Annie Ernaux © picture alliance Foto: Ger Harley

Literaturnobelpreis für Annie Ernaux: Geschichte einer Emanzipation

Stand: 07.10.2022 09:15 Uhr

Schriftstellerin Annie Ernaux erhält den Literaturnobelpreis 2022, das teilte die Schwedische Akademie mit. Die 82-Jährige ist die erste französische Frau, die mit dem bedeutendsten Literaturpreis ausgezeichnet wird.

Obwohl Frankreich das Land mit den meisten Literaturnobelpreisträgern ist, war bislang noch nie eine Frau unter den Ausgezeichneten. Annie Ernaux gehört seit Jahren zu den erfolgreichsten Schriftstellerinnen Frankreichs und ist auch beim Publikum sehr beliebt. In der Begründung des Nobelpreiskomitees heißt es: Annie Ernaux bekomme den Preis für "ihren Mut und ihre klinische Scharfsinnigkeit, mit der sie die Wurzeln, Entfremdung und die kollektiven Zwänge persönlicher Erinnerungen aufdeckt."

Annie Ernaux: "Ethnografin ihrer selbst"

Annie Ernaux bezeichnet sich selbst als "Ethnografin ihrer selbst" und blickt in ihren Büchern auf ihre eigene Vergangenheit zurück. Dabei reflektiert sie auch die Rolle der Frau in der französischen Gesellschaft.

Buchcover: Die Jahre von Annie Ernaux. © Suhrkamp
"Die Jahre" von Annie Ernaux ist bei Suhrkamp erschienen und kostet 18 Euro.

Eines von Ernaux' bekanntesten Werke ist der Roman "Die Jahre", der sich durch eine autofiktionale Erzählhaltung auszeichnet. Darin erzählt sie ihr Erwachsenwerden als Geschichte einer Emanzipation. Der Rückblick auf das eigene Leben verdichtet sich zu einem soziologischen Blick auf die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Erinnerungen einer Frau, ausgehend von ihrer Kindheit im provinziellen Frankreich bis in die heutige Zeit: Schulhofszenen, Familienzusammenkünfte, Moden, Konsumverhalten, sprachliche Marotten, politische Ereignisse und der sich wandelnde Umgang mit Sexualität.

Steiniger Weg zur Schriftstellerin

Ernaux wuchs in einem kleinen Dorf in der Normandie in bescheidenen Verhältnissen auf. Sie besuchte ein Gymnasium, studierte, promovierte, arbeitete als Lehrerin und später als Hochschuldozentin. Ihr Weg zur Schriftstellerin sei lang und mühsam gewesen, urteilte die Schwedische Akademie in ihrer Begründung.

Zuletzt auf Deutsch erschien der Roman "Das Ereignis". In dem Buch erzählt sie die Leidensgeschichte einer jungen Frau, die in den 1960er-Jahren in Frankreich illegal abtreiben will. Am 10. Oktober erscheint Annie Ernaux' Werk "Das andere Mädchen" auf Deutsch. Ein Brief an ihre unbekannte Schwester, die noch vor ihrer Geburt verstorben war.

Annie Ernaux ging nicht ans Telefon

Vor der Bekanntgabe konnte die Schwedische Akademie die Autorin telefonisch nicht mehr erreichen. Die Entscheidung des Komitees wird alljährlich extrem geheim gehalten - erst kurz vor der Bekanntgabe wird die Preisträgerin informiert. Erreicht hat Annie Ernaux die Neuigkeit nach der Bekanntgabe aber schnell. Im Telefon-Interview beim schwedischen Fernsehsender SVT sagte sie: "Ich empfinde das als große Ehre. Für mich ist das auch eine große Verantwortung, dass ich mich - nicht nur in meiner Literatur - für eine Form von Richtigkeit und Gerechtigkeit in der Welt einsetze."

Reaktionen der deutschsprachigen Zeitungen

"Die Sezierende", "die Archäologin in eigener Sache", "die Ethnolgin ihrer Selbst", "die Unbeugsame die stolze Feministin", so beschreiben die Feuilletons heute die Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux. In der Süddeutschen Zeitung findet sich ein hymnischer Satz: "Ihre Art von sich selbst zu sprechen, hat die Welt verändert". Sandra Kegel kommentiert in der FAZ, es sei doch eine kleine Überraschung, dass sich Stockholm mit der Wahl explizit zu keiner allzu offensichtlichen, an der politischen Aktualität ausgerichteten Intervention hinreißen lassen wollte. Und Paul Jandl fragt sich in der Neuen Zürcher Zeitung: "Wie passt das eigentlich zusammen: der Literaturnobelpreis das ganze Brimborium, diese anachronistisch hochpolierte Veranstaltung und dann Annie Ernaux, die über das glanzlose Leben schreibt?".

 

Die Preisträgerinnen und Preisträger der vergangenen Jahre

In den vergangenen Jahren hat das Nobelpreis-Komitee häufiger für Überraschungen gesorgt. 2021 wurde der vergleichsweise unbekannte tansanische Schriftsteller Abdulrazak Gurnah ausgezeichnet. 2020 erhielt die US-Poetin Louise Glück den Preis. Annie Ernaux war dagegen seit längerem als eine mögliche Anwärterin für den Literaturnobelpreis gehandelt worden.

 

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Annie Ernaux © picture alliance/dpa | Horst Galuschka

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 07.10.2022 | 08:15 Uhr

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