Stand: 26.05.2020 11:44 Uhr  - NDR Kultur

Der Tod und das Leben sind wie Nachbarn

Kostbare Tage
von Kent Haruf, aus dem Amerikanischen von pociao und Roberto de Hollanda
Vorgestellt von Peter Helling

Der US-amerikanische Schriftsteller Kent Haruf, 1943 als Sohn eines methodistischen Reverends geboren, hat sechs Romane geschrieben. Sie alle spielen in der fiktiven Kleinstadt Holt bei Denver, Colorado, wurden mehrfach prämiert, etwa mit dem Writers' Award. Sein letzter Roman, "Unsere Seelen bei Nacht", wurde mit Jane Fonda und Robert Redford verfilmt. "Benediction" heißt sein vorletzter, er erschien 2013 in den USA und unter dem Titel "Kostbare Tage" jetzt im Diogenes-Verlag.

Der Sommer liegt schwer auf dem Land. Dad Lewis stirbt, 77 Jahre ist er alt, er hat Krebs. Er lebt in Holt, einer Kleinstadt bei Denver. Mit der Diagnose beginnt dieser Roman. Kent Harufs "Kostbare Tage" ist die Geschichte einer ablaufenden Frist.

Ich möchte nicht, dass du schon gehst, sagte sie, streckte die Hand aus und griff nach seiner. Das will ich nicht. Sie hatte Tränen in den Augen. Ich bin noch nicht so weit. Leseprobe

Die harte Zeit des Sterbens

Kent Haruf: "Kostbare Tage" © diogenes Verlag
"Kostbare Tage" ist Harufs vorletzter Roman. Er ist ein Jahr vor seinem Tod erschienen.

Liebevoll kümmern sich seine Frau Mary und Tochter Lorraine um ihn. Wer fehlt, ist Frank, der schwule Sohn. Wie ein Schatten liegt sein Zerwürfnis mit Dad über der Handlung. Dad Lewis steht kurz vor seinem Tod und Erinnerungen an früher drängen ins Bewusstsein. Er, der erfolgreiche Eisenwarenhändler, will sein Erbe bestellen, Schuld wiedergutmachen.

Dad streckte den Arm aus und schüttelte erst Rudy und anschließend Bob die Hand. Ich danke euch für all die Jahre, sagte er, für das, was ihr für mich getan habt. Lebt wohl, Kumpels. Leseprobe

"Kostbare Tage": Kunstlose, realistische Prosa

Der Roman "Kostbare Tage" ist grobe, ja kunstlose Prosa, unwillkürlich denkt man an den großen Roman "Stoner" von John Williams. Frauen pflegen, waschen einen sterbenden Körper. Gesten von selbstverständlicher Wärme.

Aber es geht um viel mehr als um einen sterbenden Mann. Das Buch bietet einen Einblick in die Seele der Vereinigten Staaten, eines zerrissenen Landes, schon 2013, als Kent Haruf den Roman geschrieben hat. Er selbst ist 2014 gestorben und dass sein Roman jetzt auf Deutsch erscheint, ist ein Glücksfall.

Alice brachte die Teller, die alten feinen, von Hand mit blauen Trauben bemalt. Die sind zu gut für ein Picknick, sagte Lorraine. Nein. Ich möchte sie benutzen. Wozu sind sie sonst gut? Meine Mutter hat sie mir vor langer Zeit zur Hochzeit geschenkt. Zwei fehlen. Leseprobe

Eine kleine Gemeinschaft voller Regeln

Es ist eine leise, schwerfällige Welt mit klaren Regeln. Dem Highway, dem Motel, der Main Street, der kleinen Kirche. Hass bricht sich Bahn, als der Pfarrer aus dem Lukas-Evangelium predigt. Grund genug für die Rednecks auszurasten, die Stimmung ist explosiv.

Sie sind ein verfluchter Terroristenfreund. Er erhob sich in der Mitte der Kirchenbank und hielt sich an der Rückenlehne vor ihm fest. Ein großer schwerer Mann. Wir hätten Sie niemals hierher kommen lassen dürfen. Sie sind ein Feind unseres Landes. Leseprobe

Die Frauen halten zusammen

Aber es gibt auch gelebte Solidarität aus der Nachbarschaft. Gegenüber von Dad Lewis' Sterbehaus lebt Berta May mit ihrer achtjährigen Enkelin Alice. Das kleine Mädchen steht für ein Stück Leben. Während Dad im Haus gegenüber im Sterben liegt, lernt Alice Fahrrad fahren. Es sind zwei Bewegungen, eine ins Leben hinein, eine hinaus. Es geht auch um weibliches Zusammenhalten, weiblichen Mut. Vier Frauen baden nackt im Rindertrog auf ihrem Bauernhof:

Ihre Gesichter und Körper glänzten. Später stiegen sie alle raus, trockneten sich ab, zogen sich an, nahmen die Gartenstühle und die leere Weinflasche und gingen durch den Pferch und über den heißen Feldweg zum Haus zurück. Leseprobe

Drei Generationen von Frauen nehmen sich alle Freiheit, genießen ihre Körper, alt, jung, mittelalt. Ein eng geknüpfter Dutt wird gelöst und zeigt prächtiges Haar. Ein ganz unbeschwerter Moment, die Hitze ist groß, die Kühe gucken mürrisch.

Kent Haruf zeichnet Bilder wie Edward Hopper

Das Sterben dagegen wird schmerzhaft genau beschrieben, da wird die Lektüre qualvoll. Fast zu schwerfällig. Kent Haruf zeichnet Bilder wie von Edward Hopper. Das heiße Licht fällt über Veranden auf Menschen, die mit trübem Blick hinter Fenstern sitzen. Ein tristes Burger-Essen im Diner. Einsam, unglücklich? Hier sind sie es alle.

Jedes Leben wird doch auch von Unglück begleitet, oder? Ich weiß nicht. Früher dachte ich das nicht. Aber es gibt auch Gutes, sagte Willa. Darauf möchte ich bestehen. Es gibt kurze Augenblicke, sagte Alene. Das hier ist so einer. Leseprobe

Kent Haruf versteht es genau, den Besuch des Feuerwerks zum Independence Day, samt knackenden Mikros und aufgeblasenen Ritualen, als Freiheitsmoment zu zeichnen: als Alice sich an Lorraine lehnt, die gerne ihre Mutter wäre. Haruf schreibt knochentrockene Hauptsätze, webt ungekünstelte Dialoge.

Sorgen um ein verschwundenes Mädchen

Doch dann: Am Tag des Todes von Dad ist Alice plötzlich weg. Im "Wunderland" ist sie nicht.

Das alles macht mich furchtbar nervös, sagte Lorraine. Was, wenn ihr etwas zugestoßen ist? O Gott, ich hoffe, es ist nichts passiert. Das sollten wir nicht denken, sagte Lyle. Leseprobe

Leben und Tod stehen sich wie alte Nachbarn gegenüber. Nur durch eine staubige Straße getrennt. Ein Roman, durch den man sich hindurch wühlen muss, er ist weder gefällig noch elegant, weder metaphysisch noch psychologisch. Aber sein mahlender Rhythmus, dieser erzählerische Fluss, zieht in den Bann. Am Ende weht ein Blizzard über das trockene Land, verwischt die Spuren.

Kostbare Tage

von
Seitenzahl:
352 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Diogenes
Bestellnummer:
978-3-257-07125-2
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 27.05.2020 | 12:40 Uhr

Benjamin Quaderer: "Für immer die Alpen" (Cover) © Luchterhand
5 Min

Benjamin Quaderer: "Für immer die Alpen"

Benjamin Quaderer erzählt von einem untergetauchten Lichtensteiner Bank-Datendieb. Der Text ist eine moderne Mischung aus Schelmen- und Entwicklungsroman. 5 Min

Rebecca Makkai: "Die Optimisten" © Ullstein Verlag
4 Min

Rebecca Makkai: "Die Optimisten"

Rebecca Makkais Roman "Die Optimisten" erzählt von den 80er-Jahren, einer Zeit, die barst vor Lebenslust und Kreativität. 4 Min

Kent Haruf: "Kostbare Tage" © diogenes Verlag
5 Min

Kent Haruf: "Kostbare Tage"

Ein Roman von Kent Haruf - vorgestellt auf NDR Kultur. 5 Min

Joachim Zelter: "Imperia" © Klöpfer, Narr
4 Min

Joachim Zelter: "Imperia"

Joachim Zelter zeichnet in seinem Roman das Bild von zwei Menschen, die sich miteinander im Kreis drehen und sich langsam in ihrer je eigenen Einsamkeit auflösen. 4 Min

Anuradha Roy: "Der Garten meiner Mutter" (Cover) © Luchterhand
5 Min

Anuradha Roy: "Der Garten meiner Mutter"

Die Beschreibungen der indischen Kultur und der indischen Sehnsucht nach Eigenständigkeit zählen zu den stärksten Passagen in Anuradha Roys neuem Roman. 5 Min

Mehr Kultur

Szene aus dem Film "Nomadland" - Abschlussfilm beim Filmfest Hamburg © The Walt Disney Company GmbH

Filmfest Hamburg startet: Mit 76 Filmen um die Welt

Das Filmfest Hamburg eröffnet heute mit dem Fassbinder-Biopic "Enfant Terrible". Insgesamt sind 76 Filme im Kino unter Corona-Auflagen und online über Streaming-Tickets zu sehen. mehr

Ein lächelnder Mann mittleren Alters vor einem Fenster: Axel Schneider, Theaterleiter des Hamburger Altonaer Theaters, des Harburger Theaters und der Hamburger Kammerspiele  Foto: Lahola

Altonaer Theater: Spielen in Corona-Zeiten

Theaterleiter Axel Schneider erzählt, was bei den derzeitigen Aufführungen am Altonaer Theater anders ist und er erklärt, warum man trotz Corona ins Theater gehen kann. mehr

Das "Cinema des Sol" während der Vorführung. © NDR/ Miriam Stolzenwald Foto: Miriam Stolzenwald

Cinema del Sol - Fahrradkino mit Sonnenenergie

Das ganze Kino passt in zwei Fahrradanhänger, mit denen die beiden Betreiber zum Veranstaltungsort fahren. Aber wie sieht so eine Freiluft-Vorstellung genau aus? mehr

Michael Gwisdek © picture alliance/Jörg Carstensen/dpa Foto: Jörg Carstensen

Schauspieler Michael Gwisdek ist tot

Michael Gwisdek ist im Alter von 78 Jahren gestorben. Der Schauspieler spielte unter anderem in "Good Bye, Lenin!", mehreren "Tatort"-Folgen und der NDR Koproduktion "Altersglühen" mit. mehr