Stand: 16.07.2017 10:00 Uhr

Die Moral der Bombenleger

In Gesellschaft kleiner Bomben
von Karan Mahajan, aus dem Englischen von Zoe Beck
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Karan Mahajan wurde in Indien geboren und wuchs in Neu-Delhi auf. Heute lebt er in den USA.

In dem kleinen Hamburger Verlag CulturBooks erscheint ein Roman, der in den USA schon zahlreiche Preise abgeräumt hat und für die "New York Times" zu den zehn besten Büchern des Jahres gehört: "In Gesellschaft kleiner Bomben". Die "Huffington Post" erklärte: "In einer Welt nach 9/11 sollte dieser Roman als ein Muss betrachtet werden." Das Buch wurde von einem gebürtigen Inder geschrieben, Karan Mahajan. Seit seinem siebzehnten Lebensjahr lebt der jetzt 33-jährige Autor in Amerika, aber er ist in Neu-Delhi aufgewachsen. Dort spielt der Roman.

Eine kleine Bombe mit 100 Toten

Zwei Brüder, elf und dreizehn Jahre alt, sind mit ihrem zwölfjährigen Freund auf einem Markt unterwegs, weil sie ihren alten Fernseher von der Reparatur abholen sollen. Da explodiert eine Autobombe. Tushar und Nakul Khurana sind sofort tot, ihr Freund Mansoor Ahmed erhebt sich leicht verletzt und rennt verstört vom Ort der Verwüstung weg.

Die Bombe geht im Mai 1996 auf dem Markt in Lajpat Nagar hoch. Karan Mahajan verfolgt im Weiteren die Auswirkungen, die sie auf das Leben nicht nur der Opfer und ihrer Angehörigen hat, sondern auch auf das der Attentäter. Sie sind Kaschmiri, Widerstandskämpfer, die glauben, dass rohe Gewalt die einzige Möglichkeit ist, Gerechtigkeit für sich zu erhalten. Auch wenn ein ganzer Platz in Schutt und Asche gelegt wurde und etwa hundert Menschen ums Leben kamen, war dies für sie nur eine kleine Bombe. Später werden sie ihre Anschläge mit dem Angriff auf das World Trade Center vergleichen und sich für ihre geringe Schlagkraft schämen.

Der Autor lässt auch die Terroristen mit ihren jeweiligen Motivationen zu Wort kommen. Im zweiten Teil des 360-Seiten-Werks, der die Zeit bis 2003 umspannt, lernt Mansoor nach einem Studienaufenthalt in den USA bei einem Peace-for-all-Treffen den jungen Ayub kennen:

"Er dachte an 9/11, ein Verbrechen, das ihm trotz aller religiöser Folgerichtigkeiten immer unverständlich gewesen war, aber welthistorisch gesehen, wenn man die Welt als Dschungel begriff, war klar, dass die Gründe für das Geschehene ganz einfach und offensichtlich waren: Atta und seine Truppe hatten die wachsende Macht einer anderen Gruppe bemerkt und den Tempel dieser Gruppe angegriffen. Was den Tod betraf? Er war nicht wichtig. Wir sind nur Tiere, und wenn wir unserer Trauer einen komplexeren Namen geben, dann nur, weil wir uns einreden wollen, es sei anders." Leseprobe

Eine zynische Sicht auf die Welt

Ayub wird, durch Liebeskummer und Depression geschwächt, unter den Einfluss der Bombenleger geraten, die ihm die zynische Sicht auf die Welt beibringen:

"Und weißt du, was passiert, wenn eine Bombe hochgeht? Dann zeigt sich die Wahrheit über die Menschen. Männer lassen ihre Kinder im Stich und laufen weg. Ladenbesitzer stoßen ihre Frauen zur Seite und versuchen, ihr Geld zu retten. Leute kommen und plündern die Läden. Eine Explosion enthüllt die Wahrheit über Orte. Vergiss nicht, dass das, was du tust, nobel ist." Leseprobe

Viele politisch unkorrekte Aussagen

Trotz solcher Nahaufnahmen aus dem terroristischen Lager gerät Karan Mahajan nie in die Nähe irgendeiner Tendenzliteratur. Der Roman ist voller politisch höchst unkorrekter Aussagen, die mit stiller Lakonie auch wieder konterkariert werden. Bewundernswert ist zudem die Realitätsnähe, mit der das Alltagsleben in Delhi erfahrbar gemacht wird.

Es mag um Religionsdifferenzen gehen, aber sehr viel dreht sich einfach ums Geld und um Klassenzugehörigkeit. Den subtilen Sarkasmus, der in diesem Text mitschwingt, in der deutschen Übersetzung spürbar werden zu lassen, war keine leichte Aufgabe, und der Übersetzerin Zoë Beck gebührt dafür großes Lob.

In Gesellschaft kleiner Bomben

von
Seitenzahl:
376 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Culturbooks
Bestellnummer:
978-3-95988-022-
Preis:
25 €

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