Cover des Buches "Wir sind dann wohl die Angehörigen" von Johann Scheerer. © Piper Verlag

Die Reemtsma-Entführung aus Sicht des Sohnes

Stand: 15.03.2021 12:59 Uhr

1996 wurde der Hamburger Millionenerbe Jan Philipp Reemtsma entführt. 2018 ist das Buch "Wir sind dann wohl die Angehörigen" erschienen - mit den Erinnerungen seines damals 13-jährigen Sohnes Johann Scheerer an diese Zeit.

von Patric Seibel

Cover des Buches "Wir sind dann wohl die Angehörigen" von Johann Scheerer. © Piper Verlag
"Wir sind dann wohl die Angehörigen"-Autor Johann Scheerer wurde 1982 in Henstedt-Ulzburg geboren und arbeitet heute als Musiker und Musikproduzent.

Der Literaturwissenschaftler und Erbe Jan Philipp Reemtsma kam 1996 nach 33 Tagen kam er gegen Zahlung eines Lösegelds von 30 Millionen D-Mark wieder frei. Er hat damals ein Buch über seine Entführung geschrieben: "Im Keller" wurde zu einem Bestseller. Unter dem Titel "Wir sind dann wohl die Angehörigen" schildert Reemtsmas damals 13-jähriger Sohn Johann seine Erinnerungen an diese Zeit. "Diese Geschichte war für mich nie weg", sagt Johann Scheerer. "Es ist nicht so, dass vor 22 Jahren etwas passiert ist und mir plötzlich einfällt: Da war doch was ... darüber könnte ich mal schreiben."

Entführung aus dem eigenen Haus

25. März 1996: Jan Philipp Reemtsma kommt abends nicht aus seinem Arbeitszimmer im zweiten Haus der Familie zurück. Seine Frau geht hinüber und findet Kampfspuren, Blut und einen Erpresserbrief, beschwert mit einer scharfen Handgranate. "Ich hatte am Vorabend mit meinem Vater für eine Lateinarbeit gelernt - und mein erster Gedanke, als meine Mutter mir erzählte, dass mein Vater entführt worden ist, war: Ein Glück, jetzt muss ich diese Lateinarbeit nicht schreiben."

Schlechtes Gewissen wegen ersten Gedankens

Die Erleichterung über die ausgefallene Lateinarbeit dauerte nur Sekunden, das schlechte Gewissen hielt sich jahrelang. Nachdem Johann Scheerer die Worte seiner Mutter realisiert hatte, überfällt ihn der Schock. "Ich dachte: Ok, er ist entführt und ist jetzt entweder tot oder wird sehr bald sterben, wird ermordet werden. Ich habe das die ganze Zeit gedacht - von der ersten bis zur letzten Sekunde."

Suche nach versteckten Botschaften

Die Nacht der Entführung verändert das ganze Leben. Polizisten ziehen ins Haus ein. Das Wohnzimmer wird verkabelt, Ermittlungstechnik installiert. Die Briefe des entführten Vaters liest zuerst die Polizei. Verbirgt sich hinter der Bitte Reemtsmas an den Sohn, ein Lied der Band Die Ärzte zu spielen, eine versteckte Botschaft?

"Ich wurde gebeten, die Texte der Ärzte rauszusuchen, aufzuschreiben und darüber zu referieren", erzählt Scheerer. "Die Texte der Ärzte sind ja manchmal schlüpfrig oder zweideutig - und das als 13-Jähriger vor der Polizei referieren zu müssen oder auch vor der Mutter ... das ist wirklich die beste Art, jemandem den Revolutionsgedanken durch Musik auszutreiben."

Dramatische Ereignisse und komische Episoden

Scheerer gelingt es brillant, die 33 Tage der Entführung als Wechsel zwischen dramatischen Ereignissen, bizarren Wendungen und komischen Episoden zu schildern. Nach quälenden Wochen voller Ungewissheit, Warten, Hoffnung und Verzweiflung, Polizeipannen und gescheiterten Geldübergaben, kommt die erlösende Nachricht: Jan Philipp Reemtsma ist frei. "Er sah anders aus als vorher, hatte deutlich abgenommen, hatte einen Bart und sah völlig fertig aus", erinnert sich Scheerer. "Ich habe ihn umarmt - aber es war nicht so romantisch, wie man sich das wünscht."

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Liebeserklärung an den Vater

Johann Scheerer ist ein besonderes Buch gelungen. Es erzählt auf mehreren Ebenen die Geschichte einer Entführung. Gleichzeitig schafft er es, absolut glaubwürdig von der Gefühlswelt eines bedrängten Teenagers zu berichten - und, oft mit indirekter Beleuchtung, einen Familienroman zu erzählen. Und nicht zuletzt ist das Buch eine Liebeserklärung an seinen Vater, den Intellektuellen, der jede freie Minute mit Lesen verbringt, aber auch den Sohn nachts um 2 Uhr weckt, weil ein Boxkampf übertragen wird. Jan Phillip Reemtsma kam frei - ein Happy End ohne Kratzer aber hat die Geschichte nicht, wie Scheerer sagt: "Auch wenn man als Opfer eines Verbrechens ungern sagt, dass da etwas zurückgeblieben ist - ist es doch so."

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Wir sind dann wohl die Angehörigen

von Johann Scheerer
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Piper-Verlag
Bestellnummer:
978-3-492-05909-1
Preis:
20 Euro €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 01.03.2018 | 11:55 Uhr

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