Stand: 10.03.2018 16:30 Uhr

Erinnerungsbuch an die DDR

Graustufen - Leben in der DDR in Fotografien und Texten
von Jürgen Hohmuth (Hrsg.)
Vorgestellt von Lenore Lötsch

Ein Bildband, der "Graustufen" heißt und in dem es um die DDR geht - das klingt nicht so, als würde da sehr viel Neues erzählt. Doch der Berliner Fotograf Jürgen Hohmuth hat nicht nur sein Archiv durchforstet und die üblichen Bilder von leeren Schaufenstern und maroden Innenstädten mit akkurat gepinselten Parolen ausgegraben.

Er hat 200 Fotos ausgewählt und sie 40 namhaften Autoren von Marion Brasch bis Hans Eckardt Wenzel, von Lutz Seiler bis zum Rammstein-Keyboarder Flake gezeigt und sie um Texte gebeten. Entstanden ist ein Bildband, in dem Alltagsszenen und persönliche Erinnerungen an die DDR mal in Prosa, mal in Gedichtform verschmelzen.

Viele Motive erinnern an die eigene Kindheit

Jürgen Hohmuths Schwarz-Weiß-Fotografien funktionieren wie Türöffner: Man ist sich sicher, diese graue Straße zu kennen, den Kiosk und die Straßenlaterne, die immer noch brennt, dabei ist es halb zwölf mittags, wenn man der Uhr in der Bildmitte vertrauen kann. Man schwört, das ist die Stadt der eigenen Kindheit: Brandenburg an der Havel, Mitte der 80er-Jahre. Man riecht die Luft, eine Mischung aus Stahlwerksdunst und Kohleöfenqualm.

"Nein", sagt der Fotograf Jürgen Hohmuth, "das ist Berlin-Lichtenberg. Da sind ganz viele Sachen dabei, die könnten überall in der DDR gewesen sein, oder die könnten auch zehn Jahre früher in Westberlin gewesen sein. Das geht zum Teil soweit, da kommen Leute und behaupten, sie sind auf diesen Bildern drauf und ich weiß absolut hundertprozentig: Sie sind es nicht, weil das eben meine Tochter oder meine Frau ist, die sich da am Mauerstreifen sonnt."

Blick für die Zwischentöne

Hohmuth ist ein dokumentarischer Fotograf mit dem typischen Blick der DDR-Künstler für die Zwischentöne. So, wie auf dem Foto vom Gorbatschow-Besuch 1989 in Berlin: Eine Schulklasse stützt sich auf das Straßengeländer, die Schüler mit den Fähnchen stehen seit Stunden, zum Winken abgeordnet. Im Hintergrund leuchtet der Schriftzug: "Raumausstatter" und genau daran anschließend hält ein Berliner ein Bild von Gorbatschow hoch.

Unweigerlich spielt da die Erinnerung die passende Tonspur von Politbüromitglied Kurt Hager ab, der, mit Blick auf Gorbatschows Perestroika-Kurs fragte: "Würden Sie, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?"

Der Alltag vor 30 Jahren wird spürbar

Hohmuths Schwarz-Weiß-Fotografien aus dem untergegangenen Land zeigen, wie es aussah auf den Straßen, in den Hinterhöfen, auf den Fensterbrettern, aber beim Lesen der Texte fühlt, hört, spürt und entdeckt man nach 30 Jahren den Alltag wieder: Etwa wenn Flake sich erinnert an die Küche seiner Eltern, wo das spannendste Utensil die Wäscheschleuder war, die auf dem Holzhocker stand und unrund lief, bedrohlich rüttelte, wenn sie wieder mal falsch gepackt war.

Dass die Menschen auf den Straßen selten ohne Einkaufsbeutel zu sehen sind - auch das ist ein bisher wenig erforschtes Merkmal der Spezies "DDR Bürger". Nur die oftmals mürrischen Gesichter, sagt Fotograf Jürgen Hohmuth, sollte man nicht überinterpretieren:

"Gehen sie doch heute mal durch die Straßen in Rostock", empfiehlt der Fotograf, "und gucken sie, wer lacht auf der Straße! Wenn man in die Tiefe der Bilder guckt, find ich vieles gar nicht so traurig oder depressiv. Das hat immer mit dem eigenen Blick zu tun, mit dem man da raufguckt. Das Leben war 17 millionenfach unterschiedlich, und jeder hat seine eigene Erinnerung, und dafür lassen wir hier 40 Autoren Raum."

Den richtigen Augenblick treffen

Doch sie erinnern sich nicht nur, sie schaffen auch literarische Miniaturen, wie etwa Jürgen Rennert, der eine alte Dame mit durchgedrückten Rücken vor dem Warnemünder Leuchtturm so beschreibt: "Die Nemesis, Rentnerin aus dem Fischkombinat, bewahrt auf steinernem Sockel wie ungerührt menschliche Würde und Haltung."

Fotograf Jürgen Hohmuth erinnert sich: "Als ich das Foto in Warnemünde gemacht hab, war ich hier, weil ich hab für einen Polizeiruf als Standfotograf gearbeitet, und ich hab diese Frau gesehen und hab gedacht: Oh! Bild! Und dann kommt so ein Moment, und dann weiß man, wofür man das macht."

Hohmuths Fotos werten nicht

Der Bildband "Graustufen" mit Fotos aus den letzten zehn Jahren der DDR ist ein Erinnerungsbuch für die, die dabei waren, und er könnte eine Entdeckungsreise sein für die, die es nicht waren: Denn er erzählt vielstimmig, vorurteilsfrei, subjektiv und ohne Verklärung von der Buntheit im Grau.

"Es war eben nicht schwarz-weiß", erklärt Hohmuth, "es gab jede Form von Abstufung, und da wollen wir hin: Dass man es nicht wertet und sagt, es war gut / es war böse, es war ein wunderbares sozialistisches Experiment / oder es war ein Verbrecherstaat. Das war es auch; wenn man es so erlebt hat und empfunden hat, konnte es das sein, aber es konnte auch alles dazwischen sein."

Graustufen - Leben in der DDR in Fotografien und Texten

von
Seitenzahl:
144 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
21 x 24 cm, 70 Abbildungen, Hardcover
Verlag:
Edition Braus
Bestellnummer:
9783862281688
Preis:
29,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 11.03.2018 | 17:40 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Juergen-Hohmuth-Hrsg-Graustufen,graustufen102.html

Mehr Kultur

15:23
NDR Info

Oregon (1996)

18.06.2018 22:05 Uhr
NDR Info
02:29
Hamburg Journal

"Fame - Das Musical" im First Stage Theater

18.06.2018 19:30 Uhr
Hamburg Journal
03:49
DAS!