Stand: 30.08.2019 10:21 Uhr

Jugend in den 70ern zwischen Liebe und Verlust

Blackbird
von Matthias Brandt
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
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Matthias Brandt erzählt von den Hürden des Erwachsenwerdens und der Komik und Tragik des Lebens.

Mit seinen Geschichten, die 2016 unter dem Titel "Raumpatrouille" erschienen sind, hat der beliebte Schauspieler Matthias Brandt viele Leser begeistert. Eine wirkliche Doppelbegabung zeigte sich in diesen literarisch außerordentlich fein gearbeiteten Erzählungen. Mit seinem ersten Roman hat er sich dann ein bisschen Zeit gelassen. Jetzt, drei Jahre später, erscheint "Blackbird": ein Roman, der das Erwachsenwerden eines Jungen beschreibt, der gerade einen schweren Verlust zu verkraften hat.

Der Ich-Erzähler heißt Morten Schumacher und ist 15 Jahre alt. Wir lernen ihn in einer schwierigen Phase seiner Jugend kennen. Die Eltern werden sich nach jahrelangen erbitterten Streitereien endlich trennen. Für ihren Sohn ist es kaum verständlich, dass sie damit solche Mühe haben. Sein Vater verlässt das Haus, in dem sie bisher sozusagen "Familie gespielt" haben.

Jetzt standen hier nur noch lauter halb gepackte Kartons rum. Mein Vater zog mit seiner neuen Freundin in irgendein Nest, in dem ich noch nicht einmal tot überm Zaun hätte hängen wollen. Es war nicht wirklich am Arsch der Welt, aber man konnte ihn von da aus schon sehen. "Meine Lebensgefährtin", hatte er ein bisschen verlegen gesagt, als wir uns in seinem Zimmer gegenübergestanden hatten, und ich hatte nur gedacht, dass ich dieses Wort nicht gerne für jemanden benutzen würde, in den ich verliebt war. Leseprobe

Brandts Hauptfigur kämpt mit seinen eigenen Problemen

Matthias Brandt legt seiner Hauptfigur eine ganz leicht schnoddrige Jugendsprache in den Mund, nicht die Jugendsprache von heute, sondern die aus den 60er-, 70er-Jahren. Es ist ein Junge, der ernsthaft wirkt, sich Gedanken macht und dazu unwiderstehlich liebenswürdig und urkomisch sein kann.

Die Scheidung seiner Eltern kommt für ihn weder überraschend noch ist sie sein größtes Problem. Er versucht eher, dieses unfassbare Toben von Hormonen im eigenen Körper zu verstehen.

Mortens bester Freund wird todkrank

Dann kommt da ein Anruf. Am Apparat ist der Vater von Bogi.

Bogi war mein bester Freund und hieß eigentlich Manfred Schnellstieg. Das sagte aber außer den Lehrern keiner. Manchmal vielleicht noch seine Eltern. Bogi hieß so, seit Udo Mönch uns vor ein paar Jahren in der großen Pause gefragt hatte, ob wir gestern Abend auch den Film mit Manfred Bogart gesehen hätten. "Hä?" "Na, den Film!", hatte Udo gesagt. "Wie hieß der noch? Kassaplancka! Mit dem Manfred Bogart!" Wir hatten uns krankgelacht, und Udo Mönch, dieser Vollhorst, war stinksauer abgezogen. Leseprobe

Bogi wird schwer krank. Es gibt überhaupt keine Hoffnung auf Heilung, aber er und alle um ihn herum versuchen doch, daran zu glauben, dass er die heimtückische Krankheit überstehen könnte. Zuerst schafft sein bester Freund Morten es nicht wirklich, ihn zu besuchen, weil es ihn einfach zu sehr deprimiert.

"Blackbird" ist ein Buch zum Freundschaftschließen

Aber irgendwann kriegt er doch noch die Kurve. Währenddessen rast sein eigenes Leben natürlich auch weiter. Er verliebt sich in ein Mädchen, und das Mädchen verliebt sich in ihn. Aber es ist wohl für Jugendliche ganz schwer zu akzeptieren, dass jemand sie einfach mit Haut und Haaren liebt. Steffi geht nicht wie die Gleichaltrigen aufs Gymnasium, sie macht eine Ausbildung als Schornsteinfegerin. Die beiden kommen sich näher, und Steffi zeigt Morten eines Tages die Operationsnarben, die sie am Bauch hat. Sie ist für ihn da, als er einen wirklichen Nervenzusammenbruch erleidet, seelisch nahezu implodiert, als Bogi stirbt. Nach einer Zeit in der Klinik trifft er sie wieder. Sie gehen zusammen auf den Friedhof und versuchen, eine Art Abschied von Bogi hinzubekommen. 

Ich legte den Arm um sie. Ob es ein gutes oder schlechtes Zeichen war, dass sie weinte, wusste ich nicht. Ich war sehr traurig und hoffte gleichzeitig, dass ich Steffis Narben heute noch zu sehen bekäme. Das war mir vor Bogi in seinem Erdloch ein bisschen peinlich. Aber nicht wirklich. Der Tropfen an Steffis Kinn wurde immer größer, und als er runterfiel, spiegelte sich in ihm die ganze Welt um uns herum. Leseprobe

Eine Reise zum Übergang ins Erwachsenenleben Anfang der 70er-Jahre. Ein Buch zum Freundschaftschließen, nachts, wenn es dunkel und keiner in der Nähe ist. So empfahl es seinerzeit Kurt Tucholsky: Entweder man küsst eine Frau oder man umarmt ein Buch.

Blackbird

von
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch Verlag
Bestellnummer:
978-3-462-05313-5
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 20.08.2019 | 12:40 Uhr

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