Stand: 27.06.2019 10:00 Uhr

Erinnerungen an ein bewegtes, kurzes Leben

Welcome Home
von Lucia Berlin, aus dem amerikanischen Englisch von Antje Rávik Strubel
Vorgestellt von Katja Lückert

Die 2004 verstorbene amerikanische Schriftstellerin Lucia Berlin war schon fast vergessen: Doch im Sommer 2016 erschien ihr Erzählband "Was ich sonst noch verpasst habe" und landete auf Anhieb auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Im Kampa-Verlag wurde ein weiterer Erzählband von ihr posthum auf Deutsch veröffentlicht: "Welcome Home".

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Der Erzählband versammelt in zwanzig Texten einige der frühesten autobiografischen Erinnerungen der Autorin.

Bereits mit Anfang zwanzig veröffentlichte Lucia Berlin ihre erste Kurzgeschichte, dann zwei Jahrzehnte lang nichts. Einen Roman verbrannte sie, ein anderer ging verloren. Fast alle ihre Stories spielen an Orten, die sie selbst in ihren Aushilfsjobs kennenlernte: in Krankenhäusern, Gefängnissen, Waschsalons, Entzugskliniken. Lucia Berlin führte ein unstetes Leben mit verschiedenen Ehemännern und Familien und war zeitweilig alkoholkrank.

Schlüsselwerk zu Lucia Berlins literarischem Schaffen

Der Erinnerungsband "Welcome Home" ist ein Schlüssel zu ihrem literarischen Schaffen: kurze autobiografische Texte entlang der Orte, an denen die Autorin lebte und an denen ihre Erzählungen entstanden sowie ausgesuchte Fotos und Briefe. In gewisser Weise bildet das Buch eine Brücke von den ersten beiden Erzählbänden zu einem dritten Band von 22 bislang unveröffentlichten Erzählungen, die im Herbst erscheinen werden.

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Vielleicht liegt das Geheimnis von Lucia Berlin darin, dass sie eine strahlend schöne und kluge, eine zugleich starke und sanfte Frau war. Eine, die nie auftrumpfte, nie beharrte, eine Eigenschaft, die sie auch bei anderen entschieden ablehnte. Schon in recht fortgeschrittenem Lebensalter, blickt sie in einem Interview zurück: "Ich lebte an vielen Orten, in Alaska, Montana, in Kentucky und Idaho, in Arizona und New Mexico und die längste Zeit meiner Kindheit verbrachte ich in Chile. Da ich so oft umzog, sind Orte für mich ganz besonders wichtig."

"Welcome Home" versammelt in zwanzig Texten einige der frühesten autobiografischen Erinnerungen von Lucia Berlin und der Titel ist fast ein wenig ironisch zu verstehen, denn wo wäre die Schriftstellerin jemals richtig zu Hause gewesen? Das mag man sich nach der Lektüre dieses aufwendig gestalteten Erinnerungsbands fragen. Ungefähr in der Mitte des Buchs findet sich eine Liste von Orten, an denen Lucia Berlin gelebt hat, mit den jeweiligen Nachteilen, kurz protokolliert.

Kindheit in schwierigen Verhältnissen

Mullan, Idaho: Der Fluss direkt vor der Tür, zu gefährlich zum Spielen. Das Hüttenwerk direkt nebenan. Im Haus bleiben. Überschwemmung.
Sunshine Mine, Idaho: Papierdünne Wände. Mama weint, weint. Qualmender Holzofen. Lawinen. Leseprobe

1941, im Alter von fünf Jahren, lebte die als Tochter eines Bergbauingenieurs in Alaska geborene Lucia Berlin in einer Minenstadt in Idaho, so wie zuvor in Kentucky und Montana. 1941 wird der Vater als Soldat eingezogen und Lucia bleibt mit ihrer Mutter, mit der sie zeitlebens ein schwieriges Verhältnis hat, und ihrer Schwester Molly zurück.

Meine Schwester schlief auf Kissen in einer Schublade, die aus einer Truhe im Zimmer stammte. Meine Mutter nahm die Schublade mit in den Zug, mit meiner Schwester darin. Ich hatte Angst und war fassungslos, weil sie die Schublade gestohlen hatte. Sie sagte: "Wirst Du endlich den Mund halten?" und schlug mir ins Gesicht, und von da an lief alles falsch. Leseprobe

Selten sei es ihr gelungen, Freunde zu finden, an all den neuen Orten, an denen sie mit ihrer Familie jeweils neu anfing, so Lucia Berlin: "Wegen meiner Mutter konnte ich niemanden nach Hause einladen, sie war manchmal gewalttätig und manchmal wirr und chaotisch. Jeder, der meine Geschichten liest, kennt auch meine Mutter."

 Vier Ehemänner, einer von ihnen heroinabhängig

Von ihrem dritten Ehemann Buddy Berlin übernahm Lucia ihren Nachnamen: ein charismatischer, liebevoller Charakter, der die Welt ohne Heroin aber offenbar nicht ertrug, was dazu führte, dass in Mexiko tagtäglich die Drogendealer wie Geier das Haus belagerten.

In Briefen an ihren Freund und Mentor, den Dichter Edward Dorn, berichtet sie über schwierige Zeiten mit ihrem Ehemann. Nach der Scheidung musste sie vier Kinder alleine durchbringen, sie schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, arbeitete als Putzfrau, Telefonistin und Krankenschwester und verwendete viele ihrer Erlebnisse in ihren literarischen Texten.

An ihren schriftstellerischen Fähigkeiten hat Lucia Berlin immer ein wenig gezweifelt, obwohl sie ahnte, dass da ein Talent in ihr schlummerte. Einmal schreibt sie, sie wünsche sich, einfach mehr Wörter zu kennen. Eine ihrer Geschichten trägt den Titel "Mein Leben ist ein offenes Buch". "Welcome Home" hat dieses Leben mit vielen Fotos ansprechend illustriert. Eine zeitgeschichtlich spannende Lektüre nicht nur für Lucia Berlin-Fans.

Welcome Home

von
Seitenzahl:
208 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Mit einem Vorwort von Jeff Berlin.
Verlag:
Kampa
Bestellnummer:
978-3-311-10011-9
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 28.06.2019 | 12:40 Uhr

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