Stand: 20.08.2020 10:52 Uhr

Judith Zander über das Erwachsenwerden einer Mecklenburgerin

von Claudia Ingenhoven

Als Judith Zander ihren ersten Roman veröffentlichte, "Dinge, die wir heute sagten", wurde sie gleich für allerlei Preise nominiert. 2010 war das. Die Geschichte einer Frau, die sich aus der DDR nach Irland abgesetzt hatte und nach der Wende in ihr mecklenburgisches Dorf zurückkam. Diese Geschichte kam bei den Leserinnen und Lesern gut an und auch bei der Kritik. Zehn Jahre später erscheint nun ihr neuer Roman: "Johnny Ohneland".

Cover des Buchs "Johnny Ohneland" von Judith Zander © dtv
Eine erlebnishungrige junge Frau aus einem mecklenburgischen Dorf bilanziert ihr eigenes Erwachsenwerden.

Nur ihre Mutter nennt sie noch Joana, alle anderen haben sich an den Namen Johnny gewöhnt. Den hat ihr ihr Bruder verpasst, und sie fühlt sich als Johnny ausgesprochen wohl. Beide sehen aus wie Zwillinge, dabei ist er ein Jahr jünger. Was ihre Schulkameradinnen beschäftigt -  wer mit wem, wer gegen wen - das vertrauliche Flüstern und Kichern, das bleibt Johnny fremd.

Einsamkeit und Wortkargheit im mecklenburgischen Dorf

Ihre Tage dehnen sich zwischen Einsamkeit und Langeweile. Zu Hause wird wenig gesprochen. Der Vater schläft, wenn er aus seiner Bäckerei kommt, die Mutter ist wortkarg, wie die meisten in ihrem mecklenburgischen Dorf. Wenn es mal emotional zu werden droht, kommt allenfalls eine Lebensweisheit über die Lippen.

Wenn du’s dir zu doll wünscht, passiert’s nicht, freu dich mal nicht zu früh, man hat schon Pferde kotzen sehen … Mitgefangen, mitgehangen. Leseprobe

Die Mutter verlässt die Familie

Als Johnny eines Morgens einen Zettel auf dem Küchentisch vorfindet, passt keine Lebensweisheit mehr. So etwas hat es hier noch nie gegeben - weder vor der Wende noch danach. Die Mutter hat sich verabschiedet. Sie schreibt nicht, wohin, nur, dass sie das Familienleben leid ist, dass sie noch mal neu starten will, dass die Kinder mit 16, 17 Jahren alt genug sind. Johnny und ihr Bruder rücken näher zusammen. Sie hören Musik von den Rainbirds und von Patti Smith und träumen davon, sich in jemanden zu verlieben.

Johnnys erste Liebeserfahrungen

Die erste richtige Liebesgeschichte erlebt Johnny allerdings erst, als sie zum Studium nach Finnland geht. Mit Loïc, einem Studenten aus Luxemburg. Er im tadellosen Oberhemd, sie im groben Strickpullover. Die beiden entdecken und genießen ihre Körper und verhelfen sich gegenseitig zu einer Sensation: sich in der eigenen Haut wohl zu fühlen.

Endlich kann Johnny so jungenhaft sein, wie sie mag. Bis, wie aus heiterem Himmel, Loïc seine Abreise mitteilt. Er wolle sich nicht länger etwas vormachen, er sehne sich nach einem richtigen Jungen. Johnny ist fassungslos. Und stürzt sich in die nächste Verliebtheit. Diesmal  in ihre Mit-Studentin Tuomi. Wochenlange Nähe, Tanzen, Ausflüge machen sie stark. Aber die Affäre endet im Desaster als Johnnys Bruder zu Besuch kommt.

Stets wolltest du die Dinge können, beherrschen, Ahnung haben von ihnen, ohne dich ganz auf sie einzulassen (…) Du standest nicht zufällig am Rande, wie du langsam merktest, auch nicht schicksalsverdonnert. Du wolltest in Wahrheit dort stehen. Und alles auch wieder sein lassen können. Leseprobe

Bilanz des eigenen Erwachsenwerdens

Judith Zander erzählt uns die Geschichte einer erlebnishungrigen jungen Frau, die ihr eigenes Erwachsenwerden bilanziert. Sie lässt sie auf den Steinen sitzen, wie Thomas Mann seine eigensinnige Tony Buddenbrook. Johnny spricht von sich selbst als Du. Du wolltest Dich nicht festlegen, Du wolltest in kein Schema gedrängt werden.

Mühsame Lektüre

Die Bilanz ist verpackt in eine kunstfertig verdichtete Sprache, in abwägende, prüfende Sätze. Oft muss man Absätze zweimal lesen, um ihren Kern zu erfassen. Manchmal durchaus mit Gewinn. Judith Zander ist schonungslos, wenn sie das widerstreitende Bedürfnis ihrer Heldin benennt, Nähe zu finden und Abstand zu beanspruchen. Gerade die Liebesszenen zwischen körperlicher Erfüllung und sich anschließendem Fluchtimpuls gelingen ohne jede Plattitüde.

Aber die Lektüre ist mühsam, und irgendwann stört das Zurückblättern müssen den Lesefluss so, dass man die Lust verliert. Um die Suche nach einem neuen weiblichen Rollenverständnis zu illustrieren, hätte es nicht immer neue Affären gebraucht. Weniger wäre mehr gewesen.

Zum Schluss der über 500 Seiten wird der Roman allerdings noch mal spannend. Johnny spricht endlich von sich in der ersten Person. Ich will Dir etwas erzählen, ich will, dass du mir zuhörst. Das Du ist jetzt ihrem Gegenüber vorbehalten.

Johnny Ohneland

von Judith Zander
Seitenzahl:
528 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
dtv
Bestellnummer:
978-3-423-28235-2
Preis:
25 €

Dieses Thema im Programm:

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