Stand: 13.08.2020 10:52 Uhr

Luca Venturas neue Krimireihe auf der Insel Capri

von Andrea Heussinger

Die Insel Capri im Tyrrhenischen Meer vor Neapel galt schon immer als Anziehungspunkt für die Reichen und Schönen. Los ging das vor mehr als 2.000 Jahren, als der römische Kaiser Tiberius Capri zu seinem Regierungssitz machte. Im 19. Jahrhundert verbrachten dann Künstler, Schriftsteller und andere Berühmtheiten ihre Ferien beziehungsweise den Winter auf der Insel - darunter Rainer Maria Rilke, Maxim Gorki und der deutsche Industrielle Friedrich Alfred Krupp. Und spätestens seit den 1960er-Jahren, als der Jetset Einzug hielt - und mit ihm Milliardäre, Hollywoodstars und Diven wie Maria Callas, Jackie Kennedy und Brigitte Bardot -, ist Capri Synonym für Sommerfrische und Luxus, kurzum: La Dolce Vita.

Cover des Buchs "Mitten im August" von Luca Ventura © Diogenes
Autor Luca Ventura hat sich die Insel Capri als Schauplatz für seine neue Krimireihe um Polizist Enrico Rizzi ausgesucht.

Ausgerechnet dieses Idyll hat sich ein Autor, der sich Luca Ventura nennt, als Schauplatz für seine neue Krimireihe ausgesucht. Ventura sei ein Pseudonym, schreibt der Verlag - und verrät ansonsten lediglich, dass der Autor am nahegelegenen Golf von Neapel lebe.

Taschendiebe, Falschparker, Drogendelikte. Normalerweise ist Inselpolizist Enrico Rizzi nicht mit dem großen Verbrechen beschäftigt - und hat deshalb umso mehr Zeit, seinem Vater in dessen üppigen Obst- und Gemüsegärten auf einer Bergkuppe des Monte Tiberio zur Hand zu gehen.

Überall wuchs etwas, kaum eine Fläche war ungenutzt, was vor allem an dem ausgeklügelten Bewässerungssystem lag, das Rizzi mit seinem Vater über die Jahre immer weiter ausgebaut hatte. (...) In den nächsten beiden Stunden arbeiteten sie stumm: der Vater am Boden, während Rizzi in die Wipfel der kleinen Bäume langte. Vito rupfte die Pfirsiche wie eine Maschine, während Rizzi mit der Schere arbeitete und bei jeder Frucht als dekorative Dreingabe ein paar Blätter mitnahm. Sie hatten hier den schönsten Arbeitsplatz der Welt, die sonnenwarmen Früchte, der Duft und obendrein der Blick aufs Meer. Jedes Mal, wenn Rizzi aufs Wasser schaute, hatte sich der Blauton im heraufziehenden Tageslicht verändert. Leseprobe

Mitten in dieses Paradies platzt die Nachricht, dass unten am Strand ein Toter gefunden wurde: ein junger Mann in einem Ruderboot, im Meer vor den Felsen treibend, bekleidet nur mit Shorts und offenem Hemd, die blutverschmierte Brust mit Messerstichen übersät. Und da das Opfer ansonsten nichts bei sich hat, stehen Rizzi und seiner neuen Kollegin Antonia Cirillo umfangreiche Ermittlungen bevor.

Zwei völlig unterschiedliche Kommissare

Autor Ventura greift hier zu einem bewährten Mittel: Zwei völlig unterschiedliche Kommissare, von denen einer, hier die Frau, von weither kommt, aus Norditalien - und deshalb einen ganz anderen Blick auf die Insel und ihre Bewohner hat als der Einheimische. Als Bonus bringt die neue Kommissarin zudem noch ein (oder mehrere?) Geheimnisse mit und ist, so hört man, nach Capri strafversetzt worden.

Der Tote war Ozeanologe

Nach und nach finden die beiden Ermittler heraus, dass es sich bei dem Toten um den einzigen Sohn eines reichen Familie aus dem Norden handelt, der Ozeanologie studierte - und gemeinsam mit seiner Freundin auf der Insel zum Klimawandel und zur Zukunft der Weltmeere geforscht hatte.

Erst im Studium verstand sie, dass Wasser unaufhörlich das Gift aus der Atmosphäre aufnahm, vor allem Kohlendioxid, das aus Autos, Fabriken, Heizungen und Kraftwerken in die Luft gelangte. Gut zwanzig Millionen Tonnen CO2 pro Tag, die sich zu Kohlensäure verwandelten, wie man es vom Sprudelwasser kannte, und das Meer versauerten. Diese chemische Reaktion hatte Folgen für die gesamte Unterwasserwelt. Manche Meerestiere – Korallen, Austern oder auch kalzifizierendes Plankton - waren nicht mehr in der Lage, Skelette oder Schalen auszubilden, manche Arten starben aus. (...) In absehbarer Zeit würden die Ozeane überfordert sein, und die ganze Nahrungskette würde nicht mehr funktionieren. Leseprobe

Spannender, gut zu lesender Krimi mit viel Capri

Doch nun ist die Freundin des Opfers spurlos verschwunden und in die Wohnung der beiden wurde eingebrochen. Kein Gänsehaut erzeugender Pageturner ist dieses Buch, aber ein durchaus spannender und gut zu lesender Krimi, so klassisch wie Sommerfrische in Caprihosen und die vor der Insel im Meer versinkende rote Sonne: mit einer ganzen Hand voller Verdächtiger und möglicher Motive, mit zerrissenen Polizeisiegeln, einem schwerfälligen Vorgesetzten - und am Ende einem Täter, den (oder die?) man zuvor so gar nicht auf dem Schirm hatte.

Dazu viel Capri und ein bisschen Neapel, Natur, Sehenswürdigkeiten, viel gutes Essen. Dass der Autor mehr als einen Teil geplant hat, merkt man schon allein daran, dass das Privatleben beider Kommissare noch sehr geheimnisumwoben ist: Sein kleiner Sohn ist gestorben, ihr früheres Leben in Norditalien ist zerstört. Gespannt warten wir auf mehr Details - und neue große Verbrechen auf der kleinen Insel.

 

Mitten im August

von Luca Ventura
Seitenzahl:
336 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Diogenes
Bestellnummer:
978-3-257-30076-5
Preis:
16 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 13.08.2020 | 12:40 Uhr

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