Stand: 27.08.2020 10:52 Uhr

Jürgen Hosemanns misslungener Tag am Mittelmeer

von Matthias Schümann

Einen ganzen Tag am Meer zu verbringen, also tatsächlich 24 Stunden, das hört sich zunächst einmal romantisch an, zumal wenn es um das Mittelmeer geht und einen Tag im Sommer. Dieser Sehnsucht hat jetzt ein Autor nachgegeben und tatsächlich genau das gemacht: Er hat sich vom frühen Morgen bis zum nächsten frühen Morgen ans Meer gesetzt. Der Autor heißt Jürgen Hosemann, geboren 1967. Er ist eigentlich Lektor beim Fischer-Verlag, und er hat seinen Aufenthalt am Meer nun als kleines Buch, als sein Roman-Debüt veröffentlicht. Passend wie gemalt für diesen Tag: Das Buch heißt "Das Meer am 31. August".

Cover des Buchs "Das Meer am 31. August" von Jürgen Hosemann © Berenberg
Autor Jürgen Hosemann sitzt als Erzähler einen Tag lang am Strand bei Triest. Das ist überhaupt nicht romantisch.

Es ist schwarze Nacht, als Jürgen Hosemann um kurz nach vier Uhr morgens an den Strand kommt. Vom Mittelmeer ist nicht mehr zu hören als ein sanftes Plätschern, zu sehen ist es noch gar nicht. Jürgen Hosemann sitzt als Erzähler am Strand von Garda, einem Badeort bei Triest. Er wartet darauf, dass es hell wird.

Wann wird das Licht kommen und wie? Wird es sich als heller, sich ausbreitender Fleck am Nachthimmel zeigen, oder wird es sich aufs Meer legen, ganz sanft? Leseprobe

Romantische Vorstellung erfüllt sich nicht

Die romantische Vorstellung vom langen Tag am Meer erfüllt sich nicht. Am frühen Morgen rumpeln Baumaschinen über den Strand, die den Schlick wegbaggern und den Sand planieren. Es ist laut, es stinkt nach Diesel. Dann kommt die Müllabfuhr. Ein Liebespaar macht Smartphone-Selfies mit Blitzlicht. Kaum eine halbe Stunde am Meer, hat der Erzähler schon schlechte Laune.

Ich will das Meer sehen, auch wenn es mich nicht sehen will.  Leseprobe

So vertrackt, wie dieser Tag beginnt, ist das ganze Unterfangen. Der Zeitrahmen, den Jürgen Hosemann sich gesetzt hat, ist begrenzt, aber was ihn eigentlich interessiert, ist das genaue Gegenteil.

Wir können am Meer vielleicht so etwas wie eine Ahnung von Ewigkeit spüren. Die Zeit können wir ja nicht sehen, aber das Meer kommt mir immer so vor wie ein Symbol für die Zeit, für die Vergegenständlichung der Zeit.  Leseprobe

Banalitäten am Strand

Gegenständlich wird die Zeit während dieses Tages am Stand durch Banalitäten. Menschen kommen und gehen, die mitgebrachte Brause ist viel zu süß und löscht nicht den Durst. Jürgen Hosemann, bekannt als feinsinniger Lektor der Texte von Zsuzsa Bánk, Roger Willemsen oder Wolfgang Hilbig, kämpft nun die ganze Zeit mit seiner eigenen Wahrnehmung: Obwohl wenig geschieht, entgeht ihm andauernd irgendetwas. Das Licht ist plötzlich da, Schiffe tauchen wie aus dem Nichts auf, genau wie die Strandbesucher. Der Beobachter, er verzweifelt fast.

Ich halte es für möglich, am Meer zu sein und es nicht zu sehen. Leseprobe

Gedanken des Betrachters kreisen um sich selbst

Jürgen Hosemann geht es um das Verschmelzen von Innen und Außen. Als tatenloser Betrachter ist er auf sich selber zurückgeworfen, verwirft ein ums andere Mal das 24-Stunden-Projekt, seine Gedanken kreisen um ihn selbst, und in den besten Momenten entstehen poetische Kostbarkeiten.

Der Wind so sachte, als schiebe er ein Mädchen auf einem Kinderfahrrad. Leseprobe

Und dann weht der Wind ganz sacht eine italienische Tageszeitung herüber. Auf der Titelseite geht es um die Menschen, die am Tag zuvor auf dem Weg übers Mittelmeer ihr Leben verloren. Und der Erzähler stellt fest, dass er diesen Tag auch an einem großen Friedhof verbringt.

Hebt sich jetzt der Vorhang über der Wirklichkeit?  Leseprobe

Sarkastische Beobachtung eines misslungenen Vorhabens

Jürgen Hosemanns 24-Stunden-Projekt ist weltfremd und steckt doch mitten in der Realität. Er beobachtet, wie ihm sein eigenes Vorhaben misslingt. Er beobachtet dies mit Sarkasmus und mit viel Ironie: Den ganzen Tag über formieren sich die Wolken überm Meer in seiner Wahrnehmung zu bedeutungsvollen Worten. Aber am Ende steht da nur noch ein Wort am Himmel: "Trottel".

Die Sehnsucht nach dem Meer treibt das Buch allerdings den Leserinnen und Lesern nicht aus. Denn Hosemann trifft auch perfekt diese sonnenschwere Trägheit eines Tages am Strand.

Das Meer am 31. August

von Jürgen Hosemann
Seitenzahl:
112 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Berenberg
Bestellnummer:
978-3-946334-82-8
Preis:
18 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 31.08.2020 | 12:40 Uhr

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