Joachim Lottmann: "Sterben war gestern" © Kiepenheuer & Witsch

Joachim Lottmann: "Sterben war gestern"

Stand: 15.03.2021 10:11 Uhr

Joachim Lottmann wird von seinen vielen Gegnern gern "Vielschreiber", "Popliterat" sowieso und "Lügenbaron" genannt. Wenn seine vielen Anhänger das sagen, meinen sie das natürlich liebevoll.

von Stefan Maelck

Der gebürtige Hamburger, der inzwischen in Wien lebt, ist hervorgetreten mit Büchern wie "Mai, Juni, Juli", "Endlich Kokain" und zuletzt "Alles Lüge", einem Roman zur Flüchtlingskrise. Nun, endlich, der neue Lottmann: "Sterben war gestern". 

Joachim Lottmann, Erfinder der deutschen Popliteratur (zumindest in seiner eigenen Erfindung), Erfinder des sogenannten Borderline-Journalismus, Erfinder von Joachim Lohmer, der natürlich eigentlich, zumindest meistens, Joachim Lottmann ist: dieser Lottmann kam uns zuletzt mit einem Roman zur Flüchtlingskrise.

Der Ton des Autors ist zuweilen nicht politisch korrekt

Während die letzten überlebenden Großautoren noch im Kämmerchen brüteten, was man sagen darf, was politisch und humanistisch korrekt wäre und was man besser lässt, haute Borderline-Pfadfinder Lottmann erst mal lässig raus, was ihm so aufgefallen und aufgestoßen war zwischen September 2015 und 2016: Eurokrise, Flüchtlingskrise, Silvesternacht in Köln.

Apropos überleben: Darum geht es in Lottmanns neuestem Streich "Sterben war gestern". Denn gerade in Vor-Pandemie-Zeiten kommt Lottmanns Alter Ego, dem Jugendforscher Joachim Lohmer, ein Buch eines Kollegen gerade recht.

Wichtig zu wissen ist, erstens, dass ich gerade Yuval Hararis Buch "21 Lektionen für das 21. Jahrhundert" gelesen hatte. Dort beschreibt der Autor unsere nahe Zukunft, in der wir - jedenfalls die Wohlhabenden unter uns - 120 Jahre alt werden und gesund bleiben oder sogar erst werden. Zweitens kam ich gerade aus dem Fitnessstudio. Das wäre keine besondere Nachricht, eher fragt man sich, wie ich da hineinkam, ich, ein Mann in den besten Jahren, der noch alle Tassen im Schrank hatte und am Samstag den "Spiegel" las. Was sollte ein intelligenter Mensch wie ich in solch einem Folterkeller für Gehirnlose? Leseprobe

Lottmann ist ein Autor, der polarisiert

Da ist er sofort wieder, dieser typische Lottmann-Lohmer Ton. Den man ablehnt oder bewundert, dazwischen geht nicht. Während Lohmer sich nun also auf weitere 60 Lebensjahre einstellen muss, merkt er schnell, dass dabei Fluch und Segen dicht nebeneinander liegen.

Seine Frau Harriet hat ihn im teuersten Fitnesstempel Berlins angemeldet, für die zweite Lebenshälfte winkt also Dauermuskelkater und die ständige Gesellschaft von Greisen, die ihre Reha-Übungen ausführen. Geld muss ja nun auch wieder verdient werden, bei dieser Lebenserwartung. Also muss Lohmer wieder als Jugendforscher arbeiten und herausfinden, was sie ausmacht, die Jugend von heute. Der Auftrag kommt von Heinz-Christian Gurkenmeier, Besitzer eines demoskopischen Instituts.

Dieser Typ hatte ein echtes Problem. Obwohl er natürlich perfekt und durchgehend den sogenannten "Jugendjargon" beherrschte und von sich gab (ich will nicht das Wort 'sprechen' verwenden), biss er bei der neuesten Generation auf Granit. Das war, wie gesagt, die Generation Y, auch Generation Greta genannt. Hatte er bei den vorangegangenen Millennials noch fett abräumen können, weil seine Glatze, zerbeulten Jeans und Muscle-T-Shirts von keinem der toleranten Muttersöhnchen wirklich konsequent abgelehnt wurde, stieß er bei den in diesem Jahrhundert Geborenen nicht einmal auf Ablehnung. Er wurde nicht mehr wahrgenommen. So wandte er sich an mich, obwohl er mich nicht leiden konnte. Wahrscheinlich dachte er, ich könne wenigstens gut schreiben, sodass die getürkten Inhalte nicht auffielen. Leseprobe

Schreiben über Dinge, von denen man keine Ahnung hat

Gerade als Lohmer so richtig loslegen will, sich mit der geheimnisvollen Influencerin Lana de Roy verabredet und auch andere junge Menschen befragt, schickt ihn seine Frau Harriet erst mal auf Fastenkur. Statt über eine Generation zu schreiben, die er nicht kennt, soll er darüber berichten, was er im Kloster erlebt.

Der Leser wird sich trotzdem mächtig langweilen, weil literarische Protokolle über Wassersuppen und Kräuter-Tees, Gymnastik und Stuhlgang, Eichhörnchen und Schlaflosigkeit nur solche Germanisten goutieren, die schon die Tagebücher Thomas Manns im Eichenschrank stehen haben. Für den Fortgang meiner Entwicklung zum neugeborenen jungen alten Menschen, der Alter und Sterben hinter sich lässt, also ganz im Sinne Yuval Hararis, ist dieser Schritt aber womöglich von Bedeutung. Leseprobe

Lohmer kehrt schlank zurück, pendelt weiter zwischen Wien und Berlin, wo er mit Lana de Roy Parties besucht und beschließt, einen Roman aus seinen Generation-Greta-Erfahrungen zu machen. Dabei trifft er in Folge vor allem desinteressierte und desorientierte junge Menschen, die nicht durch Menschen, sondern Maschinen geprägt sind und den Spaß gegen die Moral eingetauscht haben. Menschen, die ihm, dem weißen jungen alten Mann, die Schuld für alles geben, das aber nicht wirklich begründen oder differenzieren können.

Die Zukunft liegt in Facebook

Dann kommt Corona. Die Facebook Gemeinde schwenkt von Klimawandel auf Pandemie, und Lohmer lernt nun im Netz alles, was er wissen muss für sein Buch.

Innerhalb von zwei Stunden hatten mehrere Hundert Hater den Shitstorm gegen mich mit Kommentaren oder Likes aufgebläht. Und mit einem Mal begriff ich: Das ist die Zukunft! Da geht sie hin, die ewige deutsche Hass-Energie, nämlich in den Kampf gegen alle vermeintlichen Gegner der nun kommenden neuen Ideologie, die sich als natürliche Folge der bald unumgänglich werdenden diktatorischen Strukturen bilden musste. Denn es war mir klar, dass beim bevorstehenden Infarkt der globalen Wirtschaft nur ein totales Notstandsregiment die Welt retten konnte und würde. Leseprobe

Natürlich liest sich auch der neue Lottmann wie ein großes Thesenpapier, aber eines, das die Handlung nicht aus dem Auge lässt, auch wenn Lohmer den Rat bekommt, auf Handlung gänzlich zu verzichten, weil dann sei das nämlich automatisch Weltliteratur.

Lottmann schwadroniert und zitiert, er versteigt und überhebt sich, macht sich über andere genauso so lustig, wie über sich selbst, mixt reale mit fiktiven Figuren und rast mit seinem Wartburg durch die Themenparks der Gegenwart. Das kann keiner so perfekt wie der Lügenbaron-Lottmann, der mit seinem neuen Roman nun quasi unsterblich geworden ist.

Sterben war gestern

von Joachim Lottmann
Seitenzahl:
352 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-462-00071-9
Preis:
12,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 15.03.2021 | 12:40 Uhr

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