Clemens J. Setz © picture alliance/dpa/APA | Gert Eggenberger Foto: Gert Eggenberger

Kommentar zum Büchner-Preis: "Eine bravouröse Entscheidung"

Stand: 20.07.2021 11:49 Uhr

Mit Clemens J. Setz erhält ein fabelhafter Autor den Büchner-Preis, weil er jedem Moment eine Bedeutung abringt, meint NDR Kultur Literaturredakteur Alexander Solloch.

von Alexander Solloch

Als Clemens J. Setz einmal das Langweiligste tat, was ein Mensch im 21. Jahrhundert tun kann – er stand beim Einchecken an einem Schalter des Frankfurter Flughafens –, sah er so ziemlich das Aufregendste, was seine Augen überhaupt je erblicken konnten: "Es war der schönste Bart überhaupt. Der gehörte einem Mann, der direkt vor mir stand", erinnert er sich, "und jedes Mal, wenn er sich umwandte, dachte ich mir, es trifft mich die Seele des gesamten Universums, so ebenmäßig und perfekt war der - ein wirklich ungeheurer Bart."

Setz: Ein stiller sinnlicher Beobachter menschlicher Phänomene

Diese Geschichte illustriert, warum Clemens J. Setz so ein fabelhafter Schriftsteller ist: Weil er jedem Moment eine Beobachtung abringt, weil er an Bewunderung nicht spart für all die Menschen, die der Welt auch mit allergeringsten Mitteln ihren Abdruck geben, weil er im Kleinen das ganz Große sieht. Er ist ein stiller, sinnlicher Beobachter menschlicher wie auch sonst ganz natürlicher Phänomene um uns herum. Wenn z.B. in seiner Erzählung "Südliches Lazarettfeld" (aus dem Band "Der Trost runder Dinge") einer erwacht und noch verschlafen auf den Balkon tritt, dort so um sich schaut und beobachtet, wie auch die belebte Natur allmählich wach wird, und wenn das dann hinausläuft auf einen Satz wie: "Ein Specht bearbeitete einen Baumstamm, aber er war schlecht synchronisiert, das Klopfen passte nicht zu seinen Kopfbewegungen" – dann weiß man doch wieder, warum es überhaupt Literatur gibt: damit zur Sprache gebracht wird, wie die weise Wirrnis in unserem Kopf das Unverständliche da draußen für uns ordnet. Das kann Clemens J. Setz meisterhaft.

Ein fabelhafter Sprachkünstler

NDR Kultur Literaturredakteur Alexander Solloch vor einer Backsteinwand. © NDR Foto: Manuel Gehrke
NDR Kultur Literaturredakteur Alexander Solloch (hier auch mit Bart) ist von der Entscheidung der Akademie begeistert. Er möchte die Titel von Setz am liebsten singen.

Überhaupt ist der 38-jährige Grazer ein fabelhafter Sprachkünstler, einer, der die Sprache als etwas sieht, was einfach da ist: Uns allen ist sie geschenkt, wir alle dürfen frei und ungebremst mit ihr spielen. Wie sehr er dieses Spiel liebt, zeigt schon ein oberflächlicher Blick auf seine Publikationsliste: Was haben seine Romane, Erzählungen und Gedichtbände für wundersame Titel! Man möchte sie geradezu singen: "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes", "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre"“, "Glücklich wie Blei im Getreide", zuletzt "Die Bienen und das Unsichtbare". Setz liebt die Worte, er liebt die Menschen, die mit Worten versuchen, ihre inneren und äußeren Konflikte zu ergründen, vielleicht gar zu lösen, und dabei natürlich immer wieder scheitern.

Clemens J. Setz mit dem Georg Büchner-Preis 2021 auszuzeichnen – das ist eine bravouröse Entscheidung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, die damit zum einen die österreichische Literatur auszeichnet, ohne deren Witz und Fabulierfreude wir uns in den letzten Jahren ganz schön gelangweilt hätten, und zum anderen innerhalb der österreichischen Literatur einen sprachverspielten Kauz ehrt, einen mit großem Gespür für das Dramatische und Groteske menschlichen Zusammenlebens.

Mit Büchner verbindet Clemens J. Setz die tiefe Neugier darauf zu erfahren, was die Welt im Innersten zusammenhält, was den Menschen zum Menschen macht und welche Rolle dabei das Sonderbare, das Kuriose, das Groteske spielt. Seit einiger Zeit ist sein eigener Bart außer Kontrolle geraten, ungeheuer auch er, wenn auch zum Glück nicht ebenmäßig und perfekt – ganz wie sein Schreiben.

Weitere Informationen
Schriftsteller Clemens J. Setz © dpa-Picture Alliance Foto: Anke Waelischmiller/SVEN SIMON

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 20.07.2021 | 10:20 Uhr

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