Stand: 31.08.2016 10:50 Uhr  - NDR Kultur

Der Versuch, normal zu sein

Wie alle anderen
von John  Burnside, aus dem Englischen von Bernhard Robben
Vorgestellt von Tobias Wenzel
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Der schottische Autor hat Englisch und europäische Sprachen studiert und ist heute Professor für Kreatives Schreiben.

Mit Romanen wie "Glister" wurde John Burnside zu einem international angesehen Autor. Aber einem breiten Publikum wurde er mit seinem Bestseller "Lügen über meinen Vater" bekannt. Darin erinnert sich Burnside an seine traurige Kindheit in Schottland und seinen trinkenden Vater. Nun ist mit "Wie alle anderen" Burnsides zweiter Erinnerungsband auf Deutsch erschienen. Darin beschreibt Burnside, wie er als junger Mann selbst alkoholsüchtig war und den Weg in die Normalität suchte.

 Psychisch krank nach einer schwierigen Kindheit

"Man sieht Muster, wo keine sind, hört Stimmen im allgemeinen Grundrauschen, sieht Gott oder den Teufel im letzten Rest Fertignudeln", erinnert sich John Burnside in seinem neuen Buch "Wie alle anderen" an die 80er-Jahre, als er noch, wie er selbst sagt, "richtig verrückt" war, nämlich schizophren.

Die traumatische schottische Kindheit, die stark von seinem gewalttätigen Vater geprägt war, hatte er da längst hinter sich gelassen. Aber John Burnside wurde selbst süchtig nach Alkohol und Drogen und er wurde psychisch krank. Schließlich lief er aus einer Klinik weg und beschloss, wie alle anderen zu sein, also ein bürgerliches Leben zu führen. Überraschenderweise bekam er, der zuletzt Gärtner war, eine Stelle als Programmierer beim Landwirtschaftsministerium.

Der Wunsch, ein normales Leben zu führen

"Die Kollegen wussten, dass ich nicht normal war. Niemand fragt einen normalen Menschen 'Würdest du meine Frau für mich töten?' Aber genau darum hat mich ein Kollege gebeten. Selbst in Anzug und mit Krawatte musste ich wohl etwas an mir haben, was Menschen denken ließ: 'Der ist der Typ, der meine Frau für mich umbringt.' Auch wenn sie damit natürlich falsch lagen. Dann hatte ich noch Rückfälle mit psychotischen Schüben. Normalität sah anders aus." Leseprobe

 Auch Alkohol trank er wieder. Burnside ist mit "Wie alle anderen" ein sprachlich herausragendes, wunderbar feinfühliges, aber gerade nicht larmoyantes Erinnerungsbuch geglückt. Das hat Bernhard Robben gekonnt übersetzt. Wir folgen Burnside, diesem eigenwilligen Menschen, auf seiner oft auch tragikomischen Suche nach Normalität bis nach Kalifornien. Wir hören diesem hochsensiblen und bis heute unter Schlaflosigkeit leidenden Autor gebannt zu, wenn er über die Seelen der Toten spricht.

"Nachts stehe ich auf, streiche durchs Haus und lausche ihren Stimmen, sehe sie, wie sie einst waren, und die alte religiöse Vorstellung, das Leben sei ein Geschenk, scheint mir dann akzeptabler als meist im hellen Tageslicht. So oft wie es nur geht, bleibe ich allein, doch fühle ich mich nie völlig allein, solange die Toten da sind, die Toten in ihren Uniformen, Schürzen oder Sonntagskleidern." Leseprobe

Auf der Suche nach einer Alternative

Bald ist klar, dass Burnside einfach nicht für das Jedermann-Leben gemacht ist. Psychisch krank sei er heute nicht mehr, schreibt er, aber manchmal habe er noch irrationale Wahrnehmungen. Er suche nach einer Alternative zu langweilig "normal" und pathologisch "verrückt" und er vergleicht diesen anzustrebenden Glückszustand mit dem Fliegen.

Man fühlt sich leicht nach der Lektüre von "Wie alle anderen", den behandelten schweren Themen zum Trotz. Leicht und zugleich nachdenklich. Denn dieses Buch regt den Leser dazu an, die gängige Definition von normal und verrückt zu hinterfragen.

Wie alle anderen

von
Seitenzahl:
320 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Knaus
Bestellnummer:
978-3-8135-0714-0
Preis:
19,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 01.09.2016 | 12:40 Uhr

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