Stand: 13.08.2019 14:42 Uhr

Eine deutsch-norwegische Familiengeschichte

Kieloben
von Karin  Nohr
Vorgestellt von Christiane Irrgang
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Ein Buch über ein deutsch-norwegische Familiengeschichte, aus unterschiedlichen Erzählperspektiven.

"Von allen meinen Romanen hat mich 'Kieloben' am meisten und längsten beschäftigt und regelrecht infrage gestellt", sagt Karin Nohr. Nach jahrelanger Tätigkeit als Therapeutin und Psychoanalytikerin widmet die gebürtige Hamburgerin sich mittlerweile nur noch dem Schreiben. Ihr erster Beruf und ihre klassische Gesangsausbildung scheinen immer wieder in ihren Büchern durch. Nun auch noch ihre Liebe zu Norwegen, wo die Autorin lange gelebt hat. "Kieloben" ist eine deutsch-norwegische Familiengeschichte, die vom Zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart reicht und voller Geheimnisse ist - wie in vielen Familien.

"Es wirkt in uns weiter", sagte Inga leise. "Wir fliehen voreinander, weil wir uns gegenseitig an etwas erinnern." Leseprobe

Inga Niemann, Ende 50, Ärztin bei der Rentenversicherung, verwitwet, ein Sohn, der auf Abstand geht und sie mit seinen wechselnden Selbstfindungstrips zur Verzweiflung treibt, eine gute Freundin, eine Datscha in der Uckermark. Ein unspektakuläres Dasein.

Während des Urlaubs auf einer einsamen norwegischen Schäreninsel beginnt sie einen Mailwechsel mit ihren Zwillingsbrüdern Matthias und Markus, der eine ein erfolgreicher Unternehmer, der andere freischaffender Sänger.

Entfremdete Geschwister

Längst haben sich die Geschwister entfremdet. Ihr gemeinsames Thema nun: die Aufarbeitung der Kindheit, die sie alle ganz unterschiedlich erlebt haben.  

Ihr Vater, ehemaliger Marineoffizier, war Sportlehrer, Segler, ein "Draußen-Mensch", aber auch psychisch angeschlagen; die Mutter eine ewig frustrierte Hausfrau, die ihren Kindern wenig Liebe entgegenbrachte.

"Bleib mir weg mit dem ganzen Gewese, dem ganzen Gefühl!" Leseprobe

Beide Eltern waren fleißige Kirchgänger, die Geschwister wuchsen mit Chorälen auf - und mit Strafen.

Hosen runter, Augen und Pobacken zusammengepresst, über den Badewannenrand gebeugt, den kleinen Hintern hochgereckt. Das sausende Geräusch vor dem Klatsch. Leseprobe

Familienmythen, Nostalgisches und Neuralgisches

In langen, auf Dauer etwas ermüdenden Mails und Gesprächen disputieren Inga und ihre Brüder über Wahrheit und Familienmythen, Nostalgisches und Neuralgisches und über Geschwisterrivalität:

"Du warst nicht zu toppen, Matthias. Bei Mama der Erste, immer der Erste. Ich bin Gesangslehrer, du leitest einen halben Konzern." Leseprobe

Schließlich platzt die Bombe. Matthias hat bei Nachforschungen in Archiven festgestellt, dass der Vater während des Kriegs keineswegs so unschuldig war, wie er immer erzählt hatte. Und dann kommt auch noch ein Brief aus Tromsø:

"Euer Vater ist auch meiner." Leseprobe

Richard Niemann hat während der deutschen Besetzung in Norwegen ein Kind gezeugt, Mette Larsson, die auch erst vor Kurzem die Wahrheit erfahren hat und nun Einzelheiten hören möchte. Die Zwillinge - in ihrem Entsetzen endlich vereint - sind außer sich. Inga dagegen beginnt sofort, von einer neuen Großfamilie zu träumen. Nur zögerlich unterstützt von den Brüdern, beginnt sie einen Austausch von Mails und Fotos; über Silvester reist sie nach Tromsø und wird mit offenen Armen aufgenommen. Aber eine schwesterliche Zweisamkeit will sich nicht einstellen. Die kommt erst bei Mettes Gegenbesuch in Berlin zustande.

Gewöhnungsbedürftiger Schreibstil

Karin Nohr schreibt in einem sehr eigenwilligen Stil - sie selbst nennt ihn lakonisch "gewöhnungsbedürftig": Bewusstseinströme und Gedankenfetzen werden reichlich mit Zitaten und Sprichworten garniert. Anstrengend ist das, wenn sie die Dialoge im Drehbuchstil nur noch mit den Namen der Sprecher versieht. Anregend dagegen - allerdings auch ein bisschen gehäuft - sind die vielen Bilder und Vergleiche, die die Autorin findet.

Gegen Ende nimmt die Geschichte noch weiter Fahrt auf: Bei ihrem Besuch in Tromsø hat Inga ein Verhältnis mit Mettes Ex begonnen, der sie ganz nach Norwegen holen möchte.

Wer bin ich, wer will ich sein, wie will ich leben? Karin Nohr hat existenzielle Fragen mit der Aufarbeitung von einem ganz speziellen Kapitel deutscher Kriegsgeschichte verbunden. Das ist keine bequeme Lektüre, aber eine durchaus lohnende.

Kieloben

von
Seitenzahl:
206 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Größenwahn Verlag
Bestellnummer:
978-3-95771-256-1
Preis:
19,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 14.08.2019 | 12:40 Uhr

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