Stand: 24.03.2020 09:48 Uhr  - NDR Kultur

Wanderung entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze

Abenteuer Grünes Band
von Mario Goldstein
Vorgestellt von Guido Pauling

Während der Teilung Deutschlands in ein Land zwischen zwei verfeindeten Machtblöcken war die innerdeutsche Grenze eine Linie, von der sich Menschen fernzuhalten hatten. Keine Industrie siedelte sich hier an, keine Verkehrswege durchzogen die Landschaft. Der Schrecken für die Menschen wurde zum Segen für Tiere. Schon in den 70er-Jahren bemerkten Naturschützer, dass besonders seltene Vogelarten im Grenzgebiet herumflogen. Kaum war 1989 die Grenze passé, begannen die Anstrengungen, hier die Natur zu schützen.

Mittlerweile geschieht das großflächig auf einem Streifen, der als "Grünes Band Deutschland" bekannt geworden ist. Der Weltreisende und Autor Mario Goldstein hat sich das Grüne Band über die gesamten 1.393 Kilometer erwandert und die Route in seinem Buch "Abenteuer Grünes Band" dokumentiert.

Wie aus flüssigem Gold gegossen erstreckt sich der Morgenhimmel tief im Osten. Der Goldglanz wird hoffentlich die schweren, grauen Wolken verscheuchen, die noch den Großteil des Himmels bedecken. Von den fünf, sechs Häusern im Hintergrund zieht sich ein doppelspuriger Weg wie Schienen aus geriffeltem Beton als lange Gerade durchs Blickfeld. Diesen Weg hat Mario Goldstein in Angriff genommen, beginnend in Grobau/Sachsen, bis an die Ostsee.

Tiere siedeln sich an, die anderswo vom Aussterben bedroht sind

"Das grüne Band" hat ein betongraues Rückgrat: den Kolonnenweg, den die DDR-Grenzer für ihre Patrouillen nutzten. Wo Menschen mit tödlicher Gewalt ferngehalten wurden, konnten sich Tiere ansiedeln, die anderswo vom Aussterben bedroht sind. Mario Goldstein bringt es auf die knappe Formel: "Vom Todesstreifen zur Lebenslinie"

Todesstreifen sind heutzutage die pestizidbesprühten Äcker, in denen unerwünschte Ackerkräuter und -tiere sterben, damit der Mensch seine industrielle Landwirtschaft betreiben kann. Die ehemalige innerdeutsche Grenze dagegen ist zu einem der vielfältigsten Lebensräume Deutschlands geworden.

"Schon allein wenn man hört, 1.200 seltene Arten leben dort, die nutzen das Grüne Band. Das hat mich neugierig gemacht, mal dort entlangzulaufen, zu schauen was ist denn dort überhaupt? Heute findet man wirklich viel Grün am Grünen Band."

So wie auf Goldsteins Aufnahmen des schmalen Weges im thüringischen Schiefergebirge: Die Betonplatten sind gras- und moosüberwachsen; gleich am Wegesrand sprießen Farne, Büsche, Nadelbäume. Steile An- und Abstiege fordern den Wanderer - und etwas anderes als zu wandern ist auf der unebenen Strecke gar nicht möglich.

Großartige Landschaften in doppelseitigen Aufnahmen

Dafür lassen sich großartige Landschaften entdecken: wie die feuchten Wiesen voller Tümpel und Wasserlöcher im Naturschutzgebiet Rhäden, an der Grenze von Hessen und Thüringen. Gräser, Moose, darüber der früheste Morgennebel, der gelblich über Wassergräben schwebt.

Goldsteins doppelseitige Aufnahme in hunderten Farbtönen zwischen buschgrün, moorgelb und ockerbraun lässt sich ohne Bildunterschrift kaum einordnen. Das Foto könnte ebenso in Vietnam, Schottland oder Florida aufgenommen worden sein - was nur zeigt, welche Landschafts-Anblicke und welche Abenteuer mitten in Deutschland warten!

"Das war ein Abenteuer! Also das hätte ich nicht gedacht, dass das so ein Abenteuer wird für mich", sagt Goldstein, der zuvor auf dem Indischen Ozean, in der Karibik und in Brasilien unterwegs gewesen war. Und der nun inmitten seiner zivilisierten Heimat ähnlich abenteuerliche Touren unternehmen konnte.

Bildband und Wanderführer zugleich

"Zu wandern, dort in der Natur zu sein, zu übernachten auch, spontan mir was suchen zu müssen, zu zelten, unter freiem Himmel geschlafen, Sternenhimmel, ich hab die Elbe gepaddelt, ich hab dort auf Sandstränden übernachtet und die Sternschnuppen gezählt."

Gespräch mit Mario Goldstein
NDR Kultur

Mario Goldstein erobert das "Grüne Band"

04.11.2019 13:00 Uhr
NDR Kultur

1.393 Kilometer in 100 Tagen ist Mario Goldstein zu Fuß entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze gewandert und hat Naturschutzräume entdeckt. mehr

Er hat auch viel fotografiert. Sein Buch "Abenteuer Grünes Band" ist kein reiner Bildband geworden; dafür enthält es zu viel Text, der sehr lesenswert ist: Gespräche mit DDR-Flüchtlingen, die die Grenze zu überwinden trachteten, mit engagierten Naturschützern und mit den Bewohnern der anliegenden kleinen Ortschaften zeichnen ein Bild der Menschen, für die das Grüne Band eine persönliche Lebenslinie geworden ist.

Die zahlreichen kleinen und größeren Fotografien daneben machen aus dem Buch aber auch einen Wanderführer, verlocken die Leserin und den Leser, sich selbst auf die Route zu begeben, auf der sich Bekassinen und Braunkehlchen, Seeadler und Schwarzstörche beobachten lassen.

Abenteuer Grünes Band

von
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
20.5 x 25.5 cm, gebunden, mit 331 farbigen Abbildungen und 2 Illustrationen
Verlag:
Knesebeck
Bestellnummer:
978-3-95728-279-8
Preis:
35,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 29.03.2020 | 17:40 Uhr

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