Stand: 04.09.2020 07:20 Uhr

Lisa Eckhart liest "Omama" in Hamburg

von Jens Büchsenmann

Was für ein peinliches Hin und Her: Erst sollte Lisa Eckhart ihren Debütroman beim Literaturfestival Harbour Front vorstellen, dann wurde sie wieder ausgeladen aus Sorge vor Protesten aus der nah am Veranstaltungsort gelegenen Hafenstraßen-Szene - und nach Vorwürfen im Zusammenhang mit der sogenannten "Cancel Culture" wieder eingeladen - vergeblich. Gestern aber hat die Kabarettistin ihr Buch nun doch im Literaturhaus Hamburg präsentiert.

Die Kabarettistin Lisa Eckhart präsentiert im Literaturhaus Hamburg ihren Debütroman "Omama". © Axel Heimken/dpa Foto: Axel Heimken
Die Kabarettistin Lisa Eckhart präsentiert im Literaturhaus Hamburg ihren Debütroman "Omama".

Kein Protest weit und breit - vielleicht lag es am Hamburger Nieselregen? Oder die Luft war einfach raus aus dem Skandälchen um ihren Verzicht beim Wettlesen um den Preis des besten ersten Romans. Also, war die Kabarettistin, die so gern polarisiert, enttäuscht?


"Nein, natürlich nicht!", sagt Lisa Eckhart. "Ich bin auch wirklich nicht so jemand, dem das zusagt, wenn Randale stattfindet. Ich bin ein sehr harmoniebedürftiger Mensch letztlich." Im Gespräch mit Rainer Moritz, dem Chef des Literaturhauses, hatte sie noch den ironischen Ton drauf, den wir vom Fernsehen und ihren Kabarettprogrammen kennen: "Ich hatte mich eigentlich schon vorbereitet, dass ich mich da durch Demonstranten durchkämpfen muss, mich in schwarzen Kleidern unter sie zu mischen und hatte mir ein Plakat gebastelt: 'Eckhart, du Sau!'"

Reichlich Reaktionen - nur kein Protest

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Zur Vorbereitung auf diese erste Lesung aus ihrem Roman gehörte stattdessen neben dem bekannten Styling nur eine Tiefenentspanntheit, die an der pointiert polarisierenden Österreicherin eher überrascht: "Ich gehe nie mit einer bestimmten Erwartungshaltung in so einen Abend", sagt sie. "Ich bin dankbar für alles, was Sie mir geben. Wenn Sie lachen ist das wunderschön, wenn Sie entsetzt unter sich machen genauso. Also, Sie können reagieren, wie Sie wollen. Nur keine Reaktion, das ist fatal."

Und Reaktionen gab es in Hülle und Fülle. Das Publikum kriegte sich nicht ein vor lauter Lachen. Trotz der stellenweise nicht eben hochdeutschen Vokabeln:

"Dann steht sie auf und flüstert dem Polizisten ins Ohr: 'Der arme Mann, müsse er sich vorstellen, wurde am Zumpferl operiert - das muss er jetzt kühlen." Lisa Eckhart

Das Dings, das Zumpferl haben Gastgeber Rainer Moritz und die Autorin mit großem Behagen linguistisch behandelt. Erklären sollte man aber doch, dass "Omama", also die Oma der Erzählerin, Fleisch über die ungarische Grenze schmuggelt. In einem Bus voller Rentner. Einer von denen ist tot. Zur Tarnung beladen mit Bergen von Wildbret und Salami.

"Haben Sie denn gar keinen Anstand? Jetzt zeigen Sie doch ein bisschen Respekt, Sie sehen ja, dass der arme Mann tot ist." Lisa Eckhart

Weit vom vermeintlichen Skandal entfernt

Die Kabarettistin Lisa Eckhart präsentiert im Literaturhaus Hamburg ihren Debütroman "Omama". © Axel Heimken/dpa Foto: Axel Heimken
Ausgefallene Outfits gehören immer zur Bühnenfigur Lisa Eckhart.

Man ahnt schon, warum der Abend so gut funktioniert hat. "Es lebt davon, dass sie es präsentiert", sagt eine Besucherin. "Und was spricht denn dagegen, bei einer Lesung lachen zu können? Das ist meiner Ansicht nach viel zu selten der Fall." Alles meilenweit entfernt von den zum Skandal hochgeschriebenen Zuspitzungen, den vermeintlich rassistischen Aussagen mit denen Lisa Eckhart doch nur den alltäglichen Rassismus vorführen will.

Gut gelaunt und sehr gut gekleidet saß da die Bühnenfigur Lisa Eckhart auf dem Podium im dezent ausgeleuchteten Literaturhaus. "Eckhart ist kein Künstlername", erklärt die Kabarettistin. "Das versuchen sich die Menschen so zusammen zu konstruieren, weil sie das irgendwie erleichtert. Weil sie noch diesen anderen Namen Lasselsberger haben, wo ich aber bei meinem allerersten Auftritt in Deutschland festgestellt habe, dieses Meidling-L in Lasselsberger ... Deswegen habe ich den Vatersnamen gewählt, aber seither bietet das massig Spielraum für Spekulationen und Interpretationen und ich bin da eigentlich nur Passagier und schaue zu."

"Omama" lebt von der Art des Vortrags

"Ich bewundere einfach ihre geschliffene Sprache, ihren Geist und ihren Feinsinn", sagt eine weitere Besucherin. "Den sie auch beim Kabarett rüberbringt, aber sicherlich erwarte ich das auch in dem Buch und die Lesung hat ja schon gut gezeigt, dass man über intelligenten Humor lachen kann. Und das macht Freude, in der heutigen Zeit hat man das nicht mehr so häufig."

Nicht unter Niveau amüsiert - das kann als Bilanz dieses ja doch mit hohen Erwartungen verbundenen Abends stehen. Wo das Buch, das weniger ein Roman als eine Aneinanderreihung von Kabarettnummern ist, eigentlich nur als Hörbuch funktioniert - vorgetragen von Lisa Eckhart.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 04.09.2020 | 07:20 Uhr

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