Stand: 07.11.2018 10:00 Uhr

Eine moderne Gladiatorin

Die Hochhausspringerin
von Julia von Lucadou
Vorgestellt von Ulrike Sárkány

Ein Buch, das nach Ansicht der NDR Kultur Literaturredaktion in diesem Herbst auch in Deutschland einen Preis verdient hätte, steht jetzt auf der Shortlist zum Schweizer Buchpreis: "Die Hochhausspringerin" von Julia von Lucadou. Da die Autorin neben dem Kölner Wohnsitz auch noch einen in Biel (Schweiz) hat, stehen ihre Chancen nicht ganz schlecht.

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Der Roman "Die Hochhausspringerin" spielt in einem Überwachungsstaat, in dem der "gläserne Bürger" Wirklichkeit geworden ist.

In einer gar nicht so fernen Welt, die Julia von Lucadou in diesem Zukunftsroman entwirft, wohnen einige wenige im Zentrum, in dem sie im Luxus und zugleich in der Totalüberwachung leben, während der Rest in menschenunwürdigen Zuständen in der Peripherie vor sich hin vegetiert. Für junge Frauen besteht eine Aufstiegsmöglichkeit darin, Hochhausspringerin zu werden.

"Hochhausspringerinnen sind die Leistungssportlerinnen dieser Welt, also die gehypetesten, sagen wir mal, die beliebtesten. Das ist so eine Mischung aus Base Jump und dem ganz normalen Turmspringen", erklärt die Autorin. "Also Frauen, die sich von Hochhäusern werfen und dann, ganz kurz vor dem Aufprall, einen Flugmodus an ihrem sogenannten Fly Suit aktivieren und wieder in die Höhe schweben. Manchmal eben auch nicht, das ist das große Risiko. Deswegen ist dieser Beruf, oder dieser Sport auch so beliebt bei Zuschauern, weil er diesen Nervenkitzel mitbringt."

Eine Formel, die man aus dem Alten Rom kennt. Menschen gehen in der Arena an ihre Grenzen und schauen dem Tod ins Auge, um dem Publikum einen Kick zu verschaffen. "Meine Hochhausspringerin im Buch ist vielleicht vergleichbar mit einem Instagram-Star von heute", sagt Lucadou. "Sie ist ein bisschen beides: dieses Urantike und gleichzeitig auch das Hochmoderne, Glitzernde. Diese Oberflächlichkeit der Perfektion, die sie verkörpert, das ist, was für mich so sehr zeitgemäß ist."

Zweifel am System

Riva ist die beliebteste Hochhausspringerin von allen, aber sie hat sich zurückgezogen. Sie sitzt apathisch in ihrer Wohnung und verweigert die Performance. Daraufhin wird die Wirtschaftspsychologin Hitomi Yoshida auf sie angesetzt.

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Die Leiterin der NDR Kultur Literaturredaktion, Ulrike Sarkany (r.), hat mit Julia von Lucadou gesprochen.

"Die treibende Kraft im Roman, vor allem für die Protagonistin, aus deren Perspektive ja erzählt wird, ist dieser unglaubliche Fleiß, Ehrgeiz und die damit verbundene Angst vor dem Absturz, vor dem Abstieg", sagt die Autorin. "Hitomi, die Ich-Erzählerin, ist unglaublich motiviert, möchte immer alles richtig machen, möchte immer die höchste Bewertung von ihrem Chef bekommen, was ihre Arbeit angeht - und ist so auch ein wenig getrieben."

Hitomi arbeitet Tag und Nacht, denn ihre Überwachungsbildschirme sind immer aktiv. Sie isst kaum und schläft nur, wenn sie gar nicht mehr kann. Sie hat keine Freizeit und keine Freunde, aber wenn sie weniger arbeiten würde, könnte sie sich das Apartment "nur vier Distrikte von den ersten Flagship-Buildings entfernt" nicht mehr leisten. Erst durch die Beobachtung der so bewunderten und jetzt gegen das Leistungssystem rebellierenden Riva kommt ihr ganz allmählich der Gedanke, dass das vielleicht gar kein Leben ist.

Mögliches Zukunftsmodell

Die Zwänge, unter denen die handelnden Personen stehen, sind selbst gemacht. Von einem tyrannischen Regime ist in Julia von Lucadous Roman nirgends die Rede. Sie meint: "Da gibt es eigentlich gar keine große Instanz, die das politisch überwacht. Sondern die Leute sind so gut darin, sich selbst zu überwachen, die Wirtschaftskonzerne sind so gut darin, die Menschen zu überwachen, dass das vielleicht die neue Regierungsform wäre: Dass die großen Unternehmen den Zugriff auf die Menschen und die Kontrolle haben."

Eine gruselige Zukunftsvision, für die alle Voraussetzungen längst geschaffen sind. Julia von Lucadou, Jahrgang 1982, promovierte Filmwissenschaftlerin, hat eigene Erfahrungen in der Fernsehbranche überzeichnet und auf die Spitze getrieben und daraus eine übrigens auch keineswegs humorfreie Satire gemacht. Ein äußerst gelungenes Debüt!

Die Hochhausspringerin

von
Seitenzahl:
228 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser Berlin
Bestellnummer:
978-3-446-26039-9
Preis:
19,00 €

Dieses Thema im Programm:

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