Stand: 06.08.2020 08:40 Uhr

Karine Tuil stößt ins Zentrum der #MeToo-Debatte

von Katja Weise
Cover des Buchs "Menschliche Dinge" von Karine Tuil © Claassen
Karine Tuil hat ein Vergewaltigungsprozess in den USA zu ihrem neuen Roman inspiriert. Sie hinterfragt das Verhältnis der Geschlechter und die Rolle der sozialen Herkunft.

"Die Gierigen" und "Die Zeit der Ruhelosen" - mit diesen beiden Romanen hat die französische Schriftstellerin Karine Tuil zuletzt auch in Deutschland für Aufsehen gesorgt: messerscharfe Gesellschaftsporträts, die am Beispiel der französischen Republik brisante Themen aufgreifen. Ihr neues Buch hat es ebenfalls in sich. Es heißt schlicht "Menschliche Dinge" und stößt ins Zentrum der immer noch aktuellen #MeToo-Debatte.

Ein Prozess in den USA 2016 hat Karine Tuil inspiriert: Ein Student der Eliteuniversität Stanford war wegen Vergewaltigung angeklagt.

"Die Empörung über das sehr milde Urteil am Ende war groß in den USA, er bekam nur 6 Monate Haft, davon 3 Monate ohne Bewährung. Das hat mich sehr beschäftigt. Der Richter, männlich, weiß, in den Sechzigern verkörperte quasi die Staatsmacht, dagegen rebellierten die Frauen, vor allem viele Studentinnen auf dem Campus. Zwei Kräfte standen sich gegenüber." (Karine Tuil) LESEPROBE

In den kommenden zwei Jahren verfolgte die Autorin im Pariser Justizpalast Vergewaltigungsprozesse und erfand schließlich für ihre Geschichte die Familie Farel. Von außen betrachtet eine Bilderbuchfamilie: Jean Farel, 70 Jahre alt, ist einer der angesehensten politischen Fernsehjournalisten in Frankreich, seine deutlich jüngere Frau Claire schreibt viel beachtete feministische Essays, der 21-jährige Alexandre studiert in Stanford und hat eine Traumkarriere vor sich.

Hinter der Fassade der Bilderbuchfamilie

Doch hinter der Fassade sieht es anders aus. Jean betrügt seine Frau seit Jahren, Claire verliebt sich in einen anderen Mann und zieht aus, Alexandre kann dem insbesondere durch den Vater ausgeübten Leistungsdruck kaum standhalten. Zusammen kommt die Familie noch einmal, als Jean im Élysée-Palast ein wichtiger Preis verliehen wird. Am nächsten Morgen ist alles anders.

Alexandre joggte seit fünfundvierzig Minuten auf dem Laufband, als es klingelte. In Jogginghose, mit nacktem Oberkörper, verschwitzt und außer Atem öffnete er die Wohnungstür und blickte drei Polizeibeamten ins Gesicht. (...) "Wir sind hier, weil eine junge Frau Anzeige gegen Sie erstattet hat. Sie beschuldigt Sie der Vergewaltigung."

Nach der Zeremonie hatte Alexandre auf Wunsch seiner Mutter die 18-jährige Tochter ihres Lebensgefährten, Mila, mit auf eine Studentenparty genommen. Sie hatten Sex - einvernehmlich sagt er, nicht einvernehmlich, sagt sie. Es kommt zum Prozess, seine Wahrheit steht gegen ihre Wahrheit.

"Das ist ein Buch, das die Frage nach dem Standpunkt stellt. Ich versuche, mich in verschiedene Personen hineinzuversetzen, deren Meinungen weit auseinandergehen. Und ich glaube, darum muss es auch gehen: die verschiedenen Interpretationen und Sichtweisen gegeneinander zu stellen. Es gibt keine Sicherheit, keine Antwort." (Karine Tuil) LESEPROBE

Karine Tuil greift auf Originaldokumente aus Prozess in USA zurück

Zwar stellt Karine Tuil grundsätzlich Alexandre und seine Familie in den Mittelpunkt, doch rund die Hälfte des Buches spielt im Gerichtssaal, gibt Aussagen und  Plädoyers wieder. So kommen die Beteiligten einzeln zu Wort, teilweise greift die Autorin dabei auf Originaldokumente aus dem Prozess 2016 zurück. In den sozialen Medien scheint das Urteil schon gesprochen, bevor die Verhandlung überhaupt begonnen hat.

Neben dem Personaleingang hatten sich vor einem Zeitungskiosk Jugendliche mit großformatigen Fotos von Schweinen postiert, auf die sie die Worte FAREL und VERPFEIFDEINSCHWEIN gedruckt hatten. Auch Aktivistinnen von Femen waren gekommen und skandierten: "Keine Gnade für Farel! Sperrt ihn ein, das Täterschwein!" LESEPROBE

Das Verhältnis der Geschlechter und die Rolle der sozialen Herkunft

Die #MeToo-Debatte ist nach der Aufdeckung des Weinstein-Skandals in vollem Gange. Kann Alexandre vor diesem Hintergrund überhaupt Gerechtigkeit widerfahren? Auch diese Frage stellt Tuil. Sie entwirft ein komplexes Szenario - nicht nur das Verhältnis der Geschlechter wird diskutiert, eine beinahe ebenso große Rolle spielt die Frage der sozialen Herkunft. Hat Mila eine Chance angesichts von Jeans weit reichenden Verbindungen? Er fordert das Gericht klar auf, das Leben eines ...

"(...) intelligenten, aufrechten, liebevollen Jungen, eines Jungen, dem bisher alles gelungen ist, wegen eines Akts von zwanzig Minuten (nicht) zu zerstören."

Empörung im Gerichtssaal, Mila verbreitet auf ihrem Blog einen Text.

Du sagst, dass wir das, was hinter den Müllcontainern geschehen ist, unterschiedlich erlebt haben, aber im Grund deines Herzens weißt du doch: Du hast mich vergewaltigt. Du erzählst überall herum, ich sei einverstanden gewesen.

Wie Rollenmuster die Gesellschaft noch prägen

KarineTuil trifft mit diesem Roman ins Herz und ins Zentrum der Debatte. Sie ist klug genug, keine Antworten zu geben. Sie stellt die richtigen Fragen und zeigt gleichzeitig, wie tief bestimmte Rollenmuster die Gesellschaft immer noch prägen. Selbst Claire, die als Feministin gilt, muss sich am Ende eingestehen:

Sie hatte versagt. Ihre Mutter hatte ihr beigebracht, man müsse sich vor der männlichen Aggression hüten, und sie hatte ihrem eigenen Sohn nicht vermitteln können, dass man niemandem die eigenen Wünsche mit Gewalt aufzwang.

Menschliche Dinge

von Karine Tuil, aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff
Seitenzahl:
384 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Claassen
Bestellnummer:
978-3-54610002-1
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 06.08.2020 | 12:40 Uhr

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