Kirsten Boies neuer Jugendroman spielt im Nachkriegs-Hamburg

Stand: 07.01.2022 06:15 Uhr

Die renommierte Autorin Kirsten Boie lässt ihr neues Buch "Heul doch nicht, du lebst ja noch" im Hamburg der Nachkriegszeit spielen. Darüber hat sie bei NDR Kultur à la carte gesprochen.

Kirsten Boie sitzt mit Jan Malte Andresen im Tonstudio des Landesfunkhauses in Kiel. © NDR Foto: Dominik Dührsen
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Sie ist die Erfinderin von "Ritter Trenk" und den "Kindern aus dem Möwenweg": Die Hamburger Ehrenbürgerin Kirsten Boie zählt seit Langem zu den bedeutendsten und beliebtesten Kinder- und Jugendbuchautorinnen in Deutschland. Ihre Bücher werden mit Preisen überhäuft: Schon 2007 erhielt sie den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für ihr Gesamtwerk, 2011 wurde sie vom Bundespräsidenten mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet.

Kirsten Boie ist Nähe zu Leserinnen und Lesern wichtig

Die Autorin Kirsten Boie bei der Hamburger Kinopremiere ihres Buches "Der kleine Ritter Trenk" © NDR Foto: Patricia Batlle
Kirsten Boies Bücher dienten auch als Vorlage für Hörbücher und Verfilmungen - etwa für "Der kleine Ritter Trenk" als Kinospielfilm.

Inzwischen hat Kirsten Boie weit über 100 Bücher vorgelegt. Neben dieser immensen literarischen Produktion engagiert sich die Autorin stark in sozialen Projekten. 2015 gründete sie eine Stiftung, um Kindern im südlichen Afrika zu helfen.

Am meisten fehlen Boie derzeit die Lesungen vor Kindern. Denn die unmittelbare Nähe zu ihren jungen Fans ist der renommierten Autorin besonders wichtig. Und so setzt sie sich für die Stärkung der Lesekompetenz ein. Denn auch bei uns lernen viele Kinder nicht richtig lesen. "In einem reichen Land wie Deutschland, dessen wichtigste wirtschaftliche Ressource Bildung ist, darf das nicht so sein", sagt Boie im Gespräch mit NDR Kultur. Die Politik sei gefordert, dafür zu sorgen, "dass alle Kinder - unabhängig von ihrer Herkunft - lesen lernen können".

Nun erscheint Boies Jugendroman "Heul doch nicht, du lebst ja noch".

Frau Boie, Sie haben im vergangenen Jahr mit "Dunkelnacht" schon einen Jugendroman herausgebracht, der kurz vor Ende des Krieges spielt. Warum?

Kirsten Boie: Es hat bei beiden Büchern ganz unterschiedliche Gründe und Auslöser gegeben. Das Buch "Dunkelnacht" erzählt ja eine durch und durch authentische Geschichte mit authentischen historischen Vorfällen. Da sind in dieser bayerischen Kleinstadt, während man schon die amerikanische Armee hören konnte, und wusste, die sind spätestens morgen da, von den Nazis noch 16 Menschen ermordet worden. Und als ich darüber gelesen habe, in "Wolfszeit" von Harald Jähner, da hat mich das so erschüttert, dass ich dachte, darüber muss ich schreiben.

Bei "Heul doch nicht, du lebst ja noch" war es anders. Zum 75. Jahrestag des Kriegsendes gingen ja viele Bilder durch die Medien. Dabei hat mich ganz viel an meine Kindheit erinnert. Ich bin 1950 geboren, also ich habe das nicht mehr erlebt, aber es spielte eine unglaubliche Rolle in den Erzählungen und Gesprächen der Erwachsenen. Ich habe ja auch selbst noch auf Trümmerfeldern gespielt. Und dann die ganzen sogenannten Kriegsversehrten: Väter meiner Freundinnen hatten Beinprothesen, Armprothesen, Lehrer ohnehin. Das war ja damals die ganz normale Welt für uns Kinder. Und das ist alles wieder hochgekommen. Als ich dann die Bilder zum Jahrestag des Kriegsendes gesehen habe, waren auch sehr viele aus Hamburg dabei.

Und dann habe ich gedacht, ich möchte ein Buch darüber schreiben - eben über dieses Kriegsende. Auch für Jugendliche, die vielleicht da manches doch zu naiv sehen oder sogar idealisieren. Wir sehen ja, wie Jugendliche nach rechts abrutschen. Am Ende waren auch die Deutschen Verlierer. Am Ende gab es auch für sie Leiden. Viele Jugendliche, die sich in die rechte Szene begeben, haben ganz viel von der Shoah gehört. Und das ist gut, das soll unbedingt so sein. Aber diese Jugendlichen denken: Damit habe ich nichts zu tun, ich bin doch kein Jude. Ich wäre auf der Seite der Starken gewesen. Und da gibt es ja auch eine Faszination durch Soldaten zum Beispiel. Ich fand es einfach wichtig, einmal zu zeigen: Auch für dich wäre es kein Spaß gewesen. Also auch die Deutschen, die nicht verfolgt worden sind, haben am Ende des Krieges furchtbar gelitten. Aber andere haben natürlich noch furchtbarer gelitten. Deshalb brauchte ich auch diese Figur des jüdischen Jungen noch in meinem Buch.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NDR Kultur à la carte | 07.01.2022 | 13:00 Uhr

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