Stand: 23.07.2015 12:40 Uhr  - NDR Kultur

Die große Geschichte hinter der kleinen Welt

Sungs Laden
von Karin Kalisa
Vorgestellt von Jan Ehlert

Acht Autorinnen und Autoren konkurrieren beim Hamburger Harbour Front Festival im September um den Preis für den besten Debütroman. Eine von ihnen ist Karin Kalisa, die in Hamburg studiert hat. Ihr literarisches Erstlingswerk "Sungs Laden" ist im CH Beck-Verlag erschienen.

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"Sungs Laden" ist Karin Kalisas Debütroman. Als Wissenschaftlerin forschte sie im Bereich asiatische Sprachen, Philosophie und Ethnologie.

Irgendetwas war anders in Berlin, das spürte Karin Kalisa sofort. Vor Kurzem war sie von Hamburg in die Hauptstadt gezogen, nach Prenzlauer Berg. Und obwohl sie sich hier wohlfühlte, gab es einen großen Unterschied: "Dass es eben nicht die türkischen Läden waren, sondern die vietnamesischen Läden, in denen man seinen täglichen Einkauf machen konnte. Und das hat dazu geführt, mich zu fragen: Wo kommen eigentlich die Vietnamesen her, warum sind die hier so zahlreich? Dem bin ich dann nachgegangen, um einfach die Welt zu begreifen, die kleine Welt, in der ich da auf einmal lebte."

Traurige Ausgangslage mit großen Möglichkeiten

Hinter dieser kleinen Welt verbarg sich eine große Geschichte: In den 60er-Jahren waren viele Vietnamesen als Vertragsarbeiter in die DDR gekommen, als billige Arbeitskräfte, zeitlich befristet, ohne gleiche Rechte. Daraus hätte ein trauriger Roman werden können, eine Schicksalsgeschichte.

Doch Karin Kalisa entschied sich für etwas anderes: "Ich fühlte mich eher zuständig dafür, Teile der vietnamesischen Lebenswelt zu schildern. Dieses Stück Berlin zu nehmen und zu erproben, wie das, was mir als in gewisser Weise problematisch oder unbefriedigend erschien, nämlich dieses parallele Nebeneinanderherleben, wie das vielleicht aufzulösen wäre und dass das etwas ist, was so einen utopischen Gestus hat, der auch mal ausprobiert, wie etwas gut werden kann, und sich nicht allein und ausschließlich dabei aufhält, alle Zweifel groß werden zu lassen, sondern mit einem gewissen Schwung zu sagen, hey, schauen wir doch mal, was geht."

Ein Ort, wo man alles finden kann

Und es geht so einiges in Kalisas Roman: Ausgangspunkt ist Sungs Laden, ein Ort, der aus der Zeit gefallen scheint. Wo man alles finden kann, was aus anderen Läden längst verschwunden ist: aussortierte DDR-Produkte, Ersatzteile für uralte Geräte und sogar die Zeitung vom Vortag.

"Sung war eher ein Sammler als ein Geschäftsmann. Bei ihm jedoch bekamen die Ladenhüter nicht nur ihr Gnadenbrot, sie bekamen sogar die besseren Plätze in den Regalen […] Wenn sie nicht mehr gingen, durften sie bleiben. Als wolle er ihnen sagen: "Ihr habt den Laden hier in Gang gehalten, nun verramsche ich euch doch nicht einfach, nur weil es gerade eine neue Art von Flaschenöffnern, Schreibblöcken oder Bällen gibt." Buchzitat

Der Besitzer, Sung, ist Einwanderer der zweiten Generation. Mit Vietnam verbindet ihn nicht mehr viel, aber auch in Berlin ist er nicht richtig angekommen. Das ändert sich, als seine Mutter, Hien, bei einer Schulaufführung ihres Enkels eine alte Marionette hervorholt - und so die Vergangenheit zum Leben erweckt. Aber nicht nur diese: Auch der Prenzlauer Berg scheint aus einem langen, lethargischen Schlaf aufzuwachen. Ausgebrannte Lehrerinnen machen freiwillig Überstunden, überforderte Standesbeamte beginnen, neue Sprachen zu lernen, sich für ihre Umwelt zu interessieren - und nach nur wenigen Monaten ist der Stadtteil kaum mehr wiederzuerkennen.

Ein liebevoller Blick auf das Gute im Menschen

Kalisa erzählt all dies mit großer Menschlichkeit, blickt liebevoll auf die Schwächen ihrer Figuren, ohne sie vorzuführen - und ohne sie ihrer wiedergewonnenen Illusionen zu berauben: "Das steht auch in Einklang mit meiner Überzeugung, dass das Vertrauen, auch Dinge wieder zu heilen, dass das auch seinen Raum in der Literatur haben darf und muss, weil ja der Umkehrschluss auch nicht stimmt, dass nur das Literatur sein darf, was sich ausschließlich um das Düstere und Tragische rankt."

Nein, Literatur darf auch optimistisch sein. Kalisas größtes Kunststück ist aber, dass sie diese Geschichte, dieses kleine Sommermärchen, so leicht und beschwingt erzählt; so wohltuend warmherzig, dass man sich fragt, warum es eigentlich nicht häufiger solche wunderbaren kleinen Bücher gibt, die das Schöne im Menschen, das Schöne in den menschlichen Möglichkeiten besingen.

Sungs Laden

von
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
C.H. Beck Verlag
Bestellnummer:
978-3-406-68188-2
Preis:
19,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 23.07.2015 | 12:40 Uhr

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