Markus Ostermairs Obdachlosen-Roman: "Der Sandler"

Stand: 19.01.2021 09:54 Uhr

Der Debüt-Roman von Markus Ostermair "Der Sandler" taucht tief in die Welt der Obdachlosigkeit ein. Der Autor kennt die Szene aus seiner Zeit als Zivildienstleistender in München.

von Peter Helling

Obdachlosigkeit ist ein Tabuthema, über das kaum geredet wird. Allein in einer Stadt wie Hamburg leben 4.000 bis 5.000 Menschen auf der Straße, Tendenz steigend. Die Dunkelziffer ist hoch. Ein Roman über dieses Milieu könnte ganz schnell voyeuristisch werden. In manchen Momenten schnappt man beim Lesen fast nach Luft.

Er setzt sich auf den Klodeckel und streift die alten Schuhe und Socken von den Füßen. Es beißt in der Nase, wenn er die Zehen spreizt, bis der Schmerz an seinen Füßen, der sich anfühlt, als zöge man ein Blatt Papier über die Hautfalte, nicht mehr auszuhalten ist. Leseprobe

Selten kommt man obdachlosen Menschen so nah wie hier, schmerzhaft nah. Karl Maurer war vor Jahren einmal Mathematiklehrer. Für ihn war es der Traumberuf. Sein Leben hatte Fahrt aufgenommen, gerade war er sogar Vater einer kleinen Tochter geworden. Aber dann:

Das Bremsen, das Herumreißen des Lenkrads, gepaart mit der nicht beantwortbaren Frage, ob er nicht vielleicht doch was hätte tun können. Schneller reagieren? Ausweichen? Langsamer fahren? Leseprobe

Behutsame Beschreibungen mit Anteilnahme und Neugier

Unverschuldet, das hat ein Gericht festgestellt, hat Karl Maurer den kleinen Marcel mit dem Auto überfahren. Jedem hätte das passieren können. Aber sag' das mal einer Mutter, die ihr einziges Kind verliert, einem frischgebackenen Vater, den die Schuld erdrückt. Wir erfahren stoßweise, dass das Leben Karls aus der Bahn geraten ist, in kurzen Rückblenden. Jetzt lebt er auf der Straße, den Alkohol als ständigen Begleiter.

Markus Ostermair ist ein bedrückendes Debüt gelungen. Sein Roman "Der Sandler", was die etwas abfällige süddeutsche Bezeichnung für einen Obdachlosen ist, liest sich beinahe dokumentarisch. Fotografisch genau die Beschreibungen von Teestuben, Kleiderausgaben und der Bahnhofsmission, wo Karl und seine "Kollegen", wie es heißt, Jürgen, Albert, Mechthild, vor allem Lenz, ihr Leben fristen. Immer auf der Suche nach einem Dach über dem Kopf, einem sauberen Stück Unterwäsche. Unter dem Münchner Sommerhimmel herrscht schattenloses Elend. Aber hier gibt es eben auch - ein Leben mit ganz eigener Würde.

Das Schlimmste, was man beim Handaufhalten tun kann, ist, tatsächlich die Hand aufzuhalten. Da muss was dazwischen. Ein Hut, ein Kaffebecher oder ein Stück Pappe, das auf dem Boden liegt. Es muss einen Unterschied geben zu den Handlungen an der Kasse. Ware gegen Geld. Und selbst da zählt Karl es lieber ins Schälchen. Nie direkt! Der Rest ist kein Hexenwerk: hinhocken, stieren, fertig. Leseprobe

Das größte Problem ist die viele Zeit zum Nachdenken

Quer über das Gesicht von Karl zieht sich eine Narbe, die hat er von einer Prügelei: Ein Typ hat ihm zweimal eine mit einem Weizenglas übergezogen. Seine Narbe ist so empfindlich, dass er jeden Wetterumschwung stundenlang vorher spürt, seine Kollegen nennen ihn deshalb auch Barometer-Karl. Ein Wetter zieht sich zusammen, so viel ist sicher. Ganz wortwörtlich, aber auch in übertragenem Sinn.

Ostermair beschreibt den Sandler-Alltag behutsam, mit Anteilnahme und Neugier. Beschreibt gedrängte Nähe, vor der man als Leser geradezu instinktiv zurückschreckt. Man erfährt, dass nicht der Schmutz, nicht mal die Scham das größte Problem sind, nein, es ist die Zeit, zäh wie Lehm.

Du hast Zeit. Zeit, über das nachzudenken, was du angestellt hast, der blinde Fleck, die Blicke der Kinder in deinem Nacken, die nur ein paar Jahre älter waren als Marcel. Leseprobe

"Der Sandler" beschreibt bildreich ein hartes Milieu

Karls Freund Lenz greift schicksalhaft in sein Leben ein. Als Kurt mit der Reibeisenstimme, Eisenkurt, der Karl das Gesicht zerschnitten hat, aus dem Gefängnis entlassen wird, beginnt eine atemlose Jagd. Kurt und Karl, beide lassen sich jetzt nicht mehr los. Ein Wettlauf um ein Stück Leben, um eine kleine Wohnung. Um ein Ziel.

Manchmal ist "Der Sandler" fast zu dicht, zu bilderreich, manche Erzählung, manches Porträt zu verästelt. Es ist keine leichte Lektüre, kein Spaziergang. Aber wieso auch? Der Roman wirft ein Licht auf ein hartes Milieu, gleich nebenan. Auf Solidarität an unerwarteten Orten. Auf Humor und ja, auch auf Glück. Markus Ostermair erzeugt ein Gefühl der Unsicherheit: Das bürgerliche Leben ist höchst fragil. Wie sagt es Lenz, der Straßenprophet, so treffend?

Der Zufall bestimmt alles. Das will nur keiner wahrhaben. Leseprobe

Der Sandler

von Markus Ostermair
Seitenzahl:
350 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Osburg
Bestellnummer:
978-3-95510-229-6
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 20.01.2021 | 12:40 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Markus-Ostermair-Der-Sandler,dersandler102.html
Alem Grabovac: "Das achte Kind" © Hanser Verlag
5 Min

Alem Grabovac: "Das achte Kind"

Alem Grabovac' Geschichte handelt davon, wie die Suche nach Identität und die Mentalitäten ineinander verflochten sind. 5 Min

Julia Phillips: "Das Verschwinden der Erde" © dtv
5 Min

Julia Philipps: "Das Verschwinden der Erde"

"Das Verschwinden der Erde" ist eine vielstimmige Geschichte, verwoben zum fesselnden Porträt einer Gesellschaft. 5 Min

Nicci French: "Eine bittere Wahrheit" (Cover) © C. Bertelsmann
4 Min

Nicci French: "Eine bittere Wahrheit"

Das Gerichtsdrama "Eine bittere Wahrheit" entwickelt sich so spannend und dramatisch, dass beim Lesen der Atem stockt. 4 Min

Alexander Osang: "Fast hell" © Aufbau
5 Min

Alexander Osang: "Fast hell"

In Alexander Osangs Wende-Roman "Fast Hell" geht es um das DDR-Leben, Stasi, Zusammenbruch und erste Schritte im Westen. 5 Min

Mehr Kultur

Szene aus "Die Fledermaus" an der Staatsoper Hamburg © Staatsoper Hamburg/Karl Forster Foto: Karl Forster

Live: Strauß' "Fledermaus" aus der Staatsoper Hamburg

Exklusiv fürs Radio kommt "Die Fledermaus" heute live in einer konzertanten Fassung aus der Staatsoper Hamburg zu Ihnen. mehr