Stand: 04.06.2019 07:51 Uhr

Lesung: Elif Shafak stellt "Unerhörte Stimmen" vor

Elif Shafak ist eine der wichtigsten literarischen Stimmen der Türkei. Die in London und Istanbul lebende Autorin, Feministin und Politikwissenschaftlerin schreibt auf Englisch und Türkisch, ihr Werk wurde vielfach ausgezeichnet. Nun hat sie ihren neuesten Roman "Unerhörte Stimmen" in Hamburg vorgestellt.

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Elif Shafak kam zur Lesung ins Magazin-Filmkunsttheater im Hamburger Stadtteil Winterhude.

Leila ist die Heldin des zehnten Romans von Elif Shafak. Die türkische Autorin lässt sie gleich am Anfang sterben. Knapp zehn Minuten funktioniert ihr Hirn noch. Leila erinnert sich an ihr Leben und an ihre fünf Freunde. Echte Freunde zu haben sei ein unerhörtes Glück, unterstreicht Elif Shafak. Sie gilt als eine der wichtigsten türkischen Autorinnen der Gegenwart mit Sinn für Stille: "Es gibt etwas in mir, das will der Stille eine Stimme geben."

Leise sind ihre Bücher hingegen nicht. Nie gewesen. Eines, "Der Bastard von Istanbul", kam 2006 sogar vor Gericht. Die Anklage damals: Verletzung des Türkentums. Da musste der Anwalt ihre fiktiven Figuren verteidigen wie normale Kriminelle. Ihr Foto wurde auf der Straße bespuckt. Heute sei die Situation aber nicht besser, meint Shafak: "Es ist sehr schwierig geworden."

Aufmerksame Figuren

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Elif Shafak wurde 1971 im französischen Straßburg geboren. Ihr aktuelles Buch "Unerhörte Stimmen" ist im Kein&Aber Verlag erschienen.

Die ganze Türkei leide unter kollektivem Gedächtnisverlust. Sie wolle so etwas wie den öffentlichen Raum zurückerobern, Diversität zurückbringen, denn Istanbul sei seit Jahrtausenden eine zutiefst weibliche Stadt, findet Shafak. Vielleicht ist die junge Prostituierte Leila, die ermordet in der Mülltonne liegt, so etwas wie das verwundete Herz dieser Stadt. Das sich erinnert.

Es wirkt, als seien die Figuren vor allem aufmerksam und beobachtend. Wie die Leser ihrer Bücher. In der Türkei, sagt Elif Shafak, tausche man Bücher aus. Leser, sagt sie, hielten Bücher am Leben. Lebendig ist auch dieser Abend. Man hört sich zu. Dennoch, Elif Shafak ist klar, jeder, der heute mit Worten arbeitet, sei gefährdet, denn jedes Wort werde leicht aus dem Zusammenhang gerissen. Man könne gar nicht anders, als politisch zu werden.

Sharaf kümmert sich um Frauen wie um Männer

In der Türkei, so wie in vielen Ländern der Erde gerade. Aber sie warnt vor westlicher Arroganz: Längst hätten sich auch die vermeintlich soliden europäischen Länder in flüssige verwandelt: "Tatsächlich leben wir in flüssigen Zeiten, kein Land ist immun gegen den Aufstieg der Rechtsextremen, kein Land ist immun gegen den Aufstieg von toxischem Populismus, Ultra-Nationalismus."

Elif Shafak erinnert daran, dass das Gegenteil des Guten nicht etwa das Böse sei, sondern es sind Taubheit und Ignoranz. Deshalb empfiehlt sie: aufzustehen, sich einzubringen. Wie ihre Heldinnen. Und wie Männer, die sich gegen eine patriarchale Welt zur Wehr setzen. Ihnen gibt sie eine Stimme. Als echte Feministin, sagt Elif Shafak, müsse sie sich um Frauen wie um Männer gleichermaßen kümmern.

Elif Shafak © NDR.de Foto: Peter Helling

Elif Shafak stellt neues Buch in Hamburg vor

NDR Kultur -

Elif Shafak ist eine der wichtigsten literarischen Stimmen der Türkei. Nun hat sie ihren neuesten Roman "Unerhörte Stimmen" in Hamburg vorgestellt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 04.06.2019 | 06:40 Uhr

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In ihrem Roman "Unerhörte Stimmen" erzählt Elif Shafak von Menschen am Rande von Istanbuls Gesellschaft. Ihr Buch ist ein wunderschönes Plädoyer für die Vielfalt und die Freundschaft. mehr