Stand: 11.02.2020 12:40 Uhr  - NDR Kultur

Jonathan Coe über die komischen Seiten des Brexit

Middle England
von Jonathan Coe, aus dem Englischen von Cathrine Hornung und Dieter Fuchs
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg

Jonathan Coe gilt als einer der gegenwärtig wichtigsten Schriftsteller Großbritanniens. Es ist eine ebenso komische wie tragische Bestandsaufnahme der Nation. Man kann es als Fortsetzung seiner früheren Romane "Erste Riten" und "Klassentreffen" verstehen, viele seiner Figuren tauchen hier wieder auf - sie sind nur 30 Jahre älter geworden. Aber auch mit diesem Roman "Middle England" kann man in das Werk von Jonathan Coe einsteigen.

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Für sein neues Buch hat Coe einen Preis für den "besten Roman des Jahres" bekommen.

Warum auf englischem Boden trockener, unwiderstehlicher, abgründiger Humor so mühelos gedeiht, wird ewig ein Rätsel bleiben. Jonathan Coe schafft es, die nicht wirklich rosige politische Lage, das ganze Gerangel um den Brexit und seine Ursachen, mit so viel Witz zu beschreiben, dass es eine Freude ist, diesen Roman zu lesen. Außerdem lernt man eine Menge über die politische Entwicklung, über den Zustand der Medien, über dumpfe Ressentiments und letztlich auch über Literatur.

Ein ambitioniertes Buch-Projekt 

Benjamin Trotter ist die Hauptfigur. Er hat eine alte Wassermühle auf dem Land gekauft und arbeitet dort an seinem "Opus magnum". Wobei man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, das liefe vorerst unter dem Arbeitstitel "Ruhige Kugel". Aber Benjamin trifft sich mit seinen Freunden, einem Journalisten, einem ehemaligen Lehrer, einem Verleger. Er hat seine Vorarbeiten in mehreren Reisetaschen dabei.

"Wie hast du das hingekriegt, Ben? Hast du nie daran gedacht einfach aufzuhören?" "Ich kann nicht aufhören, sagte Benjamin, "bis ich das Ende erreicht habe." Leseprobe

Die Freunde sind nahezu erschlagen von dem Material. Philipp, der Verleger, teilt es auf. Einer liest die politischen Kapitel, einer die persönlichen, einer beschäftigt sich mit der Musik, die ein großes Thema in diesem Konvolut ist. Dann findet Philipp die Lösung. Er reduziert den Stoff auf eine Liebesgeschichte, die darin steckt. Das große Liebesdrama. Er sagt zu Benjamin:

"Da schreibst du auf einem völlig anderen Niveau." "Aber das ist doch nur ein Bruchteil, so zweihundert Seiten!" "Stimmt, aber weißt du, zweihundert Seiten sind eine gute Länge für einen Roman. Viel besser als fünftausend." Leseproben

Das ist eine ziemlich bittere Kröte, die er da schlucken soll. Aber von so bestechender Weisheit, dass er sich dem Rat seines Verlegerfreundes eben auch nicht entziehen kann.

Große politische Themen amüsant erzählt

Dies ist eine von den vielen kleinen Geschichten, die Jonathan Coe zu einem grandiosen Teppich verwebt. Dabei entsteht ein intensiver Eindruck von der Stimmung im Lande. Doug, der Journalist, hat das Gefühl, nicht mehr adäquat schreiben zu können über dieses Hauen und Stechen in der englischen Politik, wo eine kleine falsche Bemerkung, ein Ausrutscher wichtige Wahlentscheidungen beeinflusst.

Jonathan Coe packt gewieft ambitionierte Themen an und man folgt ihm, weil er es versteht, uns zwischendurch mit makellosen Slapstick-Szenen bei Laune zu halten. Etwa, wenn er mit entwaffnender Komik, kühn und geschmackssicher eine Liebesszene, bei der es zunächst nicht so recht klappt, in einen Wandschrank verlegt. Die beteiligte Frau heißt Jennifer. Sie ist sexuell durchaus entzückt: "Mir scheint, wir sind im Geschäft."

Wir auch. Das Buch hat ganz nebenbei auch einen eigenen, schwer zu definierenden Sexappeal. Man lebt weiter mit den Figuren. Ein "Geschmacksverderber" - danach wird Ihnen lange nichts anderes schmecken!

Middle England

von
Seitenzahl:
480 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Folio
Bestellnummer:
978-3-99037-101-5
Preis:
25,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 11.02.2020 | 12:40 Uhr

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