Buchcover: Angelika Platen: "Meine Frauen" © Hatje Cantz Verlag

"Meine Frauen": 100 Künstlerinnen-Porträts von Angelika Platen

Stand: 27.08.2021 13:47 Uhr

Seit Ende der 60er-Jahre porträtiert die Fotografin Angelika Platen Künstler. Jahrzehnte später fiel ihr auf, dass vor allem Männer auf ihren Fotos zu sehen waren. Jetzt ist ein Band mit 100 Künstlerinnen-Porträts herausgekommen.

von Katja Weise

Hochgeschlossen ist der dunkle Blusenkragen, doch der Blick der jungen Frau mit den raspelkurzen Haaren ist verträumt - fast sanft; in den Mundwinkeln scheint ein Lächeln versteckt.

Es war reiner Zufall, dass ich Hanne Darboven Ende der 1960er-Jahre in Düsseldorf fotografieren konnte. Ich kannte zu dem Zeitpunkt weder ihr Werk noch Hanne. Bei unserer ersten Begegnung ist mir ihr regelmäßiges Gesicht aufgefallen; sie war still und sehr konzentriert auf sich selbst. Leseprobe

Fotografie aus dem Buch "Meine Frauen" von Angelika Platen © Angelika Platen/ VG Bild-Kunst Foto: Angelika Platen
Hanne Darboven 1968 "Im Takt der Schrift"

So erinnert sich Angelika Platen. Über 30 Jahre später hat sie die Konzeptkünstlerin erneut porträtiert: Wieder hat diese den Kragen streng geschlossen, wieder ist sie hochkonzentriert, wirkt jedoch erschöpft: Der Kopf ist kahlgeschoren, unter den Augen liegen tiefe Ringe. Noch einmal vier Jahre später zeichnet ihre Krebserkrankung das fast papieren wirkende Gesicht. Doch der Blick ist weiter erstaunlich ruhig, das Vertrauen Hanne Darbovens in die Frau, die die Kamera auf sie richtet, scheint immens. Diese Entspanntheit der Porträtierten ist auf fast allen Bildern in diesem Band zu sehen.

Präzise, lässig, auf Augenhöhe

Sophie Calle, die Französin, 1953 in Paris geboren, lächelt verschmitzt, ein Schnappschuss, möchte man meinen. Genau das ist der Fotografin wichtig:

Der gewisse gelöste Eindruck, dass der porträtierte Mensch nicht in eine unpassende, erzwungene, von ihm nicht gewollte Situation gebracht wurde. (...) Wenn ein Künstler, eine Künstlerin weiß, wie sehr ein Fotograf sich für das interessiert, was er oder sie entstehen lässt, stört die Kamera sie kaum. Leseprobe

Das Interview mit Angelika Platen ist etwa in der Mitte des Buches zu finden, also mitten unter "Meinen Frauen". Und genauso fotografiert sie auch, präzise, lässig, auf Augenhöhe. Das Entstehen des Porträts ist bei ihr ein Spiel zweier Menschen miteinander. Jenny Holzer hebt den linken Arm, als wolle sie gleich tanzen, Annie Leibovitz lacht herzhaft, Marina Abramovic hingegen stellt sich aus - mit nichts als einer Halskette am Leib.

Platens Fotografien machen neugierig

Fotografie aus dem Buch "Meine Frauen" von Angelika Platen © Angelika Platen/ VG Bild-Kunst Foto: Angelika Platen
Pola Sieverding 2018 "Batwoman"

Die meisten Fotos sind schwarz-weiß, weil das, so Platen, "den farbigsten Ausdruck in das Wesen und den Charakter von Menschen bringt". Doch es gibt auch Farbbilder - auf denen die Tattoos der amerikanischen Malerin Jeanette Mundt leuchten, Mirjam Völker vor einem zitronengelben Stoff strahlt, und in einem ganz in Grün getauchten Porträt sogar die Fotografin zu sehen ist: als Schatten. Kunstwerke sind selten im Bild, denn es geht um die Frau, die Schöpferin. Gleichzeitig machen die Fotografien neugierig auf das, was angedeutet, ausschnitthaft oder eben gar nicht zu sehen ist: Für welche Kunst stehen diese Frauen? Wer sie nicht kennt, muss nachschauen. Aufklärung gibt es nur in wenigen Fällen - von der Journalistin Swantje Karich. Zu der konzentriert zur Seite schauenden Frau mit Federkappe, der Künstlerin Cornelia Schleime, beispielsweise heißt es:

In ihrem wahren Leben schaut Schleime zurück auf ihre Jahre in der DDR, geboren 1953 in Ost-Berlin, studiert sie in Dresden Malerei, weiß früh, dass sie Künstlerin wird, stellt sich nicht gegen das Regime, aber folgt unbeirrbar ihren Ideen, dem Weg der Freiheit, tun und lassen zu können, was man will. Sie ist nie dagegen, aber für alles, was der Stasi missfällt. Leseprobe

Wäre mehr Information hilfreich? Nicht unbedingt. Denn dieser Band lebt von den Bildern, die auf ihre Weise Frauengeschichten erzählen, meistens ganz pur und direkt, manchmal, wie im Fall von Schleime, vorsichtig inszeniert.

In drei Phasen teilt Platen ihre Fotografien: Der Band beginnt mit den wenigen zwischen 1968 und 1973 entstandenen Porträts, es folgen die aus den Jahren 1997 bis 2017, dann, in einem letzten Kapitel, die, die seit 2012 analog und digital aufgenommen wurden. Ganz am Schluss reitet sogar ein Mann ins Bild - der Cowboy aus der bekannten Zigarettenwerbung. Vor dem Plakat sitzt die italienische Künstlerin Monica Bonvicini rittlings in zerrissenen Jeans auf einer Leiter - und lacht. Wunderbar. Es ist Angelika Platen zu wünschen, dass sie auch die Künstlerinnen noch vor die Linse bekommt, die ihr hier "fehlen", unter anderem Pippilotti Rist, Cindy Sherman und Hito Steyerl.

Meine Frauen

von Angelika Platen
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Text(e) von Swantje Karich, Julia Voss, Gestaltung von Andreas Koch
Verlag:
Hatje Cantz
Bestellnummer:
978-3-7757-4881-0
Preis:
40,00 Euro €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 29.08.2021 | 17:40 Uhr

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