Stand: 11.06.2019 15:36 Uhr

Zwiegespräch mit dem verstorbenen Vater

Die Fallenden
von Mikael Torfason, aus dem Isländischen von Tina Flecken
Vorgestellt von Agnes Bührig

Mikael Torfason, geboren 1974 in Reykjavik, zählt zu den wichtigsten isländischen Gegenwartsautoren. Auch hierzulande hat er schon beeindruckt: Für das Schauspiel Hannover hat er den Schöpfungsmythos "Edda" neu interpretiert, dafür wurde er im vergangenen Jahr mit dem wichtigen Theaterpreis "Der Faust" ausgezeichnet. Es waren bewegende Zeiten für Torfason, er schrieb gerade an seinem Roman, da starb sein Vater. Nun erscheint "Die Fallenden" auf Deutsch.

Bild vergrößern
Torfasons Entschluss, Romane zu schreiben, wurde von seinem Lyrik liebenden Vater nicht mit Freude aufgenommen.

Mikael Torfason sitzt in einem Krankenhaus in Göteborg am Bett seines todkranken Vaters, der auf eine neue Leber wartet. Doch ob das Leben von Torfi Geirmundsson mit einer Transplantation gerettet werden kann, ist äußerst ungewiss. Ein neues Organ erhält nur, wer sechs Monate zuvor nicht getrunken hat. Eine Voraussetzung, die der Patient nicht erfüllt. Im Zwiegespräch mit dem Vater erinnert sich der Sohn an ihr gemeinsames Leben, das immer wieder geprägt vom Alkohol war.

Eine schwierige Kindheit

"Papa ließ sich ein Bad einlaufen und entkorkte die zweite Flasche Rotwein. Dann stellte der den CD-Player mit 'I'm Your Man' von Leonard Cohen auf Repeat. Papa las in der Badewanne Gedichte und schenkte sich Rotwein nach. Er hatte während meiner Kindheit schon viele Lyrikbände in der Badewanne ruiniert, und auch dieser soff irgendwann ab, als er einschlief. Sigurður Pálsson oder Sigfús Daðason. Ich weiß es nicht mehr. Aber ich weiß noch, dass ich ins Bad ging, nachdem ich Leonard Cohen ausgestellt hatte, und zu Papa sagte, er solle aus der Badewanne kommen." Leseprobe

Es ist die Erzählung eines Sohnes, der in den 1980er-Jahren in Island aufwächst: der Vater Alkoholiker, die Mutter psychisch krank, die Eltern geschieden. Nüchtern erzählt Mikael Torfason sein Leben: Von einer Mutter, die immer wieder in Depressionen versinkt - mal als Mitglied der Zeugen Jehovas, dann wieder ausgestoßen als Sündenfall. Von bizarren Aktionen seines Vaters, etwa wie dieser - inzwischen ein erfolgreicher Friseur und Geschäftsmann - 20 Flaschen hochprozentige Mundspülung im Flugzeug aus London importiert.

Die Liebe zur Lyrik stammt vom Vater

"Mein Vater war ein sehr schwieriger Mensch", erzählt der Autor, "mit verrückten Phasen in seinem Leben. Aber er war auch mein bester Freund, ein sehr schwieriger Freund. Wir hatten viele Gemeinsamkeiten, die alle mit Literatur zu tun hatten. 'Die Edda' ist die Quelle für uns Isländer. Mein Vater ist damit aufgewachsen. Er war vor allem ein Lyrik-Fan. Ich hingegen wollte Romane schreiben. Das war für ihn nur die zweitbeste Wahl. Denn die Sprache der Götter ist das Gedicht."

Eine Sprache, zu der Mikael Torfason im letzten Jahr zurückkehrte, indem er "Die Edda" zum Theaterstück am Schauspiel Hannover machte. Zur selben Zeit schrieb der studierte Anglist und frühere Zeitungsherausgeber an seiner eigenen Familien-Saga. Nach dem ersten Band, der von seinen traumatischen Erlebnissen als kleines, schwer krankes Kind in den 1970er-Jahren handelt, thematisiert der Isländer im aktuellen Buch auch seinen Schreibprozess.

Erinnerungen an die Vergangenheit

"Es ist seltsam, die eigenen Erinnerungen an die Vergangenheit hervorzukramen und mit den Versionen anderer Leute abzugleichen. Noch nicht einmal die Gefühle scheinen real zu sein. Vielleicht gibt es keine Tatsachen, nur Interpretationen, um mit Nietzsche zu sprechen. Jedes Mal, wenn man sich etwas ins Gedächtnis ruft, schreibt man seine Geschichte neu. Das tut man immer wieder, Jahr für Jahr, Jahrzehnt für Jahrzehnt. Manchmal bin ich heilfroh, dass ich mir nicht alles eingebildet habe ..." Leseprobe

Mikael Torfason schreibt kurzweilig über die turbulenten Zeiten seiner Jugend. Erstaunlich munter ob der zum Teil katastrophalen Familien-Ereignisse fügt er eine Vielzahl von Einzelszenen zu einem bunten Mosaik zusammen. Nicht zuletzt ist "Die Fallenden" eine Liebeserklärung an seinen Vater: kein Mensch ohne Fehler, aber immer einer, der für ihn da war.

Die Fallenden

von
Seitenzahl:
292 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Stroux edition
Bestellnummer:
978-3-9818430-9-5
Preis:
23,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 12.06.2019 | 12:40 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Mikael-Torfason-Die-Fallenden,diefallenden102.html
04:48
NDR Kultur

Agnès Poirier: "An den Ufern der Seine"

14.06.2019 12:40 Uhr
NDR Kultur

Agnès Poirier transportiert in ihrem Buch "An den Ufern der Seine" viel von dem unvergleichlichen Existenzgefühl, das man heute in Paris nur noch mühsam aufspüren kann. Audio (04:48 min)

04:09
NDR Kultur

Colson Whitehead: "Die Nickel Boys"

13.06.2019 12:40 Uhr
NDR Kultur

Colson Whiteheads Roman über schwarze Jugendliche, die in einer Besserungsanstalt ums Leben kommen, hat eine nüchterne Sprache, die beim Leser Empörung weckt. Audio (04:09 min)

04:28
NDR Kultur

Mikael Torfason: "Die Fallenden"

12.06.2019 12:40 Uhr
NDR Kultur

Mikael Torfason schreibt erstaunlich munter und kurzweilig über zum Teil katastrophale Familien-Ereignisse. Audio (04:28 min)

04:29
NDR Kultur

Christina Grätz und Manuela Kupfer: "Die fabelhafte Welt der Ameisen"

11.06.2019 12:40 Uhr
NDR Kultur

Christina Grätz schreibt wunderbar lebendig über Ameisen. Ergänzt wird das Buch durch Wissenswertes zum Thema, das Co-Autorin Manuela Kupfer zusammengetragen hat. Audio (04:29 min)

Mehr Kultur

47:28
NDR Info

Fatima

NDR Info
04:32
NDR Fernsehen