekommen?

Thomas Fischermann: In dem Maße, in dem die Holzfäller im Augenblick vorrücken, werden die letzten Indianervölker dieser Gegend zu so einer Art Wächter, Verteidiger, Herren des Urwalds, der noch dort steht. Man kann das sehen, wenn man auf die Satellitenbilder schaut: Da gibt es ab und zu große Flecken zusammenhängender Waldgebiete, die letzten Flecken zusammenhängender Waldgebiete im Amazonas. Und das sind fast alles indigene Gebiete oder Naturschutzzonen des Staates, in denen auch indigene Völker leben. Dort verteidigen diese Völker ihren Wald, ihre Heimat, und deswegen steht der Wald dort noch.

Das Buch hat mich beim Lesen auch ein bisschen traurig gemacht. "Der Herr des Waldes", der zu verschwinden droht. Wie gehen Sie mit so einem Gefühl um? Teilen Sie das überhaupt?

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Mit den Amazonas-Indianern unterwegs

NDR Kultur -

Der Journalist Thomas Fischermann erzählt in seinem Buch "Der letzte Herr des Waldes" von einem bedrohten Amazonas-Volk, das er seit Jahren kennt.

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Fischermann: Ja, ich bin schon manchmal sehr traurig gewesen, weil ich an dieser Person des Madarejúwa verstanden habe, was es für ihn bedeutet. Denn er ist ja jemand, der durchaus weiß, was ein Fußballtrikot oder was eine Sonnenbrille ist, und er besorgt sich so etwas auch ganz gerne. Er hat auch schon einen Versuch gemacht, in der Stadt zu leben und dort zur Schule zu gehen - das ist aber nach einiger Zeit abgebrochen worden. Er wüsste nicht, wer er ist, wenn der Wald nicht mehr da wäre. All seine Orientierung, all sein Wissen, all sein Humankapital ist daran ausgerichtet, dass er weiß, wie er mit dem Wald umzugehen hat. Er weiß zu jagen, welche Pflanzen er essen kann, was er sammeln kann, welche Heilmittel wo sind. Und er weiß auch, dass all diese Geschichten, diese Wahrheiten, die er von seinem Volk erfahren hat, gebunden sind an Orte und Vorgänge in diesem Wald. Wenn der Wald weg ist, dann ist das alles weg, dann ist das nichts mehr wert.

Welche Rolle spielt die Musik bei diesen Völkern?

Infos zum Buch

Titel: "Der letzte Herr des Waldes"
Verlag: C. H. Beck
ISBN: 978-3406721533
Seiten: 205

Fischermann: Musik ist ein sehr intensives Erleben in dieser Kultur. Ich habe dort viel Musik gehört und sie war mir sehr fremd. Sie ist sehr atonal und sehr stark rhythmisch. Sie ist aber sehr allgegenwärtig und man macht eigentlich über alles ein Lied, über die Jagd, über die Begegnung mit dem Geist, über die Geschichte, darüber, dass ein neues Haus gebaut worden ist. Man macht über alles Lieder und freut sich - und man macht Lieder über die Dinge, die traurig sind. Wenn man etwa jemanden verloren hat und erinnert sich an sie. Es wird sehr viel Erinnerung und Wissen transportiert in diesen Liedern. Das ist ein Prozess, der sehr ausgiebig ist. Man feiert auch in Gruppen zusammen und hört dabei Musik. Man bringt alle Lieder an einen Ort zusammen und spielt sie alle zusammen, und manchmal sogar alle gleichzeitig.

Man lernt sehr viel, wenn man dort unterwegs ist. Sie haben von den Tenharim bestimmt auch viel gelernt. Wie hat sich Ihr Verhältnis zur europäischen Welt, wie Sie sie kannten, verändert?

Fischermann: Wenn man aus dem Regenwald zurückkommt, fällt einem als erstes auf, wie viel wir haben, welche Vielfalt wir haben. Dinge, die dort ein sehr wertvoller singulärer Gegenstand sind, wie etwa eine Nagelschere, die sieht man hier im Kaufhaus in einer Reihe neben hundert anderen Nagelscheren, die alle unterschiedlich sind. Und angeblich soll es mir einen Vorteil verschaffen, dass ich zwischen all diesen Modellen auswählen kann. Das geht bei allen Dingen so: Wenn ich eine Hose kaufe, eine Tomatensuppe in der Dose oder Backpulver - ich habe überall diese riesige Auswahl, und man vergisst sehr schnell, dass man das alles eigentlich für ein gutes Leben nicht unbedingt braucht.

Das Gespräch führte Petra Rieß

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassik à la carte | 09.03.2018 | 13:00 Uhr

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