Stand: 06.11.2019 12:16 Uhr

Julian Barnes und seine Lieblingsmaler

Kunst sehen
von Julian Barnes, aus dem Englischen von Gertraude Krueger und Thomas Bodmer
Vorgestellt von Lisa Kreißler

Kunst spielte in den Romanen des britischen Schriftstellers Julian Barnes schon immer eine wichtige Rolle. Bereits in "Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln" war das Gemälde "Das Floß der Medusa" des französischen Malers Géricault Anlass, die Geschichte des sagenumwobenen Schiffbruchs, der dem Bild zugrunde liegt, neu zu erzählen. In seinem neuen Buch "Kunst sehen" nähert er sich schreibend seinen Lieblingsmalern, von der Romanik bis in die Postmoderne.

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Julian Barnes, Freund der französischen Kultur, interessiert neben Malerei und Literatur auch der Dialog der beiden Künste. In "Kunst sehen" nähert er sich seinen Lieblingsmalern.

Der spätimpressionistische Maler Bonnard hatte vor allem ein Motiv: seine Frau Marthe. 385 Mal hat er sie gemalt. Picasso machte sich darüber lustig, wie sehr Bonnard seiner Muse verfallen war. Doch dann kam die Geschichte einer anderen Geliebten Bonnards in Umlauf, einer Frau namens Renée Monchaty, die er eigentlich heiraten wollte. Weil er es aber nicht schaffte, sich von Marthe zu trennen, nahm Renée sich das Leben. Dieses biografische Detail verändert für Julian Barnes den gesamten Blick auf Bonnards Werk.

"Wir können also spekulieren, dass der Maler, nunmehr an seine passiv-aggressive Kerkermeisterin gebunden, für den Rest seines Lebens von Schuldgefühlen geplagt wird; wir können Marthes spätere unerotische Nacktheit ebenso verstehen wie den Umstand, dass Bonnard auf seinen Selbstporträts immer wie ein armseliger, dröger Handelsvertreter aussieht." Leseprobe

Barnes interessiert sich besonders fürs Leben der Künstler

In seinen Kunstgeschichten erzählt Julian Barnes viel über die Biografien seiner 17 Lieblingsmaler. Die meisten davon begegnen sich natürlich im Frankreich des 19. Jahrhunderts, aber auch Lucian Freud hat seinen Auftritt als Diktator in der Postmoderne.

Zwei Spezies von Malerpersönlichkeiten grenzt Barnes voneinander ab. Auf der einen Seite gibt es die potenten Egos von Courbet oder Freud. Sie lieben die Öffentlichkeit, das Drama um ihre Person, und natürlich die Frauen. Das andere Lager bilden die Eremiten. Ihnen geht es vor allem um die aufrichtige Auseinandersetzung mit der Kunst. Dazu zählt auch Georges Braque. "In der Kunst", schrieb er, "besteht Fortschritt nicht in der Erweiterung der eigenen Grenzen, sondern darin, sie besser kennenzulernen."

Annäherung aus verschiedenen Richtungen

Barnes beschreibt Braque als ruhiges Genie. Fleißig und unangreifbar tastet er sich vom Fauvismus zum Kubismus und lässt sich auf den Konkurrenzkampf mit Picasso nicht ein. Picasso wird in auffälliger Weise ausgegrenzt in diesem Band. Ihm widmet der Autor kein eigenes Kapitel. Trotzdem taucht er überall auf wie ein prolliger Clown, immer laut, immer neidisch.

Barnes nähert sich den Künstlern von ganz unterschiedlichen Seiten. Oft über ihre Hybris, aber auch über die Rezeption oder über die Bildbeschreibung:

"Vier schwarz gekleidete Figuren - die Eltern sitzend, die Töchter stehend - auf engem Raum vor einer graubraunen Wand mit der Ecke eines Bildes, das selbst keine belebende Helligkeit bietet; links ist eine Tür, die aussieht, als wäre sie zugeschraubt." Leseprobe

Dieses Familienbild von Fantin-Latours zeigt uns Barnes als Stillleben. Blumen erscheinen in den Bildern dieses Malers lebendiger als jeder Mensch.

Spannende Wechselwirkung zwischen Werk und Biografie

Julian Barnes' Interesse richtet sich vor allem auf die Wechselwirkungen zwischen Werk und Biografie. Seine Künstlerporträts sind sehr informativ. Aber eine Vertiefung des Blicks oder eine aufregende narrative Antwort auf die wundervollen Bilder finden sich in "Kunst sehen" selten. Über Kunst zu schreiben, ist immer ein Wagnis. Das weiß Julian Barnes.

"Diese Bilder sprechen mein Auge, mein Herz und mein Gehirn an - aber nicht den Teil meines Gehirns, der sich mit Worten ausdrückt. Meist spreche ich mit dem idealen Braque'schen Schweigen zu ihnen." Leseprobe

Barnes' Gedanken zur Kunst können es nicht aufnehmen mit der geistigen Frische, mit der etwa Susan Sonntag andere Künste schreibend erobert hat. Aber eines leistet "Kunst sehen" unbestritten: Es feiert die Malerei und macht Lust darauf, sich all die Bilder noch einmal ganz in Ruhe anzuschauen.

Kunst sehen

von
Seitenzahl:
352 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-462-04917-63
Preis:
25,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 07.11.2019 | 12:40 Uhr

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