Stand: 07.05.2019 12:33 Uhr

Erwachsenwerden zwischen zwei Welten

Max, Mischa & die Tet-Offensive
von Johan Harstad, aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein
Vorgestellt von Agnes Bührig

Die Buchmesse Frankfurt wirft ihre Schatten voraus: In diesem Jahr erscheinen in deutscher Übersetzung besonders viele Romane aus Norwegen, dem Gastland in Frankfurt 2019. Darunter ist "Max, Mischa & die Tet-Offensive", ein gewaltiges Epos von mehr als 1.200 Seiten, die Geschichte von Max, der als Junge mit der Familie von Stavanger nach New York zieht und sich dort eine neue Heimat suchen muss. Der Autor ist Johan Harstad, einer der renommierten jüngeren Schriftsteller Norwegens.

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Die Cover-Grafik auf seinem Roman hat Johan Harstad selbst gestaltet.

Mischa ist Künstlerin mit Wurzeln in Kanada und Freundin von Max, dem Protagonisten des Romans "Max, Mischa & die Tet-Offensive" von Johan Harstad. Nachdem er als 13-Jähriger Anfang der 90er-Jahre gewissermaßen entwurzelt worden ist und mit seiner Familie Norwegen verlassen hat, gibt sie ihm schon seit vielen Jahren Halt.

"Ich liebte sie mehr denn je. Und war unsicher, ob dies der richtige Moment war, es ihr zu sagen. Ihre dünnen Finger, der kanadische Akzent, vor allem wenn sie Toronto sagte und es sich anhörte wie Toronno oder about, was klang wie abeut, und wie sie lachte und sich mit diesem charakteristischen Knick im Handgelenk den Bauch hielt, wenn ich etwas besonders Lustiges sagte, (...) ich liebte sie, weil sie schmatzte und nie merkte, wenn ihr noch Essensreste zwischen den Vorderzähnen hingen, und auch nicht beleidigt war, wenn ich sie darauf aufmerksam machte; (...) ich liebte sie, weil es ihr egal war, ob ihre Socken dieselbe Farbe hatten oder nicht." Leseprobe

Auf Heimatsuche in einer neuen Kultur

Es geht um Liebe in diesem Roman, ums Erwachsenwerden zwischen zwei Welten, um die Suche nach Heimat. Die findet Max auch in der Kultur: Mit Mischa diskutiert er über Kunst, sein bester Freund Mordecai ist Schauspieler, er selbst wird Regisseur. Er zieht zu Onkel Owen, der einst wegen der Jazz-Szene nach New York ausgewandert ist und als Vietnam-Veteran endet. Ganz anders als Max selbst, der wegen einer neuen Stelle des Vaters seine Heimatstadt Stavanger verlassen musste, wo sie als Kinder im Wald Vietnamkrieg spielten und heimlich den Kriegsfilm "Apocalypse Now" sahen.

"Noch Wochen später plagt mich die Erinnerung an die Soldaten bei der Do-Lung-Brücke (...) Nachts ist mir schlecht, ich habe Angst, die Wände meines Zimmers färben sich grün, rotbraun, rosa und orange, die Hubschrauber fliegen draußen vor meinen Gardinen vorbei, und eine unendliche Reihe weiß bemalter Ureinwohner, die fast wie Leichen aussehen, segelt mit weit aufgerissenen Mündern durch das offene Fenster herein, und jetzt rasen die Hubschrauberschwadronen auf mein Bett zu, wirbeln die Decke hoch, und die Jagdbomber werfen über meinem Kopfkissen Napalm ab." Leseprobe

Ein vielseitiger Autor

Johan Harstad, Jahrgang 1979, stammt wie Max aus Stavanger, der Ölstadt an der Süd-Westküste Norwegens. Nach dem Literaturstudium begann er Kurzgeschichten zu veröffentlichen, 2005 erschien sein erster Roman, der zur Fernsehserie wurde. Später entstanden Theaterstücke und grafische Arbeiten. Auch das Cover seines Buches hat der Norweger selbst gestaltet. Zu Beginn des Schreibens macht er Skizzen, um ein Projekt auch visuell zu verstehen. Auch bei Künstlerin Mischa im Roman spielt die Sprache im Schaffensprozess eine Rolle.

"Was Mischa Grey mit 'Toronto Precision' anstrebte, war die Entwicklung eines Strichcodesystems ihres Gedächtnisses, um es visuell scannen und dadurch Zugang zu besonderen Erinnerungen erhalten zu können. (...) und auf diese Weise, über Assoziationen und Konnotationen, auch anderen die Möglichkeit zu geben, Zugang zu ihren oder zu den eigenen Erinnerungen zu finden. (...) Als sie das Gefühl hatte, mehr als genug Rohmaterial gesammelt zu haben, um mit der Arbeit beginnen zu können, machte sie sich daran, die Länge der niedergeschriebenen Erinnerungen auf fünf bis zehn Wörter zu reduzieren. (...) und so herauszufinden, mit welcher Farbe es verknüpft sein sollte." Leseprobe

Johan Harstad ist eine gut geschriebene "great american novel" gelungen. Max' Suche nach Zugehörigkeit zwischen Norwegen und den USA trägt - auch über mehr als 1.000 Seiten, - weil sie geschickt mit Reflexionen über Theater, Kunst und Jazz und der Zeitgeschichte Amerikas verwoben wird - vom Vietnamkrieg bis zu 9/11. Es ist ein Roman, der einen zum Nachdenken über Kultur anregt - auf dem Kunstmarkt wie als Lebensthema zweier Liebender in turbulenten und prekären Zeiten des Erwachsenwerdens.

Max, Mischa & die Tet-Offensive

von
Seitenzahl:
1248 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-03033-9
Preis:
34,00 €

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