Stand: 11.10.2019 10:57 Uhr

Literaturnobelpreis-Komitee mit Leseschwäche

Im vergangenen Jahr gab es gar keinen Literaturnobelpreis - das Komitee hatte sich wegen peinlicher Skandale aufgelöst. Nun tagt es wieder - und verlieh in diesem Jahr gleich zwei Nobelpreise. Das wäre die Chance für eine Überraschung gewesen. Doch die blieb aus. Schade, schade ...

Eine Glosse von Jan Ehlert, NDR Redaktion Religion und Gesellschaft

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Die Bücher der Literaturnobelpreisträger gehören natürlich in jedes Bücherregal, das was auf sich hält.

Eines muss man dem Nobelpreis-Komitee lassen: Es hat Sinn für Humor. Da heißt es im Vorfeld, reuevoll und selbstkritisch, man müsse jetzt endlich weniger Männer und weniger Europäer auszeichnen, damit der Preis wieder ernst genommen wird.

Es wäre also so leicht gewesen. Aber was passiert? Der Preis geht an einen alten weißen Mann und eine europäische Frau. Nichts gegen Peter Handke und Olga Tokarczuk, beide sicher würdige Preisträger, aber kreativ ist das nicht. Zumal es gleich zwei Preise gab. Das wäre doch die Chance gewesen, endlich auch das Werk der verdienstvollen Schriftstellerin aus Ruanda zu würdigen. Oder der Dichterin aus Vietnam? Der Chronistin aus Guadeloupe? Oder alle drei?

Das geht in der Chemie und der Physik doch auch jedes Jahr, ohne dass sich jemand beschwert, auch wenn es wieder drei weiße alte Männer sind. Die Literatur dreier Kontinente, vereint in einem Preis: Jede Buchhändlerin und jeder Buchhändler würde sich freuen.

Aufgeschlagenes Buch © Fotolia.com Foto: Donald Joski

Literaturnobelpreise ohne Mumm

NDR Info - Auf ein Wort -

Der Literatur-Nobelpreis ist in diesem Jahr zweimal verliehen worden. "Nimm zwei" - was man daraus alles hätte machen können, erzählt Jan Ehlert in seiner Glosse.

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Literaturnobelpreise für Tokarczuk und Handke

Der Nobelpreis für Literatur geht in diesem Jahr an den österreichischen Schriftsteller Peter Handke. Für 2018 wurde Olga Tokarczuk aus Polen mit dem legendären Preis ausgezeichnet. mehr

Die Bücher auch lesen - das wäre mal was

Aber, oh Gott, dann müsste das Komitee die Bücher ja lesen. Was für eine Zumutung. Dass es viel lieber Musik hört, hat es ja 2016 schon bewiesen, mit der Entscheidung für Bob Dylan. Und 1977 hätte beinah Charlie Chaplin den Preis gekriegt. Warum also wirkliche Literatur, wenn die Jury offenbar nicht einmal die Bücher der Preisträger kennt, die sie auszeichnet. Denn sonst hätte es doch gar nicht zu den ganzen Skandalen kommen können. "Mache nur solche Geschäfte, dass wir bei Nacht gut schlafen können", war schon die Maxime der Familie Buddenbrook bei Thomas Mann. Und zum Missbrauch hat J.M. Coetzee nicht nur mit dem Inhalt, sondern auch mit dem Titel seines Buches "Schande" alles gesagt. Im Testament von Nobel stand doch schließlich auch was von "idealistisch", irgendwo im hinteren Teil. Aber so weit muss man erst einmal kommen.

Literaturnobelpreis: Wer will ins Rampenlicht?

Nein, dieses Komitee leidet offenbar unter Leseschwäche. Falls doch etwas auf dem Nachtisch liegt, dann wohl eher "1.000 ganz legale Steuertricks", ein Buch, das immerhin auch bei Amazon nur Bestnoten bekommt. Oder Eric-Emmanuel Schmitts Roman "Die Schule der Egoisten".

Man könnte auch einfach wieder sich selbst auszeichnen, so wie 1974, als zwei Mitglieder des Nobelpreis-Komitees sich gegenseitig den Preis verliehen. Oder warum nicht gleich neun Preise, für jedes Komitee-Mitglied einen? Dann stünde man endlich wieder selbst im Rampenlicht und müsste den Platz in den Schlagzeilen nicht diesen komischen Schriftstellerinnen aus der Karibik, Ruanda und Vietnam überlassen.

Springsteen wartet sicher auf einen Anruf

Ein bisschen können diese Schriftstellerinnen ruhig noch auf ihre Anerkennung warten. Bis 2020, 2021, 2022 - oder später. Denn ein paar alte weiße Männer werden sich auch in den nächsten Jahren schon noch finden lassen. Bruce Springsteen wartet sicher bereits auf den Anruf.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 10.10.2019 | 18:25 Uhr

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