Stand: 19.11.2019 15:43 Uhr

Walser und altbekannte Gespenster

Mädchenleben oder Die Heiligsprechung
von Martin Walser
Vorgestellt von Claudia Christophersen

Literatur sei das einzige Gebiet, in dem er leben wolle, sagte Martin Walser einmal in einem Interview mit NDR Kultur. Der Schriftsteller, inzwischen 92 Jahre alt, wird nicht müde zu schreiben. Also legt er nahezu jedes Jahr ein neues Werk vor. Er schreibt, also ist er. Jetzt gerade erschienen ist sein Buch "Mädchenleben oder Die Heiligsprechung".

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Martin Walser selbst nennt sein nur 96 Seiten starkes Büchlein 'Legende'.

Sirte ist anders: schreit, stiehlt, isst Ameisen, will fliegen, verschwindet und ist plötzlich wieder da. Ein Arzt stellt die Diagnose Anorexia mentalis et nervosa und schlägt eine Therapie mit Medikamenten vor.

Vater und Untermieter halten das Mädchen für eine Heilige

Der Vater, Ludwig Zürn, glaubt nicht an eine Krankheit, er ist überzeugt: Das Mädchen muss heiliggesprochen werden. Doch wie? Zürn braucht einen Komplizen und findet ihn im Untermieter, Lehrer und Erzähler der Geschichte: Anton Schweiger.

"Dass sie ein Mädchen ist wie kein anderes, habe ich bemerkt. Und sie hat bemerkt, wie sehr ich mich für sie interessiere, wie wichtig für mich alles ist, was sie sagt und tut. Zwischen uns ist etwas entstanden, wofür ich keinen Namen habe." Leseprobe

Schon bald kann Anton Schweiger an nichts anderes mehr denken. Sirte, eigentlich heißt sie Gerlinde, 14 Jahre alt, fasziniert allgemein, begeistert Anton Schweiger. Der wird nicht nur zum Vertrauten von Sirte:

"Frau Zürn zu mir: Furchtbar, wie er sich wieder in ein Baby verwandelt. Der Ein-Zentner-neunzig-Mann, auf dem Rücken liegend, mit den Beinen strampelnd und lallend. Des Öfteren am Morgen, wenn er aufstehen soll, nimmt er den Daumen. Und das hat Sirte gesehen. Sie konnte schon bis hundert zählen, dann nicht mehr. Es war, als gebe sie sich einem Laster hin. Sie fing wieder zu kriechen an." Leseprobe

Verletzte Seelen einer Familie

Da sind sie wieder, die Familienfiguren, deren verletzte Seelen Martin Walser seziert. Die Mutter, schwach und unsicher, gefangen im Schicksal ihrer Ehe. Der Vater, unwirsch, schwankend, früher in der Rüstungsindustrie tätig, betäubt seine moralischen Skrupel mit Alkohol, schlägt und vergewaltigt seine Frau.

Walser zieht den Vorhang auf, leuchtet hinein in das deutsche Gesellschaftspanorama der 1970er-Jahre, kennt das wegduckende Schweigen und die lethargischen Stillhaltekonventionen.

"Sie tut alles, um nicht aufzufallen. Wenn gelacht werden soll, lacht sie. Und jeder, der sie hat lachen sehen, sagt, dass man nicht schöner sein kann als Sirte Zürn, wenn sie lacht. Vielleicht, weil ihr Lachen nicht so tief aus dem Körper und aus der Seele kommt, sondern oben abgeschöpft wird. Ein schöner Schaum. Vielleicht weil ihr Lachen überhaupt nichts heißt, sondern nur dazu dient, dass sie nicht als Nichtlachende unter lauter Lachenden auffällt." Leseprobe

Teile des Romans stammen aus alten Walser-Texten

Nicht auffallen, nicht in die Tiefe bohren, sonst kommt zu viel hoch. "Mädchenleben oder Die Heiligsprechung" ist kein völlig neuer Text. Versatzstücke finden sich bereits in den Tagebüchern von 1961.

Was will Walser mit dieser Wiederaufnahme? "Legende" nennt er seinen Text. Anton Schweiger, der die Heiligsprechung vorbereiten und alles sammeln soll über Sirte, deutet die Großraumperspektive an, die Walser forciert.

"Je länger ich nachforsche, desto deutlicher sah ich, dass die gesellschaftskritische Annäherung keine genügende Erklärung gab. Ich stieß auf absolute Zusammenhänge." Leseprobe

Auch in diesem Buch stellt Walser die Sinnfrage

Absolute Zusammenhänge, die, gestern wie heute, nahezu überzeitlich gültig sind? Damit mobilisiert Martin Walser die Sinnfragen, die er seit Längerem stets aufs Neue traktiert und religiös ausleuchtet. Sirte, das sonderbare Mädchen, das einen Raben das Sprechen und Singen lehrt, erinnert an Franz und Klara von Assisi. Magersüchtig, schwer angeschlagen, konzipiert Sirte gegen alle Widerstände einen eigenen Lebensentwurf mit frommen Implikationen und mystischer Weltdeutung.

Walser selbst, jenseits der 90, zweifelsohne mit der Endlichkeit der eigenen Existenz konfrontiert, hat mit "Mädchenleben" ein verstörendes Buch vorgelegt. Die Geschichte plätschert gefällig vor sich hin, doch steckt der Teufel im Detail, und es sind die altbekannten Gespenster, ob sie nun Zürn heißen oder anders, die sich nicht zum Schweigen bringen lassen und nachgerade zeitlos durch Generationen, deren Traumata und Verheerungen vagabundieren.

Mädchenleben oder Die Heiligsprechung

von
Seitenzahl:
96 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-00196-4
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 20.11.2019 | 12:40 Uhr

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