Stand: 29.03.2019 19:48 Uhr

Masha Gessen: eine scharfsinnige Beobachterin

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Masha Gessen erhält den Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung.

Die in New York lebende amerikanisch-russische Journalistin Masha Gessen hat auf der Leipziger Buchmesse den Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhalten. NDR Kultur hat sie in Leipzig getroffen - und mit ihr über das postsowjetische Russland und die Nähe zwischen Wladimir Putin und Donald Trump gesprochen.

Frau Gessen, "Die Zukunft ist Geschichte", so heißt Ihr jüngstes Buch, eine so scharfe wie gründliche und leidenschaftliche Analyse. Sie versuchen darin zu erklären, wie der Totalitarismus Russland wiedergewann. Ein starkes Wort: Totalitarismus. Woran erkennen Sie totalitäre Strukturen im heutigen Russland?

Masha Gessen: Ich sage nicht, dass Russland ein totalitärer Staat ist. Es hat keinen Staatsterror, und - wichtiger noch - es hat keine Ideologie. Das sind die zwei Kennzeichen eines totalitären Staats. Russland hat einen Mafiastaat. Aber etwas Eigenartiges ist passiert: Weil dieser Mafiastaat auf den Ruinen einer totalitären Gesellschaft entstanden ist, ist die Gesellschaft zu ihren totalitären Gewohnheiten zurückgekehrt. Die gelebte Erfahrung in Russland heute ist die Erfahrung, in einer totalitären Gesellschaft zu leben. Es ist die Erfahrung eines konstanten, niedrigen Grades von Angst. Es ist die Erfahrung horizontaler Machtausübung. Die Erfahrung ernsthafter, wenn nicht hoher, so doch ernsthafter Bedrohung. Die Erfahrung kollektiver Geiselnahme. Es ist die Erfahrung extremer Instabilität, angesichts einer Ideologie oder Idee von Stabilität. All das ist charakteristisch für das Leben in einer totalitären Gesellschaft. Wir haben also dieses bizarre Hybrid einer totalitären Gesellschaft, die von einem Mafiastaat regiert wird.

Die Autorin Masha Gessen schaut nachdenklich bei einer Veranstaltung der Leipziger Buchmesse © Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa / Verwendung weltweit Foto: Jan Woitas

Das komplette Interview zum Nachhören

NDR Kultur - Das Gespräch -

über den russischen Retro-Totalitarismus, die Nähe zwischen Wladimir Putin und Donald Trump und über die Hoffnung, in der Krise der Demokratien positive

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Was meinen Sie genau, wenn Sie sagen, Russland ist ein Mafiastaat?

Gessen: Ich verwende eine Definition des ungarischen Politologen Bálint Magyar, der inzwischen einige Bücher über den Begriff des "Mafiastaats" geschrieben. Das waren Bestseller in Ungarn. Er verdeutlicht, dass die strukturellen Eigenschaften von Ungarn und Russland und wohl auch einigen anderen Ländern unvergleichlich sind. In einem Mafiastaat gibt es einen einzigen Kopf eines Clans und einen einzigen Patriarchen, der Geld und Macht verteilt. Es ist höchst personalisiert und auf ihn fokussiert. Das ist sehr wichtig zu verstehen, denn wenn wir Russland in traditionellen politikwissenschaftlichen Begriffen analysieren, nehmen wir oft an, dass es eine Reihe relativ unabhängiger Akteure gibt, zum Beispiel eine Elite, die sich gegen Putin zusammenschließen kann. Aber wenn man es als Clan betrachtet, der vollkommen zentriert ist, wird klar, dass das unmöglich ist, dass eine horizontale Solidarität nicht machbar ist. Da sind noch ein paar andere Elemente, die ich im Buch behandle und von denen ich glaube, dass sie für ein heutiges Verständnis von Russland notwendig sind und "Mafiastaat" zum genauesten Begriff machen, der uns heute zur Verfügung steht.

Sie wurden 1967 in Moskau geboren und waren 14 Jahre alt, ein Teenager, als Sie die Sowjetunion mit ihren Eltern und Ihrem Bruder verließen und in die USA emigrierten. Die Welt stand Ihnen offen. Und doch entschieden Sie, im Frühjahr 1991 nach Russland zurückzukehren. Warum?

Gessen: Ich hatte mich ja nicht entschieden, für immer nach Russland zurückzugehen. Ich war eine junge Reporterin, die für Recherchen nach Moskau fuhr und mir wurde klar, dass es der absolut interessanteste Ort auf der Welt war. Und ich wollte an dieser Geschichte dranbleiben. Ich wusste nicht, dass ich auch 20 Jahre später noch an dieser Geschichte schreiben würde. Ich dachte auch, dass ich ein mir fremdes Land vorfinden würde, dessen Sprache ich zufällig spreche. Aber die physische Erfahrung, nach Hause zu kommen, war überwältigend. Das hatte ich nicht erwartet. Es machte mich auch wütend, weil ich dachte: Warum kann ich das nicht haben, diesen Zustand physischer Geborgenheit, dieses Gefühl von Zugehörigkeit, das ich in Moskau habe? Dann pendelte ich für ein paar Jahre zwischen Moskau und New York, dann blieb ich dauerhaft in Moskau, für ein paar Jahre, dachte ich. 20 Jahre später, ich lebte inzwischen mit meiner Familie dort, musste ich wieder gehen - wegen der Anti-Homosexuellen-Kampagne. Aber Moskau ist noch immer noch mein Zuhause - und ich meine das nicht sentimental, ich liebe das Leben in New York, ich bin sehr glücklich in New York. Aber in Russland habe ich eine Gemeinschaft. Eine eng verbundene Gemeinschaft von Freunden, die sich alle kennen, füreinander da sind, füreinander sorgen, wenn jemand in Schwierigkeiten ist. Amerikaner nennen das erweiterte Familie; Russen nennen es Freundschaft.

"Ich war eine dieser jungen Leute, die alles erreichten in den 1990er Jahren", haben Sie einmal geschrieben. Russland war damals noch ein unbeschriebenes Territorium, jede Reportage betrat journalistisches Neuland. Sie haben alles erreicht - abgesehen von der Heimat, die Sie erhofft hatten: offen für eine jüdische, lesbische, intellektuelle Person wie Sie. Würden Sie Ihre zweite Migration aus Russland tatsächlich als eine Flucht beschreiben?

Gessen: Naja, der Staat drohte damit, mir eines meiner Kinder wegzunehmen. Mein ältester Sohn ist adoptiert. Ich adoptierte ihn, als er zwei war. Heute ist er zwanzig, zur betreffenden Zeit war er vierzehn. Der Verfechter der Gesetze gegen Homosexuelle, Vitalij Milonow, sagte in einem Interview in der Komsomolskaja Prawda, der größten Zeitung des Landes, dass der Staat gegen Amerikaner vorgehen sollte, die russische Waisen adoptieren und sie in pervertierten Familien aufziehen, wie in Masha Gessens Familie. Das war eine eindeutige Mitteilung an mich. Ich konsultierte einen Anwalt. Er sagte: Ja, das ist eine Botschaft. 'Die Antwort auf Ihre Frage ist am Flughafen', wie ein altes sowjetisches Sprichwort lautet. Im Juni 2013 billigte das russische Parlament, die Duma, ein gesetzliches Verbot für gleichgeschlechtliche Paare, Kinder aufzuziehen. Eine Woche später, als das Gesetz in Kraft trat, setzte ich meinen Sohn in ein Flugzeug. Er flog in die USA, zu meinem Vater. Und ein paar Monate später kam der Rest von uns nach. Ich hatte nicht das Gefühl, eine Wahl zu haben. Es gab keinen freien Entscheidungsprozess. Wir sind nicht umgezogen, wir sind geflohen. Unter sehr komfortablen Umständen: ich hatte einen US-amerikanischen Pass; ich hatte das Geld, eine Wohnung in New York zu kaufen. Ich habe schon Leute auf viel schlimmere Weise fliehen sehen. Ich kenne Homosexuelle, die Russland verlassen mussten, ohne Zeit zum Packen zu haben, oder gar ihre Wohnung zu verkaufen und eine andere in New York City zu kaufen. Es war also eine komfortable Flucht, aber es war eine Flucht.

Sie sagen, es gibt kein "Ich" in Ihrem Buch, aber in Ihrer Dankesrede zum Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung sagten Sie, in "Die Zukunft ist Geschichte" wollten Sie über eine Abwesenheit schreiben. Abwesenheit scheint Sie überhaupt magnetisch anzuziehen: Wladimir Putin ist der Mann ohne Gesicht, die jüdische Autonomie Birobidschan ist der Ort, an dem die Juden nicht sind. Und in Ihrem jüngsten Buch zitieren Sie immer wieder Russen, die sagen: "Buduschtschevo net", "Es gibt keine Zukunft." Ist das tatsächlich eine typische Redewendung in Russland heute: Es gibt keine Zukunft?

Programmtipp
NDR Kultur

Masha Gessen: eine scharfsinnige Beobachterin

30.03.2019 18:00 Uhr
NDR Kultur

Die mit dem Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung ausgezeichnete New Yorker Journalistin spricht über die russische Gegenwart - und natürlich über Putin und Trump. mehr

Gessen: Oh ja! Es ist erstaunlich. Ich habe verschiedene Menschen zu ihrem Leben interviewt. Mehr oder weniger chronologisch, aber auch mehr oder weniger gleichzeitig. Etwa nach der ersten Hälfte begannen alle, diese Formulierung zu nutzen: "Es gibt keine Zukunft." - "Ich habe verstanden, dass es keine Zukunft gibt." - "Da fing ich an zu sagen, es gibt keine Zukunft." Das klang so natürlich für mich, dass es mir zuerst gar nicht auffiel, bis ich dachte: Welche Sprache hat einen Ausdruck für das Fehlen von Zukunft? Ein Kapitel im Buch heißt "Buduschtschevo net", "Es gibt keine Zukunft", in dem ich dieses eigenartige Gefühl thematisiere, das alle meine Protagonisten irgendwann haben: Sie können sich selbst nicht in den Verhältnissen sehen, die vor ihnen zu liegen scheinen.

Aber Sie bleiben nicht bei der Analyse der Zukunftslosigkeit: "Die Zukunft ist Geschichte" bedeutet, wenn ich Sie richtig verstanden habe, dass das offizielle Russland die Rückbesinnung auf alte Werte propagiert. Was sind das für "Werte"? Zaristische, Stalin'sche?

"Die Zukunft ist Geschichte" kann und soll mehrere Bedeutungen haben. Und ich meine sie alle. Ich meine natürlich, dass Russland sich zu einem Staat zurückentwickelt hat, der von den 74 Jahren Totalitarismus bestimmt war. Ich meine auch, dass Russland nicht vorankommt, solange es sich nicht seiner Vergangenheit stellt, seiner Geschichte des Terrors. Ohne eine Vorstellung der Vergangenheit kann es kein Zukunftsbild geben. Und ich meine auch, dass Putin diese Idee vertreten hat, zu einer imaginierten Vergangenheit zurückzukehren. Aber das ist universell und nicht auf Russland beschränkt. Wir sehen heute Demagogen auf der ganzen Welt, die eine Rückkehr zu so einer imaginierten Vergangenheit fordern. Es ist das russische Äquivalent zu: "Make America great again". Und wenn Trump sagt "Macht Amerika wieder groß", wissen wir auch nicht, worauf er sich bezieht. Es ist ein sehr vages Versprechen. Im Grunde sagt er: 'Die Gegenwart fühlt sich so ungemütlich an für dich; die Unsicherheit, die ökonomische Instabilität, die Ungleichheit, die Ortlosigkeit - das ist alles so schrecklich für dich; ich bringe dich in eine Vergangenheit zurück, in der du das noch nicht gefühlt hast.' Genau das ist auch Putins Botschaft, wenn er vom Zweiten Weltkrieg spricht, wenn er sowjetische Symbole erneuert: die Hymne, die Flagge oder Hammer und Sichel. Und natürlich ist das sein Versprechen, wenn er von traditionellen Werten spricht. Welche Tradition, welche Werte genau? Der Punkt ist ja, dass es nicht zu beantworten ist. Das Versprechen ist vage und wird nie erfüllt.

Das Gespräch führte Natascha Freundel

Dieses Thema im Programm:

Das Gespräch | 30.03.2019 | 18:00 Uhr