Stand: 08.07.2019 16:31 Uhr

Ein Blinder mit Blick für die Kunst

Blinder Galerist
von Johann König mit Daniel Schreiber
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
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Johann König erzählt, wie es ihm als Blinden gelingt, den Blick für die Kunst zu bewahren.

Mit Ende 30 seine Memoiren zu schreiben, scheint ein bisschen sehr früh. Aber für Johann König war es genau der richtige Zeitpunkt, zusammenzufassen, was ihm bisher geschah. Er ist einer der wichtigsten Galeristen in Deutschland. Die Künstlerinnen und Künstler, die er vertritt, sind in den Museen und bedeutenden Sammlungen der Welt vertreten. Er kann durch einen Unfall fast nichts sehen. So nennt er sein Memoir "Blinder Galerist".

Kunst bestimmte Johann Königs Kindheit

Wie Johann König erzählt, gab es in seiner Kindheit keine kunstfreien Tage, keine Zeit, in der es nicht irgendwie um Kunst ging. Sein Vater Kaspar König war Kurator, Ausstellungsmacher, Direktor des Kölner Museums Ludwig. Seine Mutter Schauspielerin und Illustratorin. Eine Babysitterin meinte einmal bei ihm zu Hause vor einem Gerhard-Richter-Gemälde:

"Ach, das kann ich auch." Ich habe ihr dann als Knirps erklärt: "Es geht aber nicht darum, dass man es nachmachen kann, sondern darum, dass man es zuerst macht." Aus heutiger Sicht klingt das sehr altklug. Aber Kinder saugen in der Umgebung, in der sie groß werden, alles auf. Leseprobe

Unfall beim Spielen mit einer Startschusspistole

Vielleicht war es sein Glück, von dem er bis heute zehrt. Man hat ihn als Kind ernst genommen, ihn möglichst überall mit hingenommen und ihm sehr viel Kunst erklärt. Das hat er in seinem Kopf abgespeichert. In den wichtigsten Lernjahren, die ein Mensch hat, entsprechende Raster gebildet. Als er zwölf Jahre alt war, spielte er mit der Munition einer Startschusspistole und es kam zu dem entsetzlichen Unfall, bei dem er 80 Prozent seines Augenlichtes verlor.

Für jeden Menschen ist es ein Alptraum, gefesselt und blind in einem Bett zu liegen und nichts dagegen unternehmen zu können. Für einen Zwölfjährigen fühlt sich diese Situation noch schlimmer als ein Alptraum an. Man ist noch zappelig, der Körper befindet sich in den Anfängen eines hormonellen Aufruhrs. Leseprobe

Die Eltern unterstützen und fördern ihren Sohn

Kaspar König nimmt seinen Sohn weiterhin mit zu seiner Arbeit, er bekommt eine Art Assistentenstelle bei ihm:

Ihn hat schon immer ein radikaler Pragmatismus ausgezeichnet. Er hat mir nie zu verstehen gegeben, dass ich irgendetwas nicht mehr könnte oder dürfe. Er hat mich immer daran erinnert, wie wunderbar es sei, nicht völlig erblindet zu sein. Glück im Unglück. Leseprobe

Wie sagte die Tante Jolesch bei Friedrich Torberg? Gott bewahre uns vor allem, was noch ein Glück ist! In diesem Fall handelt es sich um die Weitergabe eines sehr wichtigen Talents: inneres Rüstzeug gegen die Widrigkeiten des Lebens.

Johann König versucht, in seinem Leben irgendwie immer mit leichtem Gepäck zu reisen, und er eröffnet mit 20 Jahren seine erste Galerie - als praktisch blinder Mensch! Was für eine ungewöhnliche Stärke!

Er versteht seine Kindheit als Privileg, mit Künstlern, ihren Werken, ihren Haltungen und ihren Ideen aufgewachsen zu sein. Durch eine Art Osmose konnte er von klein auf vieles erfahren, was andere Menschen erst während des Studiums lernen.

Unkomplizierter Umgang mit der Behinderung

Es gibt ein Fernsehinterview mit Johann König in seiner Galerie in Kreuzberg in der St. Agnes Kirche. Ein Schauspieler betritt den Raum. Als König ihn beinahe umrempelt, sagt er: "Oh, entschuldige, ich hab' dich nicht gesehen". Er nimmt anderen absolut die Scheu, mit ihm umzugehen.

Der Schriftsteller Oskar Baum, der ebenfalls sehr früh sein Augenlicht vollständig verloren hatte, beschrieb einmal eine Begegnung mit Franz Kafka. Er habe am Lufthauch gespürt, dass Kafka sich vor ihm verbeugt habe. Das könnte man hier auch tun, und er kann es ja schemenhaft ruhig sehen, die Verneigung.

Johann Königs Lebenserinnerungen hat er zusammen mit dem brillanten Autor Daniel Schreiber verfasst. Ein Kritiker meinte, der einzige Vorwurf, den man diesem Buch machen könne, sei, dass es zu kurz sei. So wartet man gern auf Teil zwei.

Blinder Galerist

von
Seitenzahl:
168 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Propyläen bei Ullstein
Bestellnummer:
9783549076422
Preis:
24,00 €

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