Stand: 17.02.2017 10:00 Uhr  | Archiv

Porträts, die Geschichten erzählen

von Lenore Lötsch

Wenn in diesen Monaten ein Bildband mit dem Titel "Mittelmeer" erscheint, dann hat man eine bestimmte Erwartung: Vermutlich wird es um Flüchtende gehen, um Elend und Tod, um Katastrophen. Doch der Band "Mittelmeer" aus dem Mare Verlag zeigt etwas ganz anderes: Er erkundet den Kulturraum, der vor nicht allzu langer Zeit unser aller Sehnsuchtsort war - und das vor allem in Porträts der Mittelmeerbewohner.

Das Mittelmeer zeigt sich in den Gesichtern

Er muss gerade erst aus dem Wasser gestiegen sein: Auf seiner nackten Schulter bilden die Tropfen ein unregelmäßiges Perlenmuster und in seinem gekräuselten Vollbart hängen sie ganz unten, bereit zum Fall. Er heißt zwar Daniele Calabrese, der Rettungsschwimmer aus Messina auf Sizilien, eigentlich aber wirkt er wie eine Wiedergeburt Neptuns: azurblaue Augen, in denen Skepsis schimmert, lockiges Haar - widerspenstig und sonnengebleicht, und ein altersloses Gesicht: Er kann 20 sein, aber auch 50.

Nur zwei Seiten weiter ein ähnlicher Typ: diesmal ein massiger Körper, die Arme in Schulterhöhe angewinkelt. Mit Daumen und Zeigefinger hält er zwei Fische in die Kamera. Auch hier: Skepsis im Gesicht. Diesmal in Form einer tiefen Furche über dem rechten Auge. Karime, der Fischhändler im militärischen Teil des Hafens von Algier, ließ sich eine Stunde lang bitten, bevor Mathias Bothor ihn fotografieren durfte: "Irgendwann hat er dann so, mit so einer Kopfbewegung gesagt, hey, komm mal mit jetzt! Und dann hat er halt die Posen gemacht. Ich wollte ihn erst mal fotografieren, weil er so toll aussieht, aber auch wegen seines T-Shirts. Das ist eine verblichene amerikanische Fahne und darunter steht: Faded Glory. Mit dem Gesichtsausdruck, mit dem Bart, dachte ich mir: Das ist eine Mitteilung, auf jeden Fall!“

Ein Projekt für viele Jahre

"Faded Glory" - also verblichener Ruhm - das könnte auch die Überschrift sein für das Mittelmeerprojekt, das den Fotografen Mathias Bothor vier Jahre lang immer wieder in die Region geführt hat. In dieser Zeit wurde das Meer zum Flüchtlingsgrab und Bothor und sein Verleger hatten Zweifel: "Okay, was machen wir jetzt? Mare ist kein politischer Verlag, das soll auch kein politisches Buch werden… Gehen wir noch mehr auf die Leute, was ohnehin schon klar war? Wo ähneln die sich? Am schönsten sieht man das auf Sizilien, denn in Sizilien sind alle gewesen. Und da hast du halt Gesichter, da siehst du eigentlich das ganze Mittelmeer."

Doch der Fotograf, der für dieses Projekt erstmals digital fotografiert hat, streifte nicht nur durch Sizilien, sondern auch tagelang durch Algier, Tunis, Istanbul und Saint Tropez.

Verblüffend sind vor allem Bothors Porträts der jungen Leute: Denn die Furchen der Alten, das gelebte Leben in den Falten der Augen, die hat man auch schon woanders gesehen. Gerade bei den Jungen aber offenbart er einen Blick für Archetypen und verstärkt die Wirkung auf seinen Bildern immer noch etwas.

Porträts dominieren diesen Bildband

Dina aus Alexandria, eine junge Frau mit so viel Rebellion, so viel Rotzigkeit im Gesicht, man möchte sie mit ihrem Piercing unter der Lippe und ihrem schief geschnittenen Pony zur Galionsfigur einer Frauenrechtsbewegung machen. Bothor hat ihr, bevor er fotografierte, eine Zigarette angeboten, die hängt nun im Mundwinkel: "Die ist kein Symbol des ägyptisch feministischen Widerstands oder so was. Die ist einfach eine junge Frau, die da lebt. Sie möchte einfach kein Kopftuch tragen und geht auch nicht in die Moschee und hat auch einen starken Konflikt mit ihren Eltern deswegen. Aber das ist keine Opposition, sie ist nicht für mich etwas Symbolisches, sondern ich finde sie einfach toll! Das ist ja das einfachste der Welt, einfach Leute fotografieren, die man toll findet", sagt Bothor.

Die Menschen bestimmen diesen Bildband: Nie sind sie beiläufig fotografiert, immer ahnt der Betrachter, das es eine Vorgeschichte gibt. Für das Lächeln der Obsthändlerin in Ägina genauso wie für die Muffeligkeit der alten Zyprioten, die im türkischen Teil der Insel ausharren und allmorgendlich bei Kaffee und Zigaretten die Lage diskutieren in einer Kulisse, die an kubanische Villen im fortgeschrittenen Verfall erinnert.

Ein Bildband gegen die Einseitigkeit der Nachrichten: mit Fotos mal in schwarz weiß, mal in sandigem Ocker und schimmerndem Blau. Und in jedem Foto hat die Warmherzigkeit sich eine Ecke reserviert.

Mittelmeer

von Mathias Bothor
Seitenzahl:
144 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Mit Texten von Joachim Sartorius, herausgegeben von Nikolaus Gelpke. Mit exklusiv für mare komponierter Mittelmeer-Musik als Download und einer großen Faltkarte.
Verlag:
mare
Bestellnummer:
978-3-86648-264-7
Preis:
58,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 19.02.2017 | 17:40 Uhr

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