Stand: 17.09.2020 13:16 Uhr

"Karl Lagerfeld": Eine Biografie mit Schwächen

von Danny Marques Marcalo

Karl Lagerfeld: Da hat fast jeder wohl sofort den Mann mit dem weißen Zopf und der dunklen Sonnenbrille vor Augen. Der Mann war allgegenwärtig und doch gab es immer einige Unklarheiten über sein Leben. Das lag an Lagerfeld selbst, der in Interviews mal dies, mal das erzählte. "Karl Lagerfeld. Ein Deutscher in Paris" heißt eine neue Biografie über ihn, die am 17. September erschienen ist. Der Modejournalist Alfons Kaiser geht dem Mythos auf den Grund und hat einige spannende Details ausgegraben - unter anderem, dass Lagerfelds Eltern den Nazis wohlgesonnen waren.

Cover des Buchs "Karl Lagerfeld. Ein Deutscher in Paris" von Alfons Kaiser © H.C. Beck
"Ein Deutscher in Paris": Der Modejournalist Alfons Kaiser hat eine Biografie über Karl Lagerfeld geschrieben.

"Für mich ist Geld etwas, das aus dem Fenster geworfen wird, um durch die Tür wieder reinzukommen": Diesen Satz sagte der Junge aus reichem Hause. Karl Lagerfeld war der Luxus in die Wiege gelegt. Schon in der Schule trug er Krawatte und zeichnete den Mädels in der Pause Kleiderentwürfe. Ein Feingeist. Dass der Wohlstand der Familie Lagerfeld aber durch Dosenmilch entstand, störte ihn immer.

Das 25-jährige Jubiläum der Fabrik wurde im Mai 1952 (…) begangen. Als bei dem Fest ein Bauer mit Karl ein Bier trinken wollte, habe der 18-jährige abgewinkt: Er trinke nur Champagner. Leseprobe

Diplomatisch war er nicht, aber direkt. In dieser Biografie wird das als Folge eines schwierigen Elternhauses geschildert. Der Vater, Erfinder der Marke "Glücksklee", die es bis heute gibt, war abwesend. Die Mutter kalt. Beide sympathisieren mit den Nazis und sind Mitglied der NSDAP. Besonders die Mutter verehrt Hitler. Sie habe es für möglich gehalten, dass Hitler im Stande war, die Zerrissenheit des deutschen Volkes zu steuern, es einer Idee unterzuordnen, allem Parteienhader ein Ende zu machen, Ordnung nach Innen und Außen zu schaffen, schreibt Kaiser. Später habe sie sich von den Idealen der Nazis aber abgewandt, vor allem wegen des Umgangs mit den Juden.

Detaillierte Recherche und tolle Fotos aus der Kindheit

Gerade wenn es um die Jugend von Karl Lagerfeld geht, ist es ein sehr erhellendes Buch. Alfons Kaiser hat detailliert recherchiert und einige tolle Fotos aus Lagerfelds Kindheit ausgegraben.

Mode ist irgendwie Zeitausdruck, deswegen finde ich das interessant. Mode der Kleidung, des Parfums, des Essens. Der Haare, der Schminke. Heute ist alles irgendwie Mode und muss unter einen Hut. Auch wenn der Hut selbst nicht mehr in Mode ist, um einen Ausdruck der Zeit zu geben. Karl Lagerfeld

Mit 14 Jahren hat Karl Lagerfeld ein Erweckungserlebnis. In Hamburg sieht er eine bahnbrechende Kollektion von Christian Dior. Kurz danach schon geht er nach Paris, flaniert da über die Boulevards. Mit 20 gewinnt er einen Design-Wettbewerb und trifft dabei einen gewissen Yves Saint Laurent. Die beiden sind erst Freunde, später ist die Beziehung vergiftet.

Der Konkurrenzkampf hatte sich verselbstständigt. Die beiden Großdesigner stießen sich ab wie zwei Magneten, die gleich gepolt sind. Leseprobe

Lagerfeld sagte dazu: "Ich hatte einen der ekelhaftesten Momente meines Lebens. Yves Saint Laurent kam zu mir und küsste mich auf die Wange. Ich musste das erstmal abwaschen."

Biografie mit Schwächen

Anhand der Fehde mit Yves Saint Laurent werden die Schwächen dieser Biografie deutlich. Sie ist vor allem beschreibend. Eine größere Einordnung gibt es nicht. Das ist bei einigen Themen so. Sobald Lagerfeld bei Chanel zum Star wird, Anfang der 1960er-Jahre, ist es vor allem ein Runterrattern von Orten und Namen. Immer wieder mit witzigen Momenten.

Seine Bücher kaufte er in seiner eigenen Buchhandlung - mit fünf Prozent Nachlass. Leseprobe

Dieses Buch wird dem Meister nicht ganz gerecht. Einerseits gründlich recherchiert, hetzt es gerade in der zweiten Hälfte durch das Leben von Karl Lagerfeld. 383 Seiten für 86 Jahre Karl Lagerfeld, das ist eigentlich viel zu wenig für diesen Mann. Am Ende ist es ein handlicher Überblick über sein Leben, was ihm womöglich gefallen hätte: "Meine Devise im Leben ist: Es fängt mit mir an, es hört mit mir auf, Basta."

Karl Lagerfeld. Ein Deutscher in Paris

von Alfons Kaiser
Seitenzahl:
383 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
C.H. Beck
Bestellnummer:
978-3-406-75630-6
Preis:
26,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 17.09.2020 | 19:00 Uhr

Karl Lagerfeld © picture alliance Foto: empics

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