Kent Nagano mit einem Mikrofon in der Hand auf der Bühne bei der Veranstaltung "Der Norden liest" © Maren Janning Foto: Maren Janning

"Der Norden liest": Kent Nagano erzählt aus seinem Leben

Stand: 10.12.2021 17:36 Uhr

Der 70-jährige Dirigent Kent Nagano hat beim Abschluss der Reihe "Der Norden liest" in Hamburg aus seiner Autobiografie über prägende Begegnungen gelesen: etwa mit Björk und Leonard Bernstein.

von Raliza Nikolov

Mit seinem ersten Buch "Erwarten Sie Wunder. Expect the unexpected" war Kent Nagano bereits vor ein paar Jahren zu Gast im Rahmen der Reihe "Der Norden liest". Nun sprach der Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper, der gerade seinen 70. Geburtstag gefeiert hat, zum Abschluss der Herbsttour "Der Norden liest" 2021 mit NDR Moderator Christoph Bungartz über sein neues Buch. Der Titel: "10 Lessons of my Life" (deutsch: 10 Lektionen meines Lebens). Der Abend wurde musikalisch umrahmt von der Initiative The Young ClassiX.

Dirigent Kent Nagano liest bei "Der Norden liest" aus seiner Biografie

Kent Nagano sagt: "Ich bin nur ein Musiker, ich bin kein Schriftsteller." Trotzdem sind etliche Menschen in die Kulturkirche Altona gekommen, um dem Erzähler Nagano zuzuhören.

Nagano nimmt das Publikum mit auf eine Wanderung durch sein bewegtes Leben. In der neuen Autobiografie geht es um prägende Begegnungen mit den unterschiedlichsten Persönlichkeiten - von Bernstein bis Björk. Zwei Stunden Gespräch und Musik vergehen wie im Flug. Hinterher weiß das Publikum, was Björk mit Arnold Schönberg und Kent Nagano verbindet und wie lohnend es sein kann, Zufälle im Leben ernst zu nehmen.

Details aus der Kindheit, pointierte Anekdoten

Nagano nimmt sich Zeit für seine Antworten, jede ist gespickt mit vielen kleinen Details, endet mit einer witzigen Pointe. Studiert hat er nicht nur Dirigieren, sondern auch Klavier, Bratsche, Komposition und Jura. Aber, wie der Zufall so wollte: "Viele Leute haben mir Arbeit als Musiker angeboten, aber niemand hat mir Arbeit angeboten als Rechtsanwalt, also war klar, dass ich Musiker werden würde."

Aufgewachsen auf einer Farm in einem kleinen Dorf an der Pazifikküste, hat Nagano früh erfahren, wie wichtig Medien sind. "Ich sitze mit meinem Vater auf einem Traktor auf dem Feld. Und mein Vater stoppt den Traktor, wir hören Radio: die Metropolitan Opera."

Stipendium bei Leonard Bernstein

In the middle of nowhere hat Nagano Leonard Bernstein zuerst erlebt, später konnte er Dank eines Stipendiums bei ihm persönlich Dirigieren studieren. Plötzlich sind die Hörerinnen und Hörer mit Nagano in Bernsteins Arbeitszimmer, und Bernstein fordert Nagano schlicht und ergreifend auf, "Dirigieren Sie!". Er habe entgegnet: "Okay, was soll ich dirigieren? Er hat gesagt, 'Sie dirigieren, was Sie möchten, und wenn Sie gut dirigieren, werde ich das Stück erkennen'." Bei dieser Begegnung sprachen sie stundenlang über die vierte Sinfonie von Brahms, über deren Anfang. Singend erklärt der Musiker: "Was bedeutet e-Moll? Was bedeutet ein Auftakt, was soll die Dynamik sein? Und wenn leise, was für leise? Dolce, cantabile, dramatisch, schüchtern."

Jede Lektion im Buch, jede Begegnung beginnt mit den Worten "Wie ich lernte." Zum Beispiel, "dass Demut schmerzhaft ist“, oder "dass es keine endgültigen Antworten gibt". Dass dies keine leeren Phrasen sind, erschließt Nagano an diesem Abend mit seiner ganzen Haltung. Er kommt zu dem Schluss: "Viele der wichtigsten Momente in unserem Leben, nicht nur als Künstler, sind zufällig. Und ich denke: 'Lass die Türen offen'."

Im Vorwort seines Buches schreibt Nagano, wahrhaft erfolgreich seien diejenigen, denen es gelinge, im Leben ihrer Mitmenschen Spuren zu hinterlassen. Kent Nagano ist einer von ihnen.

Weitere Informationen
Christoph Bungartz (links) und Kent Nagano  Foto: Maren Janning

Kent Nagano in Hamburg

Der Dirigent Kent Nagano stellte in Hamburg sein Buch "10 Lessons of my Life" vor. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 10.12.2021 | 06:40 Uhr

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