Ein Mädchen und ein Junge sitzen auf einem Hocker und lesen. © picture alliance / imageBROKER Foto: Gabriele Hanke

Lesementoren - Ehrenamtler begeistern Kinder online fürs Lesen

Stand: 23.04.2021 09:06 Uhr

Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtler vom Verein "Mentor - die Leselernhelfer" motivieren Kinder bundesweit per Internet zum Lesen.

von Astrid Wulf

Kein Schwimmbad hat auf, Kinder sollen möglichst wenige Freunde treffen - da haben Schülerinnen und Schüler viel Zeit, Bücher zu lesen, könnte man meinen. Allerdings fällt es das Lesen nicht jedem Kind leicht. Diese Kinder unterstützen die Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtler im bundesweit aktiven Verein "Mentor - die Leselernhelfer". Astrid Wulf hat heute zum Tag des Buches eine Zweitklässlerin aus Lübeck und ihre Mentorin beim gemeinsamen Lesen begleitet. 

Ein virtuelles Lesetreffen ein Mal pro Woche

Anika sitzt in ihrem Kinderzimmer vorm Rechner - gerade läuft die Videokonferenz mit ihrer Mentorin Angelika Franz. Den Text der Gespenstergeschichte liest Anika vom Monitor ab, das Gesicht ihrer Mentorin ist am Rand in einem kleinen Fenster zu sehen.

Einmal in der Woche trifft sich die Achtjährige mit ihrer Mentorin - momentan nur virtuell, statt in der Schule nach dem regulären Unterricht. Anikas Klassenlehrerin hat den Eltern im vergangenen Herbst solch eine Lesepatenschaft empfohlen, damit die Zweitklässlerin besser lesen lernt. Die Geschichten, die Wortspiele und Rätsel machen ihr Spaß. Vater Damian Zawadzki hat den Eindruck, dass es hilft: "Es wird auf jeden Fall flüssiger. Sie stottert weniger, sie muss weniger überlegen und die Routine kommt einfach."

Wegen Corona: Das Leseinteresse ist gestiegen

Ein Mädchen liest auf einer Wiese. © imageBROKER Foto: Werner Lang
Mit Zusatzangeboten muss das Lesen weiter geförder werden.

Laut der aktuellen JIM-Studie des medienpädagogischen Forschungsverbands Südwest, der die Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen erforscht, haben Kinder und Jugendliche im vergangenen Jahr etwas mehr gelesen als im Vorjahr - Bücher, Zeitungen, Zeitschriften - sowohl gedruckt als auch digital. Allerdings lesen vor allem diejenigen mehr, die auch schon vor der Pandemie gern und viel gelesen haben, sagt Margret Schaaf, Vorsitzende des Mentor-Bundesvereins. "Momentan ist es ja so, dass die 20 Prozent der Schüler, die zu den Nichtlesern gezählt werden, die aus Haushalten kommen, in denen sie keine Unterstützung erfahren, dass deren Kompetenz noch weiter zurückgeht. Dass auch die Erstklässler, die gerade lesen gelernt haben, das wieder verlernen."

Auch Bildungsforscher Olaf Köller vom Kieler Leibniz-Institut sagt: Unter der Pandemie leiden vor allem die Kinder, die schon vor der Pandemie Probleme in der Schule hatten. "Wir hatten schon vor der Krise 25 Prozent eines Jahrgangs, die, wenn sie die Schule verlassen, nicht vernünftig lesen, schreiben und rechnen konnten. Diese 25 Prozent werden dann noch mal geringere Leistungen aufweisen, als sie ohnehin schon hatten, und das ist sicher eine nationale Aufgabe, dort mit Zusatzangeboten gegenzusteuern."

Schulen sollten Ehrenamtliche integrieren

Lehrer, die zusätzliche Angebote schaffen könnten, sind allerdings knapp. Viele seien laut Bildungsforscher Köller auch jetzt schon am Rande ihrer Kräfte. Zumindest, was das Lesen angeht, kann die Arbeit der Mentor-Ehrenamtler helfen. So haben sich auch in den letzten Monaten viele neue Leselern-Tandems gefunden. Müssen die bundesweit rund 13.000 Mentorinnen und Mentoren ausbaden, was Schulen schon vor Corona an Leseförderung versäumt haben? Mentor-Vorsitzende Margret Schaaf sieht es nicht so: "Es ist ja so, dass die Schulen in den letzten Jahren ganz viele Aufgaben übertragen bekommen haben in Bezug auf Inklusion und Integration, ohne dafür personell besser ausgestattet worden zu sein. Ich denke, hat die Bildungspolitik einiges nachzuholen. Alle wissen, dass sie mehr Lehrer brauchen, aber es gibt sie nicht am Markt. Deswegen ist das eine Aufgabe, die so schnell nicht zu lösen ist. Und deswegen ist Schule gut beraten, auch die Ehrenamtlichen in ihre Aufgaben zu integrieren."

Leserituale in den Schulen einführen

Die Mentor-Vorsitzende Schaaf wünscht sich, dass Lesen insgesamt im Schulalltag mehr Raum bekommt. Damit alle Kinder und Jugendliche gut lesen lernen - so wie es im März mit dem nationalen Lesepakt der Stiftung Lesen und des deutschen Börsenvereins des deutschen Buchhandels unter der Schirmherrschaft von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek beschlossen wurde. Margrit Schaaf hat konkrete Ideen, wie das funktionieren könnte: "Jede Woche gibt es zu einer festen Zeit eine Stunde, in denen ein Schüler der Klasse vorliest, ein Lehrer der Klasse vorliest. Also, Leserituale in den Schulen einführen. Wenn die Kinder das in den Schulen erleben, übertragen sie es vielleicht eher auf ihre Zeit zuhause."

Sie findet es gut, dass mit dem Nationalen Lesepakt ein Zeichen gesetzt wurde, dass Leseförderung wichtig ist. Der Verein ist zudem Partner des Lesepakts und sei dadurch viel bekannter geworden.

Gemeinsames Lesen ist keine Nachhilfe

Das gemeinsame Lesen sei keine Nachhilfe, betont Mentorin Angelika Franz. Es gehe um viel mehr, als dass Anika womöglich bessere Noten bekommt. "Es ist immer so eine eins-zu-eins-Begegnung, viele Kinder haben ja nicht so ein gutes Zuhause, wie ich das bei Anika sehe. Die manchmal auch zu hause vernachlässigt werden, da ist manchmal großer Redebedarf. Dass die Kinder mal eine Schulstunde lang einen Menschen für sich alleine haben."

Anika sagt selber, dass das Lesen immer besser klappt. Im Bücherregal direkt an ihrem Schreibtisch stehen alle Harry Potter-Bände. Und immer öfter greift sie sich "Der Gefangene von Askaban" oder "Die Heiligtümer des Todes" selbst heraus.

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