Stand: 02.10.2019 13:59 Uhr

Moderne Wahlverwandtschaften

Kintsugi
von Miku Sophie Kühmel
Vorgestellt von Carolin Courts
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Kühmels Debütroman ist mit fünf anderen Kandidaten für den Deutschen Buchpreis 2019 nominiert.

Der Debütroman der 27-jährigen Miku Sophie Kühmel mit dem japanisch anmutenden Titel "Kintsugi" erzählt von einem Wochenende in einem Ferienhaus in der Mark Brandenburg.

Zu ihrem 20-jährigen Beziehungsjubiläum haben Reik und Max ihren Freund Tonio und seine Tochter Pega in ein Ferienhaus in Brandenburg eingeladen. Der Künstler Reik, der früher mit Tonio zusammen war, hätte auch gern ein Kind.

Im Vergleich zu der sagenhaften jungen Frau, die hier gerade neben mir her geht, sind all meine Figuren und Bilder nur Pappkameraden, Bemühungen, bedeutungslos. Ich beneide ihn um das Endergebnis und um die Gewissheit, einen großen Teil seines Lebens etwas so Wunderbarem gewidmet zu haben. Dass ich ein passabler Vater wäre, ist ein unbestimmtes, aber hartnäckiges Gefühl. Dass da etwas Neues lauert, in dem ich gut sein könnte. Das sich richtig anfühlen würde und eine große Aufgabe wäre. Und mit jedem Jahr füllt sich eine Sanduhr kurz unterhalb meiner Brust ein bisschen weiter, und der Wunsch wächst beharrlich. Und ich weiß, dass Max nicht mitzieht, bei dieser Geschichte. Leseprobe

"Kintsugi": Scherben neu zusammenfügen

"Kintsugi" ist ein Buch über die Sehnsucht, über die vielen Spielarten der Liebe und über das ewige Rätsel, das menschliche Beziehungen bleiben - egal, wie lange sie schon dauern und welcher Natur sie sind.

Das Titelwort kommt aus dem Japanischen. Kintsugi ist eine traditionelle Technik, die Scherben von zu Bruch gegangener Keramik mit Gold neu zusammenzufügen. Das passt schon vordergründig zu diesem Text, weil Max, der Archäologe, leidenschaftlicher Teetrinker und Japan-Verehrer ist und einmal, in einem seltenen, unbeherrschten Moment, eine kostbare Trinkschale zerdeppert.

Die Brüche feiern, nicht verstecken

Auch symbolisch ist der Titel treffend. Die Kintsugi-Methode feiert die Brüche, statt sie zu verstecken. Sie kultiviert den Gedanken, dass gerade dort ein Wert stecken kann, wo zuvor eine Verletzung gewesen ist.

Niemals hat sich Pega nach ihrer Mutter erkundigt. Hunderte Male bin ich mit ihr in Männerumkleiden gegangen im Schwimmbad, hab sie als einziger Vater aus dem Kindergarten geholt und aus der Schule. Für mich war es manchmal wahnsinnig schwer. Nicht nur, der Einzige bei allem zu sein. Sondern überhaupt, dieses unermüdlich wachsende kleine Wesen, das heute nicht mehr in die nagelneuen Socken von gestern passen wollte. Das fortwährend meiner Mutter davonlief, um mich nachts in der Bar "zu besuchen", in der es mich wähnte. Dabei putzte ich die Hälfte der Zeit Bürogebäude. Erst bei Max und Reik blieb sie dann artig im Bett und wartete. Erst als sie bei ihnen schlafen durfte, wurde sie weniger krank, ihre Träume besser. Erst dann verfolgte mich nicht mehr die Frage, ob ich es als Frau leichter mit ihr hätte, weil ich sah, dass es um Sicherheit ging und um Vertrauen und Kartoffelbrei und nicht um Genitalien. Leseprobe

Miku Sophie Kühmels Erstlingswerk wirbt für Toleranz

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Miku Sophie Kühmel hat spürbar viel vor mit ihrem Erstlingswerk. Thematisch wirbt sie für Toleranz gegenüber nicht mainstreamfähigen Lebensmodellen und für den Mut zum Scheitern. Literarisch knüpft sie an Vorbilder an, die zu groß sind, um sie ernsthaft mit diesem Debüt vergleichen zu wollen. Goethes "Wahlverwandtschaften", um nur eines zu nennen. Auch sprachlich ist ihr Anspruch unübersehbar. Das alles überlädt den Text streckenweise, so manche Passage zieht sich.

An meinen Socken hängen immer noch Krümel. Zerstäubte Blüten und Blätter, wie auch immer sie heute Morgen im Garten in meine Schuhe geraten sind. Es muss passiert sein, als wir die Chrysantheme beschnitten haben. Dabei lässt man gerade die Winterchrysanthemen eigentlich stehen. Lässt sie allein mit der Kälte fertigwerden. Das einzig Tröstliche sind die gestreuten Funken, Schneeglöckchen und Märzenbecher, Waldgeister, die sich kichernd in Scharen über die Wiesen verteilen und sich nur bewegen, wenn man nicht hinsieht, und den Chrysanthemen eine lange Nase zeigen. Leseprobe

Das perfekte Debüt ist bisher nicht geschrieben. Dieses hier weiß dennoch Eindruck zu machen: durch eine dichte, im Hauptteil gut erzählte Geschichte und eine eigentümlich sinnliche Nachdenklichkeit.

Im besten Fall zeigt so ein erster Roman das Potenzial einer neuen Stimme. Gehen wir mal davon aus, dass von Miku Sophie Kühmel noch allerhand kommen wird.

Kintsugi

von
Seitenzahl:
304 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
S. Fischer
Bestellnummer:
978-3-10-397459-1
Preis:
21,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 02.10.2019 | 12:40 Uhr

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