Stand: 20.04.2020 13:47 Uhr

Ein surrealistisches Dichterleben in Paris

von Annemarie Stoltenberg

1911 erschien in Frankreich das Buch "Saint Matorel" von Max Jacob. Der Verleger Wolf-Rüdiger Osburg hat nun dieses kleine surrealistische Wunderwerk des französischen Dichters ausgegraben und ins Deutsche übersetzen lassen. Max Jacob wurde 1876 in Quimper geboren, ging nach Paris und lernte dort 1901 Pablo Picasso kennen, mit dem er sich eine Zeit lang ein Zimmer teilte.

Max Jacob: Saint Matorel (Cover) © Osburg Verlag
"Saint Matorel"-Autor Max Jacob war nicht nur Schriftsteller und Dichter, sondern malte auch.

Picasso hat den Roman "Saint Matorel" mit vier Radierungen geschmückt, die in der deutschen Ausgabe mit abgedruckt sind. Übersetzt hat Una Pfau diesen verwunschenen Text, der voller Geheimnisse steckt und sich eher mäandrierend oder schwebend bewegt, wie die Gedanken eines Menschen, der vielleicht in der Badewanne liegt und an dies und das denkt.

Die Handlung spielt in Paris. Die Hauptfigur Victor Matorel arbeitet in der Metro, wir begleiten ihn gelegentlich durch den Untergrund der Stadt. Wie sein Held lebte auch Max Jacob in Paris in prekärer Armut und ging dann ins Benediktinerkloster. In ihrem unglaublich schön geschriebenen, einfühlsamen und hilfreichen Nachwort erzählt Una Pfau vom Leben des Max Jacob. Sie bringt uns diesen unbekannten Autor näher.

Enge Freundschaft mit Pablo Picasso

Die damalige Freundin von Picasso, Fernande Olivier, beschrieb Max Jacob so: "Dieser kleine tänzelnde Mann mit den seltsamen, durchdringenden Augen hinter den Gläsern des Lorgnons. Förmlich, selbstzufrieden und sich, mit dem Hute in der Hand, tief verneigend. Schon kahlköpfig mit leicht verstecktem Blick, die Haut etwas farbig, der Mund schön geschwungen, fein, geistvoll, auch boshaft. Schöne Züge im Ganzen."

Una Pfau dröselt im Nachwort dankenswerterweise die Romanhandlung sorgfältig auf. Sonst könnte man leicht die Orientierung verlieren. In Max Jacobs Roman wird also die Geschichte eines Mannes erzählt, der sein Dasein als Angestellter der Metro verlässt, in ein Kloster geht und eine ausschweifende Ansprache an den Teufel hält.

Es geht quer durch die griechische und ägyptische Mythologie, die jüdische Mystik, mit kabbalistischen Zügen. Der Ton ist burlesk und poetisch. Auch ein Engel erscheint und befiehlt Victor Matorel: "Leg dich auf dein Bett und bete!"

Zwiegespräche mit dem Teufel

Tatsächlich wünscht man dem fabulierenden, zweifelnden, irrenden Victor, dass seine Gedanken ihn für eine Verschnaufpause in Ruhe lassen oder ihm die beschworenen Himmelsgeister gnädig sein könnten, wenn er durch die verschiedenen Höllenräume seiner Gedanken wandert:

"Dunkelgrüne Schweine verschlangen den Bauch der Geizhälse, der Scharlatane und der Fälscher, der Diebe und der Bestechlichen. Ein unerträglicher Gestank der Fäulnis bewirkte, dass die Reisenden sich die Nase zuhielten. Die vergifteten Getränke der Verurteilten verpesteten die Luft. Satan sprach. Wir wissen nicht, was er sagte." Leseprobe

Wir wissen nicht, was er sagte - das ist so einer dieser raffinierten Schachzüge des Autors Max Jacob, von denen Tausende in diesem Text stecken, der nicht einfach zu deuten ist, aber in seiner bizarren Seltsamkeit ein eigentümliches Lesevergnügen verheißt.

Ein schwierig zu deutender Roman

Die Sätze bohren sich in die Gehirnwindungen des Lesers und lösen etwas aus. Etwa wenn Jacob den Engel sagen lässt: "Gott ist in dir. Das Böse ist verschwunden; die Intelligenz ist ein und alles. Entferne das Wasser, das du im Geist hast", ist das so ein kleines christliches Mantra. Dann wieder gibt es schräge Passagen, in denen Victor über die Zustände in Paris räsoniert:

Der Versandleiter wollte den Polizeisekretär bestechen, aber nur der Geschäftsführer hat das Recht, dem Sekretär der Polizei Schmiergelder zu zahlen. Leseprobe

Ausdeuten wird man diesen Roman nicht. Er bietet Stoff für Nachdenken und Grübeln. Der Dichter, Maler und Philosoph Max Jacob wurde 1944 verhaftet, wie seine ganze Familie verschleppt und starb im Sammellager Drancy an einer Lungenentzündung. 

Saint Matorel

von
Seitenzahl:
160 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
mit kubistischen Grafiken von Pablo Picasso
Verlag:
Osburg
Bestellnummer:
978-3-95510-214-2
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 21.04.2020 | 12:40 Uhr

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