Stand: 11.05.2020 11:25 Uhr

Geldwäsche mit Gemälden: "Kunst und Verbrechen"

von Joachim Hagen

450 Millionen Dollar für einen fragwürdigen Leonardo da Vinci oder 150 Millionen Euro für einen Modigliani - die Preise auf dem internationalen Kunstmarkt brechen immer neue Rekorde. Ein Grund: Die Gemälde und Plastiken berühmter Künstler werden immer häufiger als Geldanlage benutzt. Das lockt auch immer mehr Betrüger und Kriminelle an. Wie dieser schwarze Kunstmarkt funktioniert und was gegen die Kriminalisierung des Kunsthandels getan werden kann, darum geht es in dem Buch von Stefan Koldehoff und Tobias Timm "Kunst und Verbrechen".

Cover des Buchs Kunst und Verbrechen von Stefan Koldehoff und Tobias Timm © Galiani-Berlin
Welchem Zweck dienen geraubte Kunstwerke heute - und wie gehen die Diebe vor? Dieser Frage geht das Buch "Kunst und Verbrechen" nach.

Stefan Koldehoff, Kulturredakteur beim Deutschlandfunk, hat schon vor 16 Jahren mit seiner Frau Nora ein Buch über Kunst und Kriminalität geschrieben. In "Aktenzeichen Kunst" ging es um spektakuläre Kunstdiebstähle. Jetzt ist also der Nachfolger erschienen - zusammen mit dem Zeit-Autor Tobias Timm. Die Kunst-Kriminalität habe sich geändert, sagt Koldehoff. Geldwäsche und Steuerbetrug spielten eine immer größere Rolle. Und auch das Vorgehen der Kunst-Diebe habe sich geändert.

Brutaler Raub statt eleganter Trick-Diebstahl

"Es ist viel brutaler geworden. Es ist nicht mehr Trick-Diebstahl, es ist nicht mehr elegant, nicht mehr schön, wie man es vielleicht mal finden konnte. Inzwischen gehen Täter zu normalen Öffnungszeiten mit abgesägten Schrotflinten wie bei der Sammlung Bührle in die Museen, zwingen die Leute sich auf die Erde zu legen, reißen die Bilder brutal von den Wänden. Also, es hat sich viel verändert", beschreibt Koldehoff das Vorgehen der Täter.

Materieller Wert steht im Vordergrund

Es gehe den Dieben um den materiellen Wert, schreiben Koldehoff und Timm, nicht um den künstlerischen. Das wurde auch bei dem Diebstahl der großen Goldmünze aus dem Berliner Bode Museum deutlich oder bei dem Juwelen-Raub im Grünen Gewölbe in Dresden. Auf der anderen Seite: Diese Brutalisierung ist auch ein Erfolg der Fahnder. Bilder berühmter Künstlerinnen und Künstler sind praktisch nicht zu verkaufen. Es gibt Datenbanken, in denen alle verschwundenen Kunstwerke aufgeführt sind. Wenn ein geraubtes Gemälde oder Schmuckstück zum Verkauf angeboten wird, dann weiß jeder Händler oder Auktionator: Das ist ein Fall für die Polizei.

Koldehoff und Timm zeigen Verbindung zwischen Geldwäsche und Kunsthandel

Geraubte Kunstwerke werden deshalb inzwischen vermehrt zur Geldwäsche und zur Absicherung krimineller Geschäfte genutzt. In der etwas reißerischen Beschreibung von Koldehoff und Timm liest sich das so:

Als die italienische Polizei im Herbst 2016 das Haus eines Drogendealers in der Camorra-Hochburg Castellammare di Stabia am Golf von Neapel durchsuchte, fand sie auch zwei Frühwerke von Vincent van Gogh, die Auftragsdiebe 2002 aus dem Van Gogh Museum in Amsterdam gestohlen hatten. In der Zwischenzeit hatten die Gemälde mehrfach den Besitzer gewechselt, zur Geldwäsche und als Zahlungsmittel im Drogenhandel gedient.    Leseprobe

Stefan Koldehoff und Tobias Timm schildern noch viele weitere Beispiele, in denen der Kauf von Kunstwerken dazu dient, die Herkunft von Geld zu verschleiern. So nutzte Imelda Marcos, die Frau des ehemaligen Diktators der Philippinen, das ergaunerte Geld ihres Mannes nicht nur für den exzessiven Kauf von Schuhen, sondern auch für den Erwerb von Gemälden. Viele dieser Kunstwerke sind seitdem verschwunden. Die Millionen natürlich auch.

"Kunst und Verbrechen" fordert mehr Transparenz

Koldehoff fordert, dass der Kunsthandel transparenter agiert, um sich von Verbrechen abzugrenzen.

Der Kunsthandel muss die alten Privilegien, auf die er beharrt, aufgeben. Also das sogenannte Geschäftsgeheimnis, das juristisch überhaupt nicht existiert. Wenn sie mir einen van Gogh verkaufen und da ist eine Galerie dazwischengeschaltet, dann müssten sie mir weder sagen, wo sie das Bild her haben, noch ich, woher das Geld kommt, und der Kunsthändler in der Mitte verdient schön dran. Das geht so nicht mehr. Es muss Transparenz geben, es muss klar sein, woher Kunstwerke kommen, mit welchem Geld sie bezahlt werden. (...) Sonst wird der Kunsthandel immer stärker in die Verbrechenswelt einbezogen werden. Leseprobe

Koldehoff und Timm wollen mit ihrem Buch nicht den Kunsthandel insgesamt anklagen. Das betonen sie immer wieder. Die meisten Galeristen und Auktionatoren seien ehrliche Leute. Aber die dunkle Seite des Kunsthandels dürfe nicht ausgeblendet werden.

Kunst und Verbrechen

von Stefan Koldehoff und Tobias Timm
Seitenzahl:
328 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Galiani-Berlin
Bestellnummer:
978-3-86971-176-8
Preis:
25,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 11.05.2020 | 09:55 Uhr

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