Sophie Passmann: "Komplett Gänsehaut" © Kiepenheuer & Witsch

Sophie Passmanns Gesellschaftskritik: "Komplett Gänsehaut"

Stand: 14.03.2021 06:00 Uhr

Sophie Passmanns neues Buch "Komplett Gänsehaut" regt zum Nachdenken an. Scharfzüngig analysiert die Autorin die Generation der Millennials.

Sophie Passmann: "Komplett Gänsehaut" © Kiepenheuer & Witsch
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von Juliane Bergmann

Wenn sie das Wort ergreift, dann hat das zuallererst vor allem eins: mächtig Wumms. Sophie Passmanns feministisches Buch "Alte Weiße Männer" erweckte 2019 großes Aufsehen. Für ihre Moderation der fiktiven, im Fernsehen ausgestrahlten Ausstellung "Männerwelten" über Sexismus wurde Sophie Passmann gerade für den diesjährigen Grimme-Preis mitnominiert. Auch in ihrem neuen Buch schimpft, motzt und mosert die Berufs-Zynikern Sophie Passmann was das Zeug hält. Aber nicht über die anderen, sondern dieses Mal über sich und ihresgleichen:

"Einen alles in allem höchstens okay schönen Körper auf einmal aus Prinzip schön zu finden, diese Methode hatte sich schon bei Schläue und Relevanz gesamtgesellschaftlich nicht bewährt, nicht jeder ist klug, nicht jeder ist schön, nicht jeder kann besonders hoch springen. Dann ist da ja noch die heitere Erkenntnis, dass Körper einfach wahnsinnig langweilig sind, dass jeder mindestens eine peinliche Stelle hat und dass man sich nicht mal ansatzweise an die Körper erinnert, die im Laufe des eigenen Lebens so auf einem lagen." Leseprobe

Sophie Passmann entlarvt die modernen Schlagworte

Von Body Positivity über Schlafhygiene bis Self-Care und Minimalismus: All die hippen, lebensbestimmenden Schlagworte, auf die sich die westdeutsche Mittelschicht in ihren Endzwanzigern wortlos geeinigt zu haben scheint, nimmt die Autorin detailreich auseinander. In seitenlang aneinandergereihten Hauptsätzen begründet sie aus der Ich-Perspektive ihre Welterkenntnis.

Ein pamphletistischer Monolog ist das. Allerdings mit der erfrischenden Leichtigkeit eines gelungenen Auftritts beim Poetry-Slam, der am Ende das komplette Publikum gewinnt. Kein Wunder, denn auf solchen Bühnen hat Passmann mit 15 Jahren ihren unnachahmlichen Ton kultiviert und etliche Preise abgeräumt. Nun also ist sie 27 Jahre alt, lebt in Berlin und wird erwachsen.

"Komplett Gänsehaut" bringt den Leser zur Selbstreflexion

In den ersten Jahren nach der Volljährigkeit war das noch eine niedliche Pose, nicht zu wissen, wie man einen Ölwechsel macht oder eine Hühnersuppe, langsam ist es nur noch albern, die Leute lassen einen das spüren, langsam sollte man mal Verantwortung übernehmen für dieses lächerliche Leben, das man sich da im Laufe der letzten Jahre zusammengeklöppelt hat. Leseprobe

"Stimmt eigentlich", denkt die Leserin - in meinem Fall 35 Jahre alt - immer und immer wieder. Ich oute mich: Erschreckend oft fühle ich mich ertappt. Treffsicher benennt Passmann nicht nur, was in ihrer Generation - zu der ich vielleicht geradeso noch gehöre - gegessen und getrunken wird, womit die Samstagvormittage und -abende verbracht werden, was gelesen, was geschaut, was gehört wird.

Sie weiß auch, was wir über unsere Eltern denken, was uns wirklich Angst macht und wie wir unsere Wohnzimmer regelrecht kuratieren. Das ist entlarvend, weil wir offenbar doch alle nicht im Ansatz so individuell sind, wie wir es gern wären, aber vor allem schwer unterhaltsam. Stichwort: Gemeinschaftsgefühl.

Kein Wunder, dass Leute, deren Wohnzimmer so aussehen wie meine, ständig neue Dinge fühlen, es ist das Gegenteil von Zerstreuung, diese Wohnzimmer sind eine ständige Wiederholung des Moments, in dem man der eigenen Mutter als Kind vorjammert, dass einem langweilig sei, und sie sagt, man könne ja sein Zimmer aufräumen, diese Wohnzimmer sehen aus, wie sie aussehen, weil man Angst hat, mit den falschen Sachen Spaß zu haben, sicherheitshalber hat man dann gar keinen Spaß mehr, man kann auch mit Krampf eine schlechte Zeit haben. Leseprobe

Scharfzüngige und überraschende Analysen

Fast unbemerkt neben all der scharfsinnigen und scharfzüngigen Analyse der Millennials erlebt die Protagonistin in diesem Buch auch einiges. Ihre Beziehung zerbricht, die neue leere Wohnung demonstriert unverschämt die in ihr liegenden, unendlichen Möglichkeiten, ein paar melancholische Nächte gehen ins Land und - die vielleicht schönste Überraschung - die Protagonistin schließt Freundschaft mit einer Zwölfjährigen:

Ich hatte plötzlich das Bedürfnis, dieses Mädchen mit den verschränkten Armen und den Pausbäckchen in die Arme zu schließen und sie zu trösten, stattdessen lobte ich ihre Turnschuhe, wir haben ein wenig über die besten Dinosaurier gesprochen, waren aber unterschiedlicher Meinung.

Ein wilder Ritt, auf den Sophie Passmann die Lesenden mitnimmt. Atemlos, aber nicht aus der Puste. Bissig, aber nicht verbissen. Emotional geht das Buch nicht allzu nahe - "Komplett Gänsehaut" bleibt als Körperreaktion aus. Aber immerhin: Ein Dutzend Mal habe ich sehr laut gelacht.

Komplett Gänsehaut

von Sophie Passmann
Seitenzahl:
192 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Das von Sophie Passmann gelesenene Hörbuch ist parallel erschienen bei tacheles!/Roof Music.
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-462-05361-6
Preis:
19,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 05.03.2021 | 12:40 Uhr

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