Gustave Flaubert: "Memoiren eines Irren" © Hanser

"Memoiren eines Irren": Gustave Flauberts Frühwerk neu übersetzt

Stand: 10.12.2021 08:14 Uhr

Heinrich Mann nannte Gustave Flaubert den "Heiligen des Romans", keiner habe den Roman des 20. Jahrhunderts so geprägt wie er. Sein bekanntestes Werk ist der 1856 erschienene Roman "Madame Bovary".

Gustave Flaubert: "Memoiren eines Irren" © Hanser
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von Anna Hartwich

Aus Anlass seines 200. Geburtstag hat der Hanser Verlag die preisgekrönte Übersetzerin Elisabeth Edl mit der Neuübersetzung seines anderen Hauptwerks "Education sentimentale" beauftragt, das 2020 unter dem Titel "Lehrjahre der Männlichkeit" erschienen ist. Nun hat sie auch noch ein Frühwerk neu übersetzt: "Memoiren eines Irren".

An jenem Tag war ein bezaubernder roter Bademantel mit schwarzen Streifen am Ufer liegengeblieben. Die Flut stieg, - das Ufer war schaumgesäumt - schon hatte eine kräftigere Welle die Seidenfransen des Mantels umspült. Ich nahm ihn hoch, um ihn ein Stück wegzutragen, der Stoff war flauschig und weich. Es war ein Frauenmantel. Leseprobe

 

Die Übersetzerin Elisabeth Edl © imago Foto: Gerhard Liver
AUDIO: Das Gespräch mit der Flaubert-Übersetzerin Elisabeth Edl (26 Min)

Zufallsbegegnung führt zu Flauberts erstem kleinen Roman

 

Der Bademantel ist schuld. Schuld an der Begegnung eines 15-Jährigen mit einer zehn Jahre älteren Frau, die einen Mann hat und eine kleine Tochter. In all seiner Sinnlichkeit: Schuld an der Liebe. Schuld letztlich daran, dass ein schriftstellerisches Werk entsteht, das bis heute lange Schatten wirft.

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Die Übersetzerin Elisabeth Edl © imago Foto: Gerhard Liver

Zum 200. Geburtstag von Gustave Flaubert

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Der junge Mann bringt Maria, wie er sie nennt, ihren Mantel zurück und verliebt sich so über die Maßen und ohne Hoffnung, dass er viele Jahre seines Lebens mit unzähligen Versuchen verbringen wird, diese Liebe in Worte zu fassen. Veröffentlichen wird er davon nichts - es scheint ihm alles nicht gut genug.  

200 Jahre später ist der Hanser Verlag anderer Meinung und würdigt diesen Erstling, der nur 90 Seiten lang ist, mit einem wunderbaren kleinen Buch, das von der Übersetzerin Elisabeth Edl herausgegeben wurde. Flankiert wird Flauberts Text von einer Briefauswahl aus seinen frühen Jahren sowie einem überaus klugen Essay des Flaubert-Kenners Wolfgang Matz, der schreibt: "Es gibt vielleicht nur wenige Menschen, die von allem Anfang an so sehr sie selber sind wie Gustave Flaubert."

Frühwerk voller Rechtschreibfehler

Sein erster Brief im Buch, garniert mit Rechtschreibfehlern, ist datiert auf das Jahr 1831, da ist er neun Jahre alt. Er ist 15, als er sich in "Marie" verliebt, 17, als er die "Memoiren eines Irren" schreibt. Es ist - mit Verlaub - ein bisschen verwegen, das Buch einen "Roman" zu nennen - es ist eher ein pathetischer, größenwahnsinniger, übermütiger Rechenschaftsbericht über das Innenleben eines zukünftigen Genies:

Ich will alles auf Papier bringen, was mir durch den Kopf geht, meine Ideen und meine Erinnerungen, meine Eindrücke, meine Träume, meine Launen, alles, was im Denken oder in der Seele auftaucht, Lachen und Weinen, Weiß und Schwarz, Schluchzer, zunächst dem Herzen entsprungen, dann ausgerollt wie Teig in klangvolle Perioden; und Tränen, aufgelöst in romantischen Metaphern. Leseprobe

Schreiben als Flucht vor Ekel und Langeweile

Der Text ist gespickt mit unvollendeten Sätzen, Gedankenstrichen, Reihungen - Interpunktion ist Nebensache. Flauberts Lesefrüchte von Byron und Rabelais scheinen an vielen Stellen durch, und, ja, da ist er schon, der ganze erwachsene Flaubert: sein Hass auf die bürgerliche Moral, seine Abneigung gegenüber einem geregelten Leben, seine Misanthropie, seine Abwehr von Erwartungen an ihn bezüglich Ehe und Familie, seine Faszination für den Ehebruch. An jeder Ecke des realen Lebens lauern für ihn Ekel und Langeweile, nur das Schreiben bietet Erfüllung.

O mein Gott! Wenn ich den Stil schriebe, der mir vorschwebt, was für ein Schriftsteller wäre ich! Leseprobe

Doch das kommt später. In den "Memoiren eines Irren" steckt sicher ein Kern von realem Erleben, aber es ist auch das Bemühen eines Jungen, "zu lieben, um ein Mann zu werden" - und um daraus Literatur zu machen, das einzig Wahre im Leben.

Ein großartiges, kluges, liebevoll gemachtes Buch für Flaubert-Liebhaber und alle, die es werden wollen.

Memoiren eines Irren

von Gustave Flaubert, aus dem Französischen von Elisabeth Edl
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser
Bestellnummer:
978-3-446-26845-6
Preis:
28,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 10.12.2021 | 12:40 Uhr

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