Stand: 06.07.2020 09:57 Uhr

Bücher, die David Bowies Leben veränderten

von Andrea Gerk

Superstar David Bowie war nicht nur ein passionierter Kunstsammler, sondern auch ein begeisterter Leser. Das kann man auf vielen Fotos sehen, die den Künstler in ein Buch vertieft zeigen. Welche Bücher ihn so tief bewegt haben, dass sie sein Leben verändert haben, dazu hat Bowie drei Jahre vor seinem Tod eine Liste mit hundert Buchtiteln zusammengestellt. Und über diese Liste wiederum hat nun der britische Journalist John O'Connell ein Buch geschrieben: "Bowies Bücher. Literatur, die sein Leben veränderte."

Cover des Buchs "Bowies Bücher" von John O'Connell © Kiwi-Verlag
John O'Connells Buch über Bowies Lieblingsbücher.

Als David Bowie von der Zeitschrift "Vanity Fair" gefragt wurde, was seiner Vorstellung des perfekten Glücks am nächsten komme, antwortete er: "Lesen." Tatsächlich gibt es viele Fotos, die ihn in ein Buch vertieft zeigen, er war mit Autoren wie William Boyd befreundet und besaß eine mobile Bibliothek, eine Art Koffersystem, in das rund 1.500 Bücher passten, die er auf Reisen mitnahm. Als 2013 im Londoner Victoria&Albert Museum die Ausstellung "David Bowie Is" eröffnet wurde, erschien auch eine Liste mit hundert Büchern, von denen Bowie überzeugt war, dass sie sein Leben verändert haben. Der Journalist John O'Connell hat dazu nun hundert kurze Texte geschrieben, in denen er mögliche Verbindungen zeigt zwischen Bowies Werk und seinen Büchern - etwa "Clockwork Orange", Listenplatz 1:

1972 bediente sich Bowie der Verwegenheit und Schockwirkung von Burgess' Buch für seine legendäre Verwandlung in den "aussätzigen Messias" Ziggy Stardust, einen bisexuellen Alien-Rockstar mit fluffigem rotem Haar und einer Schwäche für asymmetrisch zusammengenähte Ganzkörperanzüge, der schließlich von seinen Fans ermordet wird. Leseprobe

Einiges, was O'Connell einfällt, ist durchaus naheliegend - wie der Zusammenhang zwischen "Clockwork Orange" und Ziggy Stardust. Meistens sind seine Überlegungen zu Bowies Büchern aber ziemlich überraschend, vielschichtig und witzig. Etwa, wenn er sich bei William Faulkners Roman "Als ich im Sterben lag" - die Nummer 34 auf der Liste - fragt, ob sich Bowie wohl an die wichtige Rolle erinnerte, die Zähne in diesem Buch spielen, als er sich in den späten Neunzigern sein schiefes Gebiss richten ließ. Vieles, was sich auf Bowies Leseliste befindet, ist durchaus überraschend. Das reicht von Klassikern wie Homers "Ilias" und Dantes "Inferno" über Flauberts "Madame Bovary" bis zu der britischen Comic-Reihen "The Beano". Bowie las aber auch monumentale historische Abhandlungen wie Orlando Figes' "Tragödie eines Volkes" und deutsche Bücher wie Döblins "Berlin Alexanderplatz" und Christa Wolfs "Nachdenken über Christa T.". Bei diesem Roman aus dem Jahr 1968 vermutet O'Connell, dass Bowie ihn womöglich zweimal gelesen hat, einmal 1976, als Biermann ausgebürgert wurde …

… und dann in den 2000ern, als Bowie damit beschäftigt war, aus der nostalgischen Erinnerung auf seine Berlinzeit künstlerische Kräfte zu schöpfen. Bowies von Trauer gezeichnete Comeback-Single "Where Are We Now?" ist von Wolfs Einfluss durchdrungen. Ein in der Zeit verlorener Mann, der mit den Geistern der Verstorbenen durch die Straßen streift, und die Menschenmengen, die über die Bösebrücke am Grenzübergang Bornholmer Straße strömen. Leseprobe

Sicherlich wünscht sich jeder Bowie-Fan, sein Idol hätte selbst etwas mehr zu den einzelnen Büchern auf seiner Liste verraten als die kurzen Bemerkungen, die von ihm überliefert sind, zum Beispiel als er 1999 dem Magazin "Q." sagte: "Ich liebe Stephen King. Der jagt mir eine Heidenangst ein." Aber auch gemeinsam mit John O'Connell ist der Ausflug in Bowies Buchwelt äußerst amüsant und anregend. Eine Art Lese-Biografie, ein Stück Pop- und Zeitgeschichte, das zeigt wie sehr David Bowie als Künstler und Kunstfigur inspiriert war von Bildender Kunst, Theater, Film und natürlich von Literatur. Dass O'Connell zu jedem Buch auch noch einen Song empfiehlt, den man - wie ein gutes Glas Wein - dazu genießen soll, macht "Bowies Bücher" zu einem klugen und vielschichtigen Trostbuch für alle, zu deren Lebens-Soundtrack Bowies Musik dazugehört.

Bowies Bücher

von John O’Connell
Seitenzahl:
384 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-462-05352-4
Preis:
16,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 06.07.2020 | 12:40 Uhr

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