Stand: 09.09.2020 09:42 Uhr

Bei Lydia Davis lauert das Unglück überall

von Jan Ehlert

Sie gilt als die Meisterin der Kurz- und Kürzestgeschichten: Wenn die US-Amerikanerin Lydia Davis sich eines Themas annimmt, dann braucht sie dafür nur wenige Seiten, manchmal sogar nur wenige Sätze. 2008 erschien das erste ihrer Bücher auf Deutsch: "Fast keine Erinnerung". Seitdem hat sich ihre Leserschaft beständig erweitert.

Lydia Davis: "Es ist, wie's ist" © Droschl Verlag
Die Autorin entdeckt die kleinen Feinheiten des Lebens und schenkt ihnen besondere Bedeutung.

Nun ist im Droschl Verlag eine frühe Sammlung von Kurzgeschichten erschienen: "Break it Down", für die Lydia Davis 1986 für den Hemingway Award nominiert war. Auf Deutsch heißt das Buch "Es ist, wie's ist".

Das Unglück lauert bei Lydia Davis überall. Auch aus eigentlich harmlosen Situationen oder Konstellationen kann es entspringen und sich schon im ersten Satz einer Geschichte festsetzen.

Obwohl sich jedermann wünscht, es würde nicht passieren, und obwohl es viel besser wäre, wenn es nicht passierte, passiert es manchmal dennoch, dass eine zweite Tochter geboren wird und dass es dann zwei Schwestern gibt. Leseprobe

Das Buch verändert die Perspektive der Leser

Schon hat sie sich verschoben, die Perspektive auf das Leben. Schon wird man seine eigene Schwester, seine eigenen Töchter, mit anderen Augen sehen. Es ist dabei vor allem der Ton, der die Atmosphäre schafft. Bei Lydia Davis klingt dieser Ton fast ausschließlich in Moll. Mit analytischer Schärfe taucht sie ein in die Gedanken ihrer Protagonisten, die sich mit jeder weiteren Mutmaßung oder jedem weiteren Verdacht tiefer in ihre Unzufriedenheit hineindenken.

Als ich genau wissen wollte, was er ganz am Anfang von mir dachte, stellte er ganz nüchtern fest, es gebe an mir Seiten, die er vom ersten Augenblick an nicht gemocht habe. Er wollte nicht unfreundlich sein, sondern bloß ganz offen. Ich sagte zu ihm, ich würde ihn nicht fragen, welche Seiten das gewesen seien, aber ich wusste, dass es mir keine Ruhe lassen und ich darüber nachdenken würde. Leseprobe

Viele autobiografische Elemente

Es sind oft gescheiterte Liebesbeziehungen über die Davis schreibt. Da diese Texte teilweise schon in den 70ern und frühen 80ern erschienen sind, handelt es sich vermutlich auch um die Verarbeitung ihrer eigenen gescheiterten Ehe mit dem Schriftsteller Paul Auster. Geschichten von einem Paar, das gemeinsam in Paris lebte und dort Bücher übersetzte oder von der Schwierigkeit, sich um das gemeinsame Kind zu kümmern, stimmen in vielen Details biografisch mit Davis' Leben zu dieser Zeit überein. Der Schmerz spricht aus diesen Erzählungen besonders deutlich.

Ihr Liebhaber liegt neben ihr, und da sie es zur Sprache gebracht hat, fragt er sie, wann es zu Ende war. Leseprobe

Amüsante und irritierende Gedankenspiele

Aber es gibt auch leichtere Texte. Über einen Amerikaner auf Deutschlandbesuch oder über Verrückte, die wir auf der Straße treffen.

Die Stadt heuert Leute aller Altersstufen an, mit dem Auftrag, sich wie Irre aufzuführen, damit wir anderen uns gesund fühlen. Manche Irre sind überdies Bettler, damit wir uns nicht nur gesund, sondern auch noch reich vorkommen können. Es gibt bloß eine begrenzte Anzahl von Jobs für Verrückte. Die freien Stellen für diese Arbeit sind alle schon vergeben. Jahrelang wurden die Irren in Heil- und Pflegeanstalten auf Inseln im Hafen von New York zusammengepfercht. Dann entließ die Stadtverwaltung eine große Anzahl von ihnen, um eine beruhigende Lage auf der Straße zu schaffen. Leseprobe

Auch hier ist es wieder die Perspektivverschiebung, die überraschende neue Gedanken beim Lesen hervorrufen und die das Lesen der Kurzgeschichten von Lydia Davis so wunderbar fruchtbar machen. Denn mit ganz wenigen Worten gelingt es ihr, tief in die Abgründe der menschlichen Psyche hineinzuschauen, die Verletzbarkeit spürbar zu machen, die hinter jeder noch so perfekten Fassade lauern mag. Und damit leise, aber beständig die Frage zu stellen, wer eigentlich verrückt ist in dieser Welt: derjenige, der an ihr zu zerbrechen droht, oder derjenige, der sie in all ihrer Absurdität einfach hinnimmt und schulterzuckend sagt "Es ist, wie's ist".

Es ist, wie's ist

von Lydia Davis, aus dem Amerikanischen von Klaus Hoffer
Seitenzahl:
176 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Droschl
Bestellnummer:
9783990590577
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 09.09.2020 | 12:40 Uhr

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