Franziska Schreiber liest vorne an einem Pult - im Hintergrund hört Leila Slimani gespannt zu. © NDR

Leila Slimani: Freiheit im Schreiben und Leben

Stand: 16.11.2021 08:52 Uhr

In der Reihe "Der Norden liest" hat Leila Slimani ihren neuen Roman "Das Land der Anderen" im Rolf-Liebermann-Studio in Hamburg vorgestellt. Es geht um die Widersprüche des Lebens.

von Peter Helling

Liebe widersteht der Täuschung, dem Alltag, sie sei ein außergewöhnlicher Schatz. Wenn Leïla Slimani von der Liebe spricht, scheinen ganz kurz die digitalen Uhrziffern an der Rückwand des Rolf-Liebermann-Studios stillzustehen.

"Liebe ist Geduld", sagt die Autorin auf Französisch. Ein Metall, das sämtlichen Widerständen trotzen könne. Es sind diese glasklaren Sätze, die Leila Slimani zu einer der bedeutendsten französischen Stimmen ihrer Generation machen. Die 1981 in Marokko geborene Schriftstellerin hat 2016 den Prix Goncourt, den bedeutendsten Literaturpreis Frankreichs, mit "Dann schlaf auch du" gewonnen.

"Das Land der Anderen": Woher man kommt, wohin man gehört

In Hamburg liest sie aus "Das Land der Anderen", dem ersten Teil einer Trilogie vor. Leïla Slimani erzählt in "Das Land der Anderen" von einer Elsässerin, die am Ende des Zweiten Weltkriegs einen aus Marokko stammenden Offizier der französischen Armee heiratet und mit ihm in dessen Heimat zieht. Dort stößt sie an die Grenzen von Toleranz und Tradition.

"Bei ihrer Ankunft in Marokko war sie fast noch ein Kind. In wenigen Monaten hatte sie lernen müssen, mit der Einsamkeit und dem häuslichen Leben zurechtzukommen. Die Grobheit eines Mannes und die Fremdheit eines Landes zu ertragen", liest Franziska Herrmann.

Ähnlichkeiten mit ihrer eigenen Familie sind offensichtlich. Doch eigentlich geht es um etwas ganz Anderes. Woher man kommt, ob man dort, wo man ist, hingehört. Um die Widersprüche des ganzen Lebens.

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Buchcover Leïla Slimani: "Das Land der anderen" © Luchterhand Literaturverlag

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Leila Slimani: Schreiben als Daseinsform

Während die Schauspielerin Franziska Herrmann aus Leïla Slimanis neuestem Buch liest, greift die Autorin zum Füller - öffnet ein Notizbuch und schreibt hinein. Immer wieder hebt sie den Kopf, und guckt der Schauspielerin neugierig in den Nacken. Schreiben sei für sie eine Daseinsform, sagt Slimani. Würde sie nicht schreiben, wäre sie sicherlich eine verbitterte, bösartige, neidische Frau geworden.

Das Gespräch zwischen Alexander Solloch und der Autorin hat eine große Leichtigkeit. Sie gibt sich offen, hält nicht hinterm Berg. Wenn sie etwa bekennt, dass sie beim Schreiben auf keinen Fall gefallen wolle. Dass sie die Menschenmenge hasst, dass sie auf Likes und Dislikes pfeift.

Leïla Slimani: Angst und Mut

Franziska Herrmann liest vorne an einem Pult - im Hintergrund hört Leila Slimani gespannt zu. © NDR
Gespannt hört Leila Slimani zu als Franziska Herrmann Auszüge aus ihrem Roman "Das Land der Anderen" vorliest.

Leïla Slimani, die von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron gefragt wurde, ob sie den Posten der Kulturministerin annehmen wolle und ablehnte, gibt nicht viel auf Glanz. Sie liebt die Einsamkeit. Sie beschreibt sich selbst als ängstlichen Menschen, wirkt aber ganz furchtlos auf der Bühne des Rolf-Liebermann-Studios. Das Publikum im ausverkauften Saal hört gespannt zu. Kaum ein Räuspern, vielmehr beifälliges Nicken.

Es geht bei Leila Slimani viel um Freiheit. "Interessant fand ich den Gegensatz, wie sie sich selber geschildert hat - als sehr ängstliche Person und dann diese Art zu schreiben, die ja zum Teil auch sehr brutal ist, diese Diskrepanz fand ich sehr berührend", sagt eine Zuschauerin nach der Veranstaltung. Ziemlich weit sei sie schon auf ihrem Weg zur Selbstbefreiung gekommen, sagt Leila Slimani selbstbewusst. Sie nimmt sich ihre Freiheit - beim Schreiben und im Leben.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 16.11.2021 | 07:20 Uhr

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