Stand: 14.01.2020 14:40 Uhr  - NDR Kultur

Michael Köhlmeiers selbst erdachte Märchen

Die Märchen
von Michael Köhlmeier
Vorgestellt von Alexander Solloch

Keiner erzählt die alten Sagen und Mythen so kristallklar nach wie Michael Köhlmeier. Der österreichische Schriftsteller, der im vergangenen Herbst 70 Jahre alt geworden ist, hat nun einen riesigen Band mit Märchen vorgelegt: Dies allerdings ist keine Sammlung der alten weithin verstreuten Märchen, keine Nacherzählung. Wer seinen letzten Roman "Bruder und Schwester Lenobel" gelesen hat, in dem - scheinbar unverbunden - jedem Kapitel ein Märchen vorangestellt war, spürte vielleicht schon, dass in Köhlmeier neben allem anderen auch ein formidabler Märchen-Erfinder steckt. Nun also liegen alle seine Märchen vor - mehr als 150.

Alles ist wahr, was dieser Märchenerzähler seinem Publikum zum Besten gibt, daran kann kein Zweifel sein.

Es war so genau so, da könnt ihr die Stirn runzeln, bis euch die Falten das Hirn quetschen. Leseprobe

Düstere Geschichten erzählen von unseren Urängsten

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Köhlmeiers Märchen spielen nicht selten in Gegenwart oder jüngerer Vergangenheit.

Tun wir ja gar nicht. Denn diese Erzählstimme, die mit Vorarlberger Singsang raunt und flüstert und ächzt und stöhnt, diese Stimme sagt nur, was stimmt. Sie sagt uns, wovon wir nachts träumen, was wir fürchten, was uns den Verstand raubt. Da sind zum Beispiel "die wilden Reiter", Gespenster, deren Lust es ist, die Menschen geistig zu zerrütten.

Das ist sicher lustig, wenn zwei den Verstand verlieren, wenn aber die Möglichkeit besteht, ein ganzes Dorf in den Wahnsinn zu treiben, dann wächst mit der Möglichkeit die Ambition. Das ist bei Gespenstern nicht anders als bei Menschen. Die wilden Reiter sammelten sich vor Nürnberg, der Hauptmann ließ einen Pfiff ab, da saugten sich aus den Kaminen gewisser Häuser die Nürnberger Gespenster und schlossen sich dem Heer an.
"Wohin geht’s?" - "Nach X." - "Was dort?" - "Verzweiflung." - "Was noch?" - "Tod." Leseprobe

Aber Köhlmeiers Märchen - immer verschattet, oft ganz düster - erzählen nicht nur von unseren Urängsten vor Qual und Leid und gewaltsamem Tod, nicht nur von der Grausamkeit der Natur, der Geister und unserer eigenen Gattung. Sie erzählen auch davon, wie der einzelne Mensch in dieser Konfrontation um Selbstbehauptung ringt. Da treiben also die wilden Reiter ihr verheerendes Unwesen, aber ein Junge, der kleine Leopold, lockt sie in ein Loch und schlägt einen Pfropfen drauf.

Diesen Pfropfen kann man heute noch sehen auf dem Marktplatz im Dorf X. Ich sag aber nicht, wie das Dorf heißt. Sonst kommt zuletzt noch einer und zieht den Pfropfen heraus. Leseprobe

Märchen sind der Kern jeder guten Geschichte

Alles ist wahr, alles ist ausgedacht von Michael Köhlmeier, der natürlich nicht abstreitet, dass er auf sehr starken Schultern steht, denen der Gebrüder Grimm, auf die, meint er, die Deutschen stolz sein könnten wie sonst nur noch auf Goethe.

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Köhlmeier meint: "Alles hat eine Wurzel, alles in der Literatur. Es gibt nichts, was aus Null heraus entsteht. Und ich habe sehr viele Märchen gelesen in meinem ganzen Leben, ich war immer der Überzeugung, dass der Urgrund, also der Kern einer jeder guten Geschichte, ein Märchen ist."

Köhlmeiers Märchen speisen sich aus den alten Geschichten, spielen aber gar nicht selten in Gegenwart oder jüngerer Vergangenheit.

Es war einmal ein Parteitag. Der wurde weit weg von der Hauptstadt abgehalten. Zum Schluss las der Vorsitzende eine Grußbotschaft des Genossen Josef Stalin vor. Da erhoben sich alle von ihren Plätzen und klatschten. Und hörten nicht auf. Denn wer würde der Erste sein, der aufhörte? Was würden seine Gründe sein? Meinte der, der als Erster mit dem Klatschen aufhörte, der Genosse Stalin verdiene nicht, dass man sich ein bisschen zusammennehme und für eine kleine Zeit die Faulheit überwinde und den kleinen Schmerz in den Händen in Kauf nehme? Oder glaubte man, die Hände schonen zu müssen für etwas Besseres? - Nein, keiner dachte daran, mit dem Klatschen aufzuhören. Leseprobe

Und wenn sie nicht gestorben sind, so klatschen sie noch heute. Und wenn Michael Köhlmeier niemals stirbt, so erzählt er uns noch übermorgen, und das wird gut sein.

Die Märchen

von
Seitenzahl:
816 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
illustriert von Nikolaus Heidelbach
Verlag:
Hanser
Bestellnummer:
978-3-446-26374-1
Preis:
58,00 €

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