Juan Gabriel Vásquez: "Lieder für die Feuersbrunst" © Schöffling & Co.

Juan Gabriel Vásquez: "Lieder für die Feuersbrunst"

Stand: 02.02.2021 16:08 Uhr

Der kolumbianische Schriftsteller Juan Gabriel Vásquez hat in den 80er- und 90er-Jahren die Gewalt in Kolumbien und die Macht des Drogenbosses Pablo Escobar erlebt.

von Tobias Wenzel

Er ist der zurzeit erfolgreichste lebende kolumbianische Schriftsteller: Juan Gabriel Vásquez. Für den Roman "Das Geräusch der Dinge beim Fallen" hat er bedeutende Literaturpreise erhalten. Gerade ist sein neuer Erzählband in deutscher Übersetzung erschienen: "Lieder für die Feuersbrunst".

"Die Gattung Erzählung eignet sich meiner Meinung nach besonders gut dazu, ein Gefühl oder mehrere Gefühle einzufangen. In einem Roman zu versuchen, bestimmte Gefühle einzufangen, wäre wie Mücken mit einem Thunfisch-Netz zu jagen", meint der Autor.

Zufälliges Zusammentreffen mit Roman Polanski

Was Juan Gabriel Vásquez damit sagen will, wird bei der Lektüre seines neuen Erzählbandes "Lieder für die Feuersbrunst" deutlich. Etwa in der autobiografisch grundierten Geschichte "Flughafen".

Ende der 1990er-Jahre studierte Vásquez in Paris und hielt sich mit kleinen Jobs über Wasser. So war er Komparse bei einem Dreh an einem Flughafen für Roman Polanskis Film "Die neun Pforten". Dreißig Jahre zuvor war die damals hochschwangere Frau des Regisseurs von Anhängern des Sektenführers Charles Manson ermordet worden.

Nach dem Dreh wurde Vásquez von einem seltsamen Gefühl erfasst: "Ich habe dabei eine innere Unruhe gespürt, das war wie ein Stachel, den man nicht los wird. Ich habe es mir so erklärt: Ich hatte aus nächster Nähe einen Mann, Polanski, gesehen, der in einem Moment seines Lebens Opfer einer Gewalttat, des Mordes an seiner Frau, geworden war. Da habe ich mich gefragt, welche Beziehung es zwischen dieser Tat und dem Dreh eines Films geben könnte, in dem fiktionale Gewalt vorkommt. Das hat mich zu unterschiedlichen Überlegungen geführt. Die Erzählung war die beste Form, die ich finden konnte, um das auszuarbeiten."

In den Büchern des Autors ist Gewalt immer präsent

Gewalt, im Hintergrund schwelend oder in den Vordergrund schnellend, ist generell sehr präsent im von Susanne Lange herausragend übersetzten Erzählband "Lieder für die Feuersbrunst". Auch, weil die Heimat des Autors, Kolumbien, ein Land ist, das von Bürgerkriegen und einem bewaffneten Konflikt verheerend gezeichnet wurde.

Was löst die gewaltsame Geschichte, die Last der Vergangenheit überhaupt, bei den einzelnen Menschen aus? Die Frage treibt diesen Autor in all seinen Büchern an, und das macht auch seinen neuen Erzählband so lesenswert.

Die Beschreibung von Stimmungen ist Vásquez' Stärke

Allerdings büßen Vásquez' Erzählungen viel von ihrer literarischen Wirkung ein, wenn der Autor seine Texte mit recherchierten Details überfrachtet oder wenn er sich auf die Metaebene begibt, etwa seinen Erzähler über das Erzählen sinnieren lässt.

Ein großer Könner ist Vásquez immer dann, wenn der verkopfte Rechercheur in ihm zurücktritt und er Stimmungen und Spannungen beschreibt und ganz nah bei seinen Figuren ist.

In der Erzählung "Frau am Ufer", der überzeugendsten des ganzen Bandes, kehrt eine Fotografin nach zwanzig Jahren auf eine Hacienda zurück und erinnert sich daran, wie sie damals durch eine Lüge die wahren Gefühle eines Mannes gegenüber einer verunglückten Frau zutage förderte.

Sprachgewaltige Schilderungen

In der Titelgeschichte "Lieder für die Feuersbrunst" spannt Vásquez den Bogen vom ausgehenden 19. Jahrhundert über den ersten Weltkrieg bis in unsere Zeit und schildert berührend und sprachmächtig das gewaltsame Ende einer feministischen Vorkämpferin in einem bis heute gespaltenen Land. Der Sohn kann den konservativen Killern entkommen:

Er kletterte zweihundert Meter hinunter, bis in das kleine Tal, und von dort aus, Arme und Wangen erbarmungslos von den Kaffeezweigen aufgeschrammt, blickte er nach oben, wo sein Haus stand, und sah, dass neues Licht die Nacht erhellte und dass dieses Licht Feuer war, sein Haus eine riesige Fackel, lodernd vor dem nächtlichen Himmel. Leseprobe

Lieder für die Feuersbrunst

von Juan Gabriel Vásquez, aus dem Spanischen von Susanne Lange
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Schöffling
Bestellnummer:
978-3-89561-018-9
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 03.02.2021 | 12:40 Uhr

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