Stand: 10.09.2020 10:52 Uhr  - NDR Kultur

Die komischen Aspekte einer Krankheit

Hamster im hinteren Stromgebiet
von Joachim Meyerhoff
Vorgestellt von Katja Weise

Der bei Schleswig aufgewachsene Schriftsteller und Schauspieler Joachim Meyerhoff hat viele Fans. Seine autobiografischen Romane sind Bestseller. Als vor drei Jahren der vierte Band seiner Reihe "Alle Toten fliegen hoch" herauskam, war die Hamburger Elbphilharmonie bei der Buchpremiere bis auf den letzten Platz besetzt.

Joachim Meyerhoff: "Hamster im hinteren Stromgebiet" © Kiepenheuer & Witsch
Meyerhoffs neues Buch macht seine gerade erlittenen Schlaganfall zum Thema.

Danach sollte Schluss sein mit dieser Form der autobiografischen Erzählung, doch jetzt hat Meyerhoff noch einen fünften Band hinzugefügt. Nun erscheint "Hamster im hinteren Stromgebiet". Auslöser war ein Schlaganfall kurz nach dem 51. Geburtstag.

Die Frage, ob er über seinen Schlaganfall schreiben wollte, hat sich für Joachim Meyerhoff nicht gestellt. Er sagt: "Ich musste. Sie werden durch so ein Ereignis tief verunsichert. Bei mir hatte es mit dem Schock über die Diagnose zu tun, über dieses Wort, das mir da begegnet ist. Deswegen habe ich sehr schnell angefangen, schon im Krankenhaus, diesem eigene Worte entgegenzusetzen. Denn so ein Ereignis, das will ja immer das Narrativ an sich ziehen, die Erzählung. Ich musste irgendwie sehr viele Worte finden, um diesem Schlaganfall zu begegnen."

Schreiben als Aufarbeitung der Krankheit

Er hat sehr viele gefunden, um sich zu behaupten und: Es ist ihm gelungen. Denn herausgekommen ist - bei aller Betroffenheit - kein Betroffenheitsbericht. Auch wenn der Ton nachdenklicher ist als in den Romanen, in denen Joachim Meyerhoff aus Kindheit, Jugend und jungem Erwachsenenleben erzählt: Sein Humor hat ihn nicht verlassen. Er schreibt über die ersten Momente nach dem Schlaganfall:

Um mich zu vergewissern, dass meine Erinnerung nicht gerade dabei war zu kentern und für immer in der Tiefsee zu versinken, machte ich einen Selbsttest und suchte nach irgendwelchen Textzeilen. Absurderweise verhakte ich mich in einem Schlager, an den ich Jahrzehnte nicht mehr gedacht hatte. Ich sang innerlich: Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur du denkst.  Juliane Werding, flüsterte ich. Alle sahen mich besorgt an. Leseprobe

Komische Beschreibungen mit ernstem Hintergrund

Im Krankenwagen rezitiert er dann aus Goethes "Faust". Meyerhoff-Leserinnen und -Leser kennen diese Mischung schon: Was vordergründig komisch klingt, worüber man sich manchmal ausschütten möchte vor Lachen, hat fast immer einen bitteren Nachgeschmack, denn einfach nur witzig ist Meyerhoff nie, es steckt immer mehr dahinter: "Weil ich immer finde, dass nur in dem Zusammenspiel von Komik und Ernsthaftigkeit Autonomie wirklich entsteht", erklärt der Autor.

Zu den Episoden, in denen das besonders gelingt, gehört eine nächtliche Übung in der Klinik. Schlaflos wälzt sich Meyerhoff im Bett, tritt schließlich auf den Flur und entdeckt dort Geländer, die den Schlaganfall-Patienten beim Gehen helfen sollen: Er sagt dazu: "Das erinnerte mich dann sofort an die Schauspielschule, an den Ballettsaal und dann habe ich mich so festgehalten in meinem armseligen Nachthemdchen da und hab so Pliés gemacht und Ballettübungen. Ich fand das in diesem Moment nicht lustig, aber wenn ich jetzt daran denke, dass ich da gestanden habe, 1,90 m groß in meinem Hemdchen und Pliés mache, dann gefällt es mir natürlich umso mehr."

Viele Erinnerungen an Kindheit und Jugend

Das ist Meyerhoff pur. Das gilt auch für viele Episoden, in denen er sich an Ereignisse in Kindheit und Jugend erinnert. Etwas anders verhält es sich, wenn er von seinen Kindern und seinen Frauen erzählt. Da fehlt spürbar und verständlicherweise der Abstand, haarscharf schrammt Joachim Meyerhoff hier in manchen Formulierungen am Kitsch vorbei.

"Natürlich haben meine Beteiligten, meine Familie, alle dieses Manuskript dann bekommen und durften es lesen, und es sind auch ein paar Sachen rausgeflogen, wo meine Töchter gesagt haben, also das möchte ich wirklich jetzt nicht über mich lesen, Papa, das geht zu weit. Dann bin ich der erste, der sagt, na klar, kein Problem", erklärt der Autor.

Alle Bücher von Joachim Meyerhoff sind liebe-voll - Liebeserklärungen an Menschen, die er verloren hat, an Menschen, die noch bei ihm sind. Liebeserklärungen auch, um es ein bisschen pathetisch zu formulieren, an das Leben. Das zu lesen stimmt gerade in diesem Fall nachdenklich, aber es macht eben auch Spaß.

Hamster im hinteren Stromgebiet

von
Seitenzahl:
320 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-462-00024-5
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 10.09.2020 | 12:40 Uhr

Jane Gardam: "Robinsons Tochter" © Hanser Berlin
4 Min

Jane Gardam: "Robinsons Tochter"

Jane Gardams Roman "Robinsons Tochter" ist ein Buch voller Geheimnisse und Überraschungen. Dessen rebellische Protagonistin Polly Flint bleibt dem Leser im Gedächtnis. 4 Min

Lydia Davis: "Es ist, wie's ist" © Droschl Verlag
4 Min

Lydia Davis: "Es ist, wie's ist"

Mit wenigen Worten gelingt es Lydia Davis tief in die Abgründe der menschlichen Psyche zu schauen und auch hinter noch so perfekte Fassade zu blicken. 4 Min

Fabio Geda: "Ein Sonntag mit Elena" (Cover) © Hanser
4 Min

Fabio Geda: "Ein Sonntag mit Elena"

"Ein Sonntag mit Elena" ist eine wunderbare Lektüre, unterhaltsam und ernsthaft zugleich, mit beschwingtem Humor. Ein absolutes Wohlfühlbuch in schwierigen Zeiten. 4 Min

Ein Mann hält einen Stapel Bücher. © NDR
5 Min

Nathaniel Hawthorne "Der scharlachrote Buchstabe"

Der erste Ehebruchsroman, noch vor „Anna Karenina“, spielt im puritanischen New England und kreist um die Frage menschlicher Schuld und das Problem des Bösen. 5 Min

Cover des Buchs "Schwitters" von Ulrike Draesner © Penguin
4 Min

Ulrike Draesner: "Schwitters"

Ulrike Draesners bild- und einfallsreicher Roman erzählt von dem Künstler, von seiner Beharrlichkeit und seinem Humor auch im Exil. 4 Min

Mehr Kultur

Stadtteilarchiv Ottensen © NDR Foto: Antonia Reiff

Lebendige Geschichte im Stadtteilarchiv Ottensen

Seit 40 Jahren gibt es das Stadtteilarchiv in Hamburg-Ottensen, eine Gruppe von Frauen hatte 1980 mit der Archivarbeit angefangen. Aktuell sind die Besucherzahlen Corona-bedingt eingebrochen. mehr

Regisseur Oskar Roehler (r.), Filmfestleiter Albert Wiederspiel (Mitte) und Schauspieler Oliver Masucci bei der Eröffnung des Filmfests Hamburg © NDR Foto: Patricia Batlle

Filmfest Hamburg gestartet: Mit 76 Filmen um die Welt

Das Filmfest Hamburg hat mit dem Fassbinder-Biopic "Enfant Terrible" begonnen. Bjarne Mädel und Moritz Bleibtreu haben mit ihren jeweiligen Regiedebüts am Freitag Premiere gefeiert. mehr

Freddy Quinn - Auftritt 1982 - Die Große Freiheit Nr. 7 © picture-alliance / Jazz Archiv Foto: Hardy Schiffler

Freddy Quinn: Die Stimme der Sehnsucht

Der Sänger und Schauspieler verkörpert das Bild des einsamen Seefahrers wie kein anderer. Dabei stammt Freddy Quinn aus Österreich und fuhr niemals zur See. Im September ist er 88 Jahre alt geworden. mehr

Cover des Buchs "Zurück in Sommerby" von Kirsten Boie. © Oetinger

Kirsten Boie veröffentlicht Sommerby-Fortsetzung

Eigentlich war eine Fortsetzung nicht geplant, aber nun gibt es sie doch: Mit "Zurück in Sommerby" knüpft Kirsten Boie an den überraschenden Erfolg von "Sommer in Sommerby" an. mehr