Stand: 19.10.2019 06:55 Uhr

Fotos vom Krieg gegen den "Islamischen Staat"

End of the Caliphate
von Ivor Prickett
Vorgestellt von Stefanie Groth

NDR Kultur stellt in einer literarischen Rubrik am Wochenende "Bildschöne Bücher" vor. Ivor Pricketts Bildband "End of the Caliphate" kann man keinesfalls bildschön nennen. Aber der schonungslose und erschütternde Band ist es wert, vorgestellt zu werden.

Der Fotograf Ivor Prickett fotografiert den Krieg gegen den IS - und das, was nach der Niederschlagung dieser mörderischen Fanatiker übrig bleibt. Vor allem wie die Zivilisten, die diesen Krieg überstanden haben, weitermachen, ein neues Leben aufbauen müssen. Viele Bilder sind brutal, aber wahr. Sie dürfen nicht unbekannt bleiben.

Bilder von Zerstörung, Leid und Neubeginn

Ivor Prickett fotografiert Befreiung Mossuls aus nächster Nähe

Im Juli 2017 erlebte der Kriegsfotograf Ivor Prickett die Befreiung Mossuls aus nächster Nähe. Als sogenannter Embedded Journalist war Prickett für die "New York Times" vor Ort. Er folgte den Streitkräften auf Schritt und Tritt, bewegte sich mit ihnen an der Frontlinie. Alleine wäre das nicht möglich gewesen - viel zu gefährlich. Aus den erschütternden Fotografien für die "New York Times" ist zusätzlich ein Bildband entstanden: "End of the Caliphate" - Ende des Kalifats. Ein Buch, das den trockenen Nachrichtenschlagzeilen rund um den Kampf gegen den "Islamischen Staat" Gesichter gibt, und vor allem eines zeigt: den täglichen Kampf der Zivilbevölkerung ums nackte Überleben.

Dicke Rauchschwaden steigen in der Ferne auf, färben den Himmel schwarz. Die Landschaft ist zerstört. Übersät von Schutt und Geröll, niedergerissenen Strommasten und Ruinen. Die Apokalypse scheint nah beim Anblick von Qayara im Oktober 2016. Ein Ort südlich von Mossul gelegen. IS-Milizen haben kurz zuvor die Ölfelder nahe eines irakischen Checkpoints in Brand gesetzt.

In Blut und Massaker aufgestiegen. In Blut und Gemetzel gefallen. Implodiert wie ein dunkler Stern über der Wüste. Da wo verschleierte Sonnen auf- und untergehen. Entlang des Horizonts, der verschmiert ist vom schmalzigen Staub brennenden Öls. Entlang namenloser Körper, die in den alten und neuen Ruinen liegen. Leseprobe

IS-Terror: Stumme Schreie der Hinterbliebenen

Ein stummer Schrei entfährt der Frau mit Kopftuch. Hilflos, anklagend, steht sie im Türrahmen und deutet mit den Armen auf die Schwelle vor sich. Diese ist blutgetränkt, Stufe für Stufe. Neben ihr ein kleiner Junge. Stumm blicken beide auf die Spuren des Verbrechens, das sich eben vor ihrer Haustür abgespielt hat.

Sogar in den letzten Momenten kurz vor ihrer Niederlage kämpften die letzten Krieger des Kalifats für einen harten Tod inmitten von Schutt und Trümmern. Das Getöse der Luftangriffe. Der Sog von pfeifenden Schüssen und explodierenden Granaten. Hungrig, so schien es, auf den Ruhm ihrer eigenen Vernichtung. Leseprobe

Das Grauen des Krieges in poetischen Bildern

So poetisch wie die einführenden Zeilen zu seinem Bildband, so poetisch sind auch Ivor Pricketts Fotografien. Eine Poesie, die grotesk erscheint angesichts dessen, was Prickett ablichtet: Tod und Verderben, Krieg und Zerstörung, Verlust und Angst. Dazwischen immer der Kampf ums Überleben. Er zeigt die Menschen, die im Kreuzfeuer gefangen sind, ob Soldat oder Zivilist.

"In leeren, zurückgelassenen Häusern schliefen wir ein paar Tage unter harten Bedingungen. Es ist ein Geduldsspiel. Viel Zeit verbringt man damit, herumzusitzen und zu warten", berichtet Prickett in einem Gespräch mit dem "Handelsblatt". Monatelang war er zwischen 2016 und 2018 im Irak und Syrien mit Streitkräften unterwegs, um den Kampf gegen den IS abzubilden. "Immerzu begleitete einen die Frage: Wie weit können wir gehen? Ich wollte das Kämpfen dokumentieren, den Moment der Befreiung, wie die Menschen zum ersten Mal wieder ihre Häuser verließen. Aber man war ständig auf der Hut vor zurückgebliebenen IS-Kämpfern, die weiter Schäden anrichten konnten."

Nach dem IS: Leben inmitten der Trümmer

Prickett bleibt, auch nachdem der IS geschlagen ist und Mossul im Sommer 2017 befreit wird. So ist sein Bildband auch einer, der nicht nur vom Krieg erzählt, sondern davon, wie es weitergeht. Vom Nachkriegsleben inmitten der Trümmer. Vom Wiederaufbau und von Heimkehrern auf der Suche nach dem, was von ihren Häusern übrig blieb. Es sind diese Fotografien, die den Bildband so bedeutungsvoll machen. Wie ein Versprechen, dass das Ende des Kalifats hoffentlich zugleich der Anfang von etwas Neuem sein wird.

Männer, Frauen, Kinder laufen in Kolonne durch das, was vom Jadida Viertel in West-Mossul übrig blieb. Hauptsache weiter. Hauptsache weg. Ein Mädchen, vielleicht 13, trägt neben Rucksack, Decke und Tasche auch noch ein kleines Kind auf ihrem rechten Arm. Das Kind macht große Augen, kann seinen Blick nicht abwenden von der Leiche, die es da unter den Trümmern entdeckt hat. Sonst schaut niemand aus der Gruppe auf den toten IS-Kämpfer. Sie ziehen fort. Das Leben muss weitergehen.

End of the Caliphate

von
Seitenzahl:
180 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Fester Einband, 30,5 x 26 cm, Englisch
Verlag:
Steidl
Bestellnummer:
978-3-95829-493-6
Preis:
45,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 20.10.2019 | 17:40 Uhr

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