Stand: 04.03.2020 16:58 Uhr

"Allegro Pastell" über eine fast makellose Fernbeziehung

von Lisa Kreißler
Cover des Buchs "Allegro Pastell" von Leif Randt © Kiepenheuer und Witsch Verlag
Der Autor beschreibt eine moderne Beziehung auf Distanz zwischen Berlin und Hessen.

Leif Randts vierter Roman "Allegro Pastell" ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. "Germanys next Lovestory" spielt, wie es in der Verlagsvorschau über das Buch heißt, in unmittelbarer Nähe zur Gegenwart in Berlin und Maintal. In seinen bisher erschienenen drei Romanen hatte sich Leif Randt Stück für Stück vom Realismus verabschiedet: Im zuletzt erschienenen "Planet Magnon" bewegten sich die Figuren schon in einem selbstentworfenen Planetensystem durchs Weltall.

Nicht selten mussten Leif Randts Romane als Referenztexte zur Stimmungslage einer ganzen Generation herhalten. Die männliche Hauptfigur in "Allegro Pastell" Jerome Daimler (Webdesigner, Mitte 30) ist, stellvertretend für den Autor, auf derartige Interpretationen des neuen Buches gefasst.

Mittlerweile hatte Jerome das Gefühl, einer sehr kleinen Generation anzugehören, die fast nur aus ihm selbst bestand, und für diese Generation waren Facebook-Profile, Dating-Apps und Spekulationen auf Kryptowährungen gleichbedeutend mit einer emotionalen Nähe zur CDU. Leseprobe

Beziehung zwischen abstrakter und wirklichkeitsgesättigter Liebe

Über einen klassischen Lovestory-Plot erzählt "Allegro Pastell" von den Spannungen zwischen abstrakter und wirklichkeitsgesättigter Liebe. Wie in einem russischen Roman fährt zu Beginn ein Zug ein. Jerome holt Tanja Arnheim am Frankfurter Hauptbahnhof ab. Tanja hat einen erfolgreichen Roman über Virtual Reality geschrieben. Sie lebt in Neukölln, während er den Bungalow seiner Eltern in Maintal bewohnt.

Hochanalytisch beobachten und bewerten sie sich und ihre eigenen Reaktionen in Phasen des Zusammenseins und Phasen des Getrenntseins. Die eigentliche Erotik ihrer Beziehung liegt in den Text-Messages und E-Mails, die sie sich schreiben. Zwar schlafen sie auch miteinander, aber der Sex ist verdammt zu einer Simulation überholter Beziehungsstandards, der höchstens noch eine spirituelle Herausforderung innewohnt.

In der Folge hatten sie leicht pathetischen Sex auf der Couch, bestimmt von der Überzeugung, dass sie nun etwas fraglos Gutes für ihren Geist und ihren Körper taten. Jerome glaubte in einem Moment sogar, dass sie durch ihren Akt an einer energetischen Verbesserung des gesamten Planeten Erde mitwirkten. Leseprobe

Kritik erschüttert das Liebesverhältnis

Die Liebe, das Gefühl des Kontrollverlusts, der Hingabe wird von den Interpretationsapparaten, Tanja und Jerome, mit formaler Distanz untersucht. Fast scheint es so, als würden sie darauf lauern, dass der andere einen Fehler macht. Als ihr eigenes Wohlbefinden zart erschüttert wird durch Jeromes ersten Entwurf ihrer eigenen Website, will Tanja lieber Janis ausprobieren.

Jerome wendet sich seinem Langzeitschwarm, Businesslady Marlene Seidl, zu. Während Tanja und Jerome mit ihrem kalten Blick wie zwei Teile einer menschlichen Maschine auftreten, stehen Janis und Marlene für die Realität der Körper. Sie haben Tattoos, tote Väter, erste Falten, Kinder und konfrontieren die unversehrten Ästhetik-Jünger mit ihrer eigenen Sterblichkeit.

Jerome versuchte das Gefühl zu fassen, das sich aktuell in ihm ausbreitete. Zuerst dachte er an das Ende der Sommerferien in einem Alter von unter sechzehn. Passender erschien ihm dann jedoch das Ende der Herbstferien in noch jüngeren Jahren, der Tag, an dem die Uhr zurückgestellt und es plötzlich sehr viel früher dunkel wurde. Leseprobe

Kreative Umdeutungen banaler Details nerven am Ende

Während man im ersten Teil Leif Randts originäres Erzählen uneingeschränkt genießen kann, wirkt "Allegro Pastell" in der Folge etwas unkonzentriert. Vielleicht, weil auch die Figuren von ihrer sicheren Spur abgekommen sind, fehlt einem die Lust, sich für Jeromes Ideen über das Joggen in Lissabon oder Tanjas Alpträume von warmem Hundekot in Plastiktüten zu interessieren.

Die kreativen Umdeutungen banaler Details beginnen zu nerven. Wie in einer Liebesbeziehung hat man den Text gut kennengelernt und muss sich jetzt entscheiden, ob man in der Lage dazu ist, ihn zu lieben oder nicht. Auf einer objektiveren Ebene überzeugt "Allegro Pastell" letztlich durch die Lust der Figuren am Denken. Denn hinter den narzisstischen Impulsen von Tanja und Jerome steht eine aufrichtige Sehnsucht nach Erkenntnis.

Allegro Pastell

von
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-462-05358-6
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 05.03.2020 | 12:40 Uhr

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