Stand: 05.03.2020 14:17 Uhr

Maren Kames: "Luna Luna"

von Alexander Solloch

In Überlingen am Bodensee, also gleichsam bei Martin Walser um die Ecke, ist Maren Kames 1984 zur Welt gekommen. Heute lebt sie in Berlin, zuvor hat sie in Tübingen und Leipzig Kulturwissenschaften und Philosophie studiert. In Hildesheim besucht sie die Schreibschule, als womöglich talentierteste Lyrikerin, die der Studiengang bislang gesehen hat. "Ich möchte etwas, das unter Einsatz aller Register zustande kommt", hat sie gesagt, als 2016 ihr erstes Buch erschien, das Langgedicht "Halb Taube, halb Pfau".

Cover des Buchs "Luna Luna" von Maren Kames © Secession Verlag
Das Büchlein ist im Züricher Secession Verlag für Literatur erschienen und äußerst liebevoll gestaltet.

Als Langgedicht kann man auch ihre jüngste Veröffentlichung bezeichnen, "Luna Luna". Dieses kleine Werk ist nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse, der ja trotz des Ausfalls der Messe verliehen wird.

Angefochten taumelt uns da jemand entgegen, ein Mensch, den etwas ins Straucheln gebracht hat; doch vor dem Fall kommt die Erinnerung:

in meinen gloriöseren tagen bin ich ziemlich lunar gewesen / und wahnsinnig rastlos, / in den gliedern krachend und griffig, / im wipfel wild, / es rauschte, / ich genoss / und litt / zeitgleich, / immerzu, / ich lachte / harsch / ich klebte / mir eine gans / aus pappmaché / mit flügeln / und allem, / dann / holte ich tief luft / und stach zu, / es platzte, / es stank, / ich sank, / ich ging aus, / circa in der mitte / bin ich entzweigebrochen / und nicht wieder heil geworden. / mehr kann ich vorerst nicht anbieten. Leseprobe

Erinnerungen in Gedichtform

Warum bin ich denn so zerzaust, fragt sich das lyrische Ich, das sich als junge Frau zu erkennen gibt, als "lyrische Maren", als "Mödchen", dem immer wieder alles durcheinanderpurzelt: die Gedanken und Assoziationen, die Silben und die Buchstaben, weiß auf schwarzem Papier.

"Das kann man auch eigentlich nicht ‚schreiben‘ nennen, eher ‚sammeln‘ und ‚ab und zu mal was aufschreiben‘. Dann gibt es einen Moment, in dem ich Fäden - netzwerkartige Dinge - erkenne. Dann fange ich an, Motive, Sätze, Szenen, Räume miteinander zu verknüpfen und etwas zu komponieren", erklärt die Autorin ihre Vorgehensweise.

"Etwas", in dem auch die Kompositionen der anderen ans Mondlicht drängen. Weil der Mensch aus Liedern gemacht ist und die Lieder immer dann in ihm singen, wenn er liebt und wenn er an der Liebe leidet, fädelt Maren Kames fortwährend Versatzstücke von Songtexten aus den letzten Jahrzehnten in ihre Dichtung ein, von Annie Lennox bis Helene Fischer.

Songtexte begleiten die Dichtung

Manchmal ruckelt es dann und holpert, wenn sich das Unterbewusstsein die meist englischsprachigen Verse auf Deutsch ins Gedächtnis ruft und neu zusammenreimt.

ich hab mich davongewundert, / jetzt weiß keiner mehr, wo ich bin. /
insgeheim / stehe ich auf einer mole / im meer / und sehe schön aus /
habe mir einen bären aufgebunden, / am rücken, / gegen den wind, /
aber es kommt keiner / (kein wind und niemand) / und liebt mich.
wofür bin ich überhaupt hier? hö? / hört mir irgendjemand zu? / oder muss ich das alles nächste woche nochmal sagen!
lauf nur noch einmal an mir vorbei, bitte. Leseprobe

Zart und gewaltsam ist diese Mondfantasie: Der Mensch sehnt und kämpft, er führt Krieg und sucht Schutz vorm Dämon des Vergeblichen. Mehr noch: Er trotzt ihm im Beharren darauf, dass die Liebe siegt, solange der Mond nicht vom Himmel fällt. Das haut einen immer wieder um, das ist betörend, und sowieso ist es würdig, ausgezeichnet zu werden: mindestens mit dem Preis der Lunatisch-lustvollen Lyrikleser.

wenn sie mich fragten, nach einer taktik meiner wahl für die zukunft, ich würde sagen: ich möchte mich hier neben dich setzen, dann möchte ich fortan hier neben dir sitzen, und warten. Leseprobe

Luna Luna

von
Seitenzahl:
112 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Secession
Bestellnummer:
978-3-906910-67-3
Preis:
35,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 06.03.2020 | 12:40 Uhr

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